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28/09/2016

„Der typische Brexit-Befürworter will aus Angst vor Überfremdung den Austritt“

EU-Innenpolitik

„Der typische Brexit-Befürworter will aus Angst vor Überfremdung den Austritt“

Der Brexit ist beschlossen. Viele Fragen verbleiben nach wie vor unbeantwortet, ganz besonders, was Brexit eigentlich bedeutet.

Foto: Shutterstock

Kurz vor dem Brexit-Referendum ist längst nicht klar, wie sich die Briten entscheiden. Meinungsforscher Holger Geißler erklärt im Interview mit EurActivs Medienpartner “WirtschaftsWoche”, wer in der EU bleiben und wer sie verlassen will.

Holger Geißler ist Head of Research beim Meinungsforschungsinstitut YouGov.

WirtschaftsWoche Online: Herr Geißler, in Ihren Meinungsumfragen zum Brexit-Referendum liegen die EU-Gegner vorn. Die Buchmacher in den Wettbüros gehen hingegen von einem Verbleib aus. Die Quoten wären gut. Zeit, Geld zu setzen?

Holger Geißler: Bei unserer jüngsten Meinungsumfrage haben sich tatsächlich 42 Prozent der Briten für den Verbleib ausgesprochen und 44 dagegen. Das ist so nah beieinander, dass beide Entscheidungen möglich sind. Vor zwei Tagen lag Remain noch einen Punkt vorn. Ich würde lieber aus Spaß darauf setzen, dass Albanien die EM gewinnt. Persönlich glaube ich, dass Großbritannien EU-Mitglied bleibt. Darauf zu wetten, lohnt sich aber kaum.

Die Ergebnisse der Meinungsumfragen liegen seit Wochen nah beieinander – woher kommt dieses Kopf-an-Kopf-Rennen?

Viele Briten haben erst in den vergangenen Tagen begonnen, sich ganz bewusst mit dem Thema zu beschäftigen. Das verändert die Aussagen. So langsam wächst auch die Sorge vor den Folgen des Brexits. Es ist das eine, Wochen vor dem Referendum auf die EU zu schimpfen. Eine ganz andere ist es, dann sein Kreuzchen zu machen.

In dieser Atmosphäre können einzelne Ereignisse den Ausschlag geben. Der Mord an der Labour-Politikerin und Brexit-Gegnerin Jo Cox…

… hat dem Referendum nochmal eine ganz neue Schwere gegeben. Schon die Frage, ob die Tat politisch motiviert war, könnte bei Unentschlossenen den Reflex auslösen, dass die Leave-Anhänger zu stark radikalisiert sind. Zugleich hat das Aussetzen des Wahlkampfs nach dem Attentat für eine  Pause gesorgt, die die Chance zum Reflektieren gab. Jetzt geht der Wahlkampf in unverminderter Lautstärke weiter.

Ein hoher Prozentsatz der Briten hat sich bislang gar nicht entschieden.

Bis zu 15 Prozent sind unentschlossen. Diese Bürger werden den Ausschlag geben. Je nachdem was noch passiert und für welche Seite sie sich entscheiden, kann es ein sehr knappes Rennen werden. Es gibt aber Hoffnung für die EU-Anhänger: Andere Abstimmungen wie das Referendum in Schottland haben gezeigt, dass die Unentschlossenen aus Risikoaversion heraus für den Status Quo stimmen.

Wer für den Verbleib stimmt, hat Angst?

Er befürchtet zumindest, dass es Großbritannien insgesamt und ihm persönlich nach dem Austritt wirtschaftlich schlechter gehen könnte. Das sind die Hauptgründe, für den Verbleib zu stimmen. Die Unterstützer der Leave-Bewegung sorgen sich dagegen vor allem vor dem Zuzug von Einwanderern aus Osteuropa. Grob gesagt stimmen sie aus der Sorge vor Überfremdung für den Austritt. Außerdem hat die EU-Skepsis eine lange Tradition in Großbritannien. Das Selbstverständnis als Königreich passte für viele nie damit zusammen, nur Teil einer europäischen Union zu sein.

Die Briten sind verunsichert

Also sind es eher Gefühle als rationale, ökonomische Argumente, die den Ausschlag geben?

Die Situation ist für die Wähler ja nicht einfach: Zwei lautstarke Kampagnen mit guten Argumenten für beide Positionen. Und es geht um die Zukunft, die sich nur schwer vorhersagen lässt. Die Wähler wissen nicht, wie es ihrem Land zukünftig gehen wird. Dazu kommt, dass die politischen Lager auch nicht klar bezüglich der Brexit-Frage sind.

Die Trennlinie zwischen EU-Gegnern und Befürwortern läuft mitten durch die Parteien?

Die politischen Lager sind zumindest nicht so eindeutig, wie man erwarten könnte. Es sind eher die Wähler der Konservativen, die aus der EU wollen. David Cameron, immerhin der Parteivorsitzende der Conservative Party, hat sich aber klar für den Verbleib ausgesprochen. Einige Labour-Politiker wie Jeremy Corbyn haben lange mit einem klarem Bekenntnis zur EU gehadert. Seine Wähler sind aber mehrheitlich für den Verbleib. Das verunsichert die Wähler zusätzlich.

Was macht die Anhänger der Leave-Bewegung aus?

Der typische Brexit-Befürworter ist älter. Er lebt in der englischen Provinz oder in Arbeiterstädten, ist selbst Arbeiter oder gehört der unteren Mittelklasse an. Die jungen Engländer, die Iren, Waliser und Schotten wollen dagegen eher in der Union bleiben. Die Bürger im kosmopolitischen London sind ohnehin pro EU. Die soziale Stellung spielt bei der Einstellung zur EU ebenfalls eine Rolle. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Zustimmung zur EU wächst, je höher die Bildung ist.

Welche Auswirkungen hat das Gezerre in England auf Deutschland?
Breiter Konsens in Deutschland ist, dass Großbritannien Teil der EU bleiben soll. Auch sonst stellen die meisten Deutschen die Europäische Union nicht in Frage. Die Franzosen und Spanier sind da deutlich skeptischer. Und die Griechen gingen wohl lieber heute als morgen raus, wenn sie nicht finanziell gebunden wären.