Demografie und Renten: Doppelbelastung für Europas Jugend

Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Soziales und Beschäftigung [European Commission]

Junge Leute in Europa werden unter dem demografischen Wandel und sinkenden Renten leiden – zusätzlich zur konstant hohen Arbeitslosigkeit, die unter 25-Jährige schon heute belastet.

„Wenn wir unsere Jugend im Stich lassen, setzen wir unsere Zukunft, unser Wachstum, unseren Wohlstand und unser Sozialmodel auf’s Spiel. Wir sind es den jüngeren Generationen schuldig, ihnen so viel wie möglich zu bieten“, sagte Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Soziales und Beschäftigung während einer Pressekonferenz am Montag.

Zwar ist die Beschäftigungsrate unter den 20- bis 64-jährigen Europäern mit 71,1 Prozent höher als vor der Finanzkrise, und die Arbeitslosigkeit ist von 8,2 Prozent Ende 2016 auf 7,8 Prozent im Mai 2017 gesunken, doch junge Leute kommen immer noch verhältnismäßig schlecht weg, erklärte Thyssen.

Sie sehen sich einer „doppelten Belastung“ gegenüber: Dass sie höhere Rentenbeiträge zahlen, aber niedrige Renten erhalten werden, wenn sie selbst alt sind, zeigt der Arbeitsbericht 2017 der Europäischen Kommission, den Thyssen gestern vorstellte.

Die Kommissarin sprach von einer „demografischen Abhängigkeit“ und warnte vor drohendem Arbeitskräftemangel. Bis zum Jahr 2060 werde sich das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Pensionären so weit ändern, dass in der EU auf zwei Arbeiter ein Rentner kommt. Dies sei „eine große Last auf den Schultern der jungen Leute“.

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Auch die kürzlichen Rentenreformen in einigen EU-Ländern seien nicht ausreichend, um diesen Trend umzukehren. „Wir brauchen weitere Maßnahmen, um angemessene, intergenerationale Fairness zu schaffen und den jüngeren Generationen eine bessere Zukunftsperspektive zu bieten“, so der Kommissionsbericht.

Zusätzlich zu den schlechten Renten-Aussichten leidet Europas Jugend auch unter der Arbeitslosigkeit, die sie in der Wirtschaftskrise härter getroffen hat, als ältere Arbeiter. EU-weit liegt die Jugendarbeitslosigkeit immer noch bei 16,9 Prozent. Neue Daten der Kommission zeigen, dass es für Bürger zwischen 25 und 39 Jahren doppelt so wahrscheinlich ist, lediglich temporär angestellt zu werden, wie für ältere Arbeitnehmer.

Der Bericht der Kommission kritisiert auch, einige Länder würden zu hohe Renten zahlen und dafür an Programmen gegen Jugendarbeitslosigkeit sparen. In neun EU-Staaten – Griechenland, Lettland, Zypern, Ungarn, Italien, Malta, Polen, Portugal und Rumänien – würden mehr als 50 Prozent der Sozialausgaben für Renten aufgewendet. „Dieses Investitionsdefizit in die derzeitige und die zukünftige Arbeiterschaft kann dazu führen, dass Arbeiter in Zukunft nicht mehr zur sozialen Sicherung beitragen und produktive Arbeitskräfte werden können”, so der Bericht.

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Thyssen verteidigte auch die „EU-Jugendgarantie“. Das Programm wurde 2013 gestartet und soll junge Menschen unter 25 Jahren dabei unterstützen, innerhalb von vier Monaten, nachdem sie arbeitslos geworden sind oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben, Arbeit oder Fortbildungsmöglichkeiten zu finden. Der EU-Rechnungshof nannte die Jugendgarantie jedoch eine „Enttäuschung“; sie habe in den ersten zwei Jahren nicht die gewünschten Resultate gebracht.

Tatsächlich hat im Jahr 2014 nur etwa die Hälfte der Menschen, die an dem Programm teilnahmen, einen Arbeitsplatz gefunden. Thyssen wies jedoch darauf hin, dass die Rate im Jahr 2015 dann um 9 Prozentpunkte gestiegen sei. Darüber hinaus könne das Programm nicht funktionieren, wenn von den Nationalstaaten keine passenden Arbeitsmarktreformen durchgeführt werden. Die nationalen Regierungen hätten mehr Möglichkeiten, Arbeitsgesetze durchzusetzen, als dies auf EU-Ebene möglich ist, unterstrich die Kommissarin. Sie bekräftigte dennoch ihren Optimismus für die Zukunft der Jugendgarantie.

Als positive Beispiele wies die Kommission auf Änderungen im spanischen Auszubildenden-System sowie auf die steigende Zahl von speziellen Jugend-Arbeitsagenturen in Deutschland hin. Außerdem beobachte sie die Ergebnisse eines Pilotprojekts in Finnland, in dem 2000 Menschen in bedingungsloses Grundeinkommen von 560 Euro pro Monat geboten wird. Welche Maßnahmen die einzelnen Länder ergreifen, sei aber weiterhin Entscheidung der jeweiligen Regierungen, stellte auch die Kommission klar.