EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

25/09/2016

Datenanalyse: Mehrheit der britischen Twitter-User ist gegen Brexit

EU-Innenpolitik

Datenanalyse: Mehrheit der britischen Twitter-User ist gegen Brexit

Twitter-Account der pro-europäischen Kampagne.

[Stronger In]

EXKLUSIV / Datenforscher haben in den letzten zwei Wochen eine Million aktuelle Brexit-Tweeds analysiert. Das Ergebnis: Britische Twitter-User sind mehrheitlich für den Verbleib in der EU. EurActiv Brüssel berichtet.

Bis zum gestrigen Dienstag waren 62 Prozent der Brexit-Tweeds pro-europäisch, so die Ergebnisse einer aktuellen Datenanalyse. Morgen entscheidet das britische Volk in einem Referendum, ob das Vereinigte Königreich weiterhin Mitglied der EU bleiben soll.

Das SSIX-Konsortium ist eine kleine Gruppe von Datenwissenschaftlern und Technologiefirmen, die sich der Datenanalyse verschrieben haben. Vom 10. Juni an durchforsteten sie englischsprachige Tweeds zum Thema Brexit aus ganz Europa – 73,1 Prozent davon stammten aus Großbritannien. Am zweihäufigsten (zehn Prozent) äußerten sich die Niederländer zum möglichen EU-Austritt, gefolgt von Irland (drei Prozent) und Griechenland (zwei Prozent). Englische Brexit-Tweeds aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien machten jeweils weniger als zwei Prozent aus.

Sieg für die Brexit-Gegner im Twitter-Battle

Die Datenanalysten untersuchten, inwiefern die englischen Brexit-Tweeds  für oder gegen einen Verbleib in der EU sprachen. Im Rahmen dieser Arbeit tat sich das SSIX-Team mit EurActiv zusammen und leitete die aggregierten Brexit-Daten weiter. Das Handelsblatt ist ebenfalls Teil des Konsortiums.

Volume of Tweets from 14 June to 21 June. Remain is shown in blue, Leave in orange.

Tweeds für (orange) und gegen einen Brexit (blau) vom 14.-21. Juni. [SSIX – Social Sentiment Index]


Der britische Humor habe die Auswertung der Twitter-Meldungen oftmals erschwert, gesteht Laurentiu Vasilu, CEO von Peracton, einer Softwarefirma in Dublin, die sich auf die Analyse von Finanzdaten spezialisiert hat und ebenfalls zum Konsortium gehört. „Ironie und Sarkasmus waren wirklich eine Herausforderung“, betont er. „Manchmal liest man einen Tweed, in dem ganz klar Vote leave steht. Aber wenn man dann auf den dazu geposteten Link klickt, wird man auf ein Statement von Donald Trump verwiesen und man merkt, dass der User eigentlich gegen einen Brexit ist.“

Die SSIX-Software verzeichnete auch neutrale Tweeds oder Meldungen, die ein klares Desinteresse am Brexit-Thema zum Ausdruck brachten. Diese wurden jedoch bei den Berechnungen der Pro-/Kontra-Stimmen nicht berücksichtigt. Vasilu zufolge habe man einen Algorithmus auf der Grundlage anonymisierter Daten erstellt, der die Tweeds automatisch kategorisiert. Nicht miteinbezogen wurden dabei die Twitter-Profile, Retweeds oder Likes. Die untersuchten Meldungen stammen, so Vasilu, aus unterschiedlichen Altersgruppen. Die meisten Nutzer waren jedoch jungen bis mittleren Alters.

The percentage share of Tweeets for Leave (orange) and Remain (blue) between 14-21 June. On 21 June, "Remain" stood at 62%.

Der prozentuale-Anteil der Leave-Tweeds (orange) und der Remain-Tweeds (blau) vom 14.-21. Juni. Am 21. Juni standen die Brexit-Gegner bei 62 Prozent. [SSIX – Social Sentiment Index]


Jetzt will Vasilu das Datenanalyse-Programm fit machen für die US-Präsidentschaftswahlen im November und den Bundestagswahlkampf im Herbst 2017. Bis dahin hofft er, auch die aggregierten Daten anderer sozialer Netzwerke miteinbeziehen zu können. So soll ein umfassenderes Bild der Wählertendenzen entstehen.

Andere Social-Media-Plattformen haben bereits eigene Datensammlungen zur Brexit-Kommunikation ihrer User angelegt. Während SSIX auf eine Data-Mining-Software zur Meinungsanalyse setzt, messen Facebook und Google eher die Beliebtheit bestimmter Themen. Inwiefern ihre Nutzer für oder gegen einen Brexit sind, geben die Unternehmen selbst bisher nicht an.

Facebook- und Google-Daten deuten auf einen Brexit hin

Mehr als 525.000 Facebook-Nutzern gefällt die Gruppe Vote Leave. Die Gruppe Britain Stronger in Europe verzeichnet hingegen nur 521.000 Likes. Dieses Verhältnis könnte darauf hindeuten, dass Facebook-User eher einen Brexit unterstützen als die aktiven Twitter-Nutzer.

Bei den britischen Facebook-Usern waren vom 5. März bis 7. Juni vor allem die Themen Wirtschaft, Immigration und Gesundheit besonders beliebt in der Brexit-Debatte. Von der Altersstruktur her kommen hier die meisten Brexit-Posts von 25- bis 44-Jährigen, mehr als 52 Prozent von ihnen sind männlich. Facebook greift bei seinen Analysen auf mehr personenbezogene Daten zurück – nutzte also auch Alter und Geschlecht – wohingegen SSIX nur den geographischen Standpunkt aufzeichnete, sofern dieser öffentlich sichtbar war.

Google hat inzwischen eine Webseite eingerichtet, bei der man Suchtendenzen zum Thema Brexit nachvollziehen kann. Hier zeigt ein Ranking, welche verwandten Suchbegriffe besonders beliebt sind und wie häufig in den jeweiligen EU-Ländern nach dem Wort Brexit gesucht wird. Den Google-Daten zufolge stellten Briten bis zum 15. Juni mehr Suchanfragen zum Thema Brexit als zum Verbleib in der EU. Gestern erst schossen die Suchanfragen zum EU-Austritt in die Höhe und erreichten beim Google-Suchindex einen Wert von 100. Zum Vergleich: Der Wert für den EU-Verbleib liegt bei 38.

Google-Suchinteressen liegen im Bereich Immigration

Seit Ende Mai interessieren sich die britischen Google-Nutzer vor allem dafür, welchen Einfluss ein Brexit auf die Einwanderung haben könnte. Danach kommen die Auswirkungen auf das nationale Gesundheitssystem (NHS) und die Wirtschaft.

Bei den länderspezifischen Brexit-Suchanfragen (ohne Großbritannien) liegt Irland auf Platz eins. Nummer zwei belegt Malta, gefolgt von Zypern und Luxemburg.