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21/01/2017

Christlich-islamischer Dialog ist keine Einbahnstraße

EU-Innenpolitik

Christlich-islamischer Dialog ist keine Einbahnstraße

Betende Muslima in der indischen Kashmir-Region. Foto: dpa

Reden, reden und nochmals reden. Es gibt keine Alternative zu einem gepflegten Dialog. Das gilt auch für die Gespräche zwischen Christentum und Islam.

In den 1980er Jahren war es die damalige Europäische Demokratische Union (EDU), die „Internationale“ der christlich-demokratischen, konservativen sowie Zentrums-Parteien in West- und Mitteleuropa, die unter anderem auch das Gespräch mit den großen Weltreligionen pflegte. So fuhr der damalige EDU-Vorsitzende Alois Mock vor exakt 30 Jahren im Januar 1985 nach Jeddah, Saudi-Arabien, um mit einem geistlichen Führer der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), der 56 Staaten angehören, einen Gedankenaustausch zu pflegen. Im Anschluss daran berichtete er über seine Eindrücke nicht nur den eigenen Parteigremien sondern auch den zuständigen Stellen im Vatikan.

Wie keine andere Religion beschäftigt man sich bei der katholischen Kirche schon seit langem nicht nur aus wissenschaftlich-theologischen Gründen sondern auch unter politisch-kulturell-sozialen Aspekten mit den Weltreligionen. Eine besondere Rolle kommt hier den beiden großen monotheistischen Religionen, dem Islam und dem Judentum zu. Das Christentum ist mit 2,2 Milliarden Bekennern die größte und am stärksten wachsende, der Islam mit 1,6 Milliarden die zweigrößte Religion. Die Zahl der jüdischen Bürger wird weltweit auf nicht ganz 20 Millionen geschätzt. Und die Mehrzahl der Flüchtlinge, die es aus Afrika, dem Nahen und auch Fernerem Osten nach Europa, sind Christen.

Direkt dem Päpstlichen Rat unterstellt ist eine Institution, die sich mit dem christlich-islamischen Dialog beschäftigt. Und hier ist der Österreicher Michael Weninger seit 2012 tätig. Er darf auf eine besondere Karriere verweisen. Noch 2009 leitete er die Österreichische Botschaft in Sarajevo, um schließlich – nach einem Schicksalsschlag, der ihn sehr persönlich traf – der Berufung zum Priester zu folgen, sich dem interkulturellen und interreligiösen Dialog zuzuwenden. Derzeit ist er in 70 Staaten unterwegs, um auf allen Ebenen die Gespräche der katholischen Kirche mit dem Islam zu pflegen – und anschließend Papst Franziskus zu berichten. In einem Gespräch mit Euracitv.de vermittelt Pater Weninger einen Eindruck von einem Dialog, über den in der Öffentlichkeit relativ wenig bekannt ist. Und wenn, dann wird er gleich mit Vorurteilen gerne abqualifiziert.

Islamische Bürger leiden unter islamistischen Terror

Wie könnte eine kurze Beschreibung des Stands der Gespräche zwischen Christentum und Islam lauten, war auch gleich die erste Frage. Und bereits mit der ersten Antwort wird mit Vorurteilen aufgeräumt. Denn „die Gespräche sind sehr vielfältig und intensiv“. Tatsache ist, dass der Kontakt von der katholischen Kirche zu den verschiedenen islamistischen Traditionen (es gibt nicht nur einen Islam, sondern eben viele Auslegungen) auf allen nur denkbaren Ebenen läuft. Das betrifft den Papst, der nicht nur seine gelebte Funktion als „Hirte“ intensiv pflegt sondern auch viele Gesprächskontakte führt, um sich ein Bild von der islamistischen Welt zu verschaffen.

Eine ganz wichtige Gesprächsebene besteht zwischen dem Vatikan an sich und islamischen Institutionen, Gelehrten und Vertretern rund um den Erdball. Nicht zuletzt gibt es aber auch „viele Kontakte auf Pfarrebene, wo Pfarreien im Gespräch mit (benachbarten) Moscheen stehen“. Diese gelebte Praxis auf der lokalen Ebene ist besonders wichtig, da sie es ermöglicht, sich authentische Einblicke vom praktiziertem Leben anderer Religionen zu verschaffen und so ein verständnisvolles Miteinander statt einem vorurteilsbehafteten Gegeneinander zu pflegen.

Dialog ist immer zweiseitig. „Es gibt auch von islamistischer Seite viele Gesprächskontakte zur Kirche“, so „Don Michele“, wie viele den Botschafter im Priesterrock nennen. Der Grund ist sehr wohl in den tragischen und dramatischen Ereignissen vom Herzen Afrikas bis in den Irak und nach Syrien zu sehen, die die Medien weltweit beschäftigen und mit Kürzeln wie „IS“ und „Boko Haram“ versehen sind.

Weninger weiß aus eigener Erfahrung und nur zu gut, dass man sich vor einem Generalverdacht gegen muslimische Bürger, wie dies viele Rechtspopulisten aus billigen Motiven gerne tun, hüten muss. Denn „man darf nicht vergessen, dass alle unter dem Terror einzelner islamistischer Gruppen leiden“. Und es sind gerade auch Menschen islamischen Glaubens, die das Opfer islamistischer Terroristen werden.

Unterschiedliche Kulturen – unterschiedlicher Koran

Die Struktur des Islams ist mit jener des Christentums nicht zu vergleichen. So auch, weil es keine vergleichbare Struktur, keine auch nur ähnliche Hierarchie gibt. Bei der katholischen Kirche beginnt dies bereits an der Basis mit dem einfachen Dorfpfarrer und reicht hinauf über den Bischof zu den Kardinälen und endet an der Spitze beim Heiligen Vater. Eine auch nur einem Sprecher ähnliche Funktion beim Islam gibt es nicht. Ähnlich wie auch beim Judentum. Das Fazit: „Die christliche Theologie ist eigentlich sehr kompakt. Dazu kommt, dass es sehr klare Strukturen gibt. Bei den islamischen Traditionen ist eine solche Gliederung nicht wirklich erkennbar. Es gibt kein Oberhaupt, es gibt viele Interpreten.“

Als ein wesentliches Problem wird immer genannt, dass der Koran nicht wie die Bibel klare Glaubens-Linien vorgibt sondern unterschiedliche Interpretationen zulässt. Was übrigens dazu führte, dass etwa Österreich im Zuge des vor kurzem beschlossenen neuen Islamgesetzes auch eine einheitliche deutschsprachige Übersetzung des Koran vorschreibt. Ist etwa der Koran der Grund vielen Übels? Pater Weniger liefert dazu ein sehr klare Erläuterung: „Die Exegese – die Auslegung von Texten des Alten und Neuen Testaments, um die Aussagen und Inhalte, die historischen und textlichen Zusammenhänge der biblischen Texte verständlich, besser zugänglich zu machen – gibt es beim Koran nicht.“ Hier spielt auch eine Rolle, dass die katholische Theologie schon auf eine seit Jahrhunderten beruhende Tradition und Pflege verweisen kann.

Was beim Islam so nicht der Fall ist: „Heute wäre man froh, hätte es schon frühzeitig eine islamische Theologie gegeben.“ Was dazu führt, dass sich mittlerweile viele Islamgelehrten an den Vatikan wenden, um Auskünfte zu erhalten. Zum Beispiel, um Textstellen im Koran besser zu verstehen. Dazu kommt noch, dass „die Übersetzungen des Koran von den jeweiligen Kulturen beeinflusst werden. Der Koran liest sich in den verschiedenen Sprachen und Regionen unterschiedlich, in Mali anders als etwa auf der arabischen Halbinsel und so weiter“.

Plädoyer fürs Wiener Abdullah-Zentrum

Am christlich-islamischen Dialog besteht in der nicht-islamischen Welt unterschiedliches Interesse. Nicht in allen Staaten trifft man auf das gleiche Engagement, was wiederum davon abhängt, wie hoch der Anteil muslimischer Mitbürger in den jeweiligen Staaten ist. Generell freilich kann man sagen, dass es sich bei diesem Dialog um „einen weltumspannenden und vor allem notwendigen Prozess“ handelt. Allerdings, auch nicht alle Glaubensgemeinschaften sind mit der gleichen Intensität bei der Sache: „Die katholische Kirche, aber auch die Orthodoxie sind sehr engagiert. Schwierigkeiten gibt es mit den so genannten Freikirchen. Sie agieren oft sehr unsensibel.“

Um Dialog pflegen zu können, bedarf es nicht nur der Bereitschaft einzelner, interessierter Persönlichkeiten, sondern auch einer gewissermaßen institutionalisierten Plattform. Beim Heiligen Stuhl in Rom schätzt man in diesem Zusammenhang ganz besonders das in Wien ansässige König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog. Bedingt durch das mehr als unglückliche Verhalten der vor kurzem abgelösten Generalsekretärin und ehemaligen Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, geriet es in den Fokus kritischer, vor allem abwertender Bemerkungen der FPÖ, der sich auch einige SPÖ-Politiker anschlossen.

Pater Weninger reitet geradezu ein Plädoyer für dieses CAICIID: „Das ist nicht nur eine ganz wichtige Einrichtung. Genau genommen ist es eine internationale Institution, die sich ernsthaft um den interreligiösen Dialog bemüht. Auch der Vatikan ist hier involviert und zwar als „funding observer“. Hier sitzen alle Religionen an einem Tisch. Damit wird auch gezeigt, dass Österreich eine Stätte des Dialogs ist. Daraus muss man etwas machen.“