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28/09/2016

Bürgerwehren in Bulgarien: Irres TV-Interview mit einem Flüchtlingsjäger

EU-Innenpolitik

Bürgerwehren in Bulgarien: Irres TV-Interview mit einem Flüchtlingsjäger

Der bulgarische Fernsehsender bTV widmet Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling und dem Flüchtlingsjäger Petar Nizamov eine...

SCREENSHOT: MATTHIAS MEISNER

Von wegen gewaltfreie Bürgerwehren: Im bulgarischen Fernsehen läuft ein Interview mit einem rechtsextremen Kompagnon von Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling aus dem Ruder. EurActivs Medienpartner „Der Tagesspiegel“ berichtet.

Es ist kein gewöhnliches Fernsehinterview. Der private bulgarische Fernsehsender bTV bittet den Flüchtlingsjäger Petar Nizamov zum Gespräch.Jenen Mann also, den Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling im Rahmen ihrer Bulgarien-Mission traf, nach der sie zur Jagd auf Flüchtlinge mit Hilfe von bulgarischen Bürgerwehren mobilisierte.

Inzwischen ermittelt die Hamburger Polizei in dieser Sache gegen Festerling. Sie verdächtigt sie, des „Anwerbens für einen fremden Militärdienst“, Paragraph 109 h des Strafgesetzbuches. Wegen ihres Mitstreiters Edwin Wagensveld, der bei der Exkursion zur bulgarisch-türkischen Grenze dabei war, hat der Vorgang ein parlamentarisches Nachspiel in den Niederlanden. Und in Bulgarien richtete die Opposition kritische Fragen an Premier Boiko Borissow.

Knapp drei Minuten informiert bTV zunächst über Festerlings Bulgarien-Reise, über ihren Auftritt anschließend beim Leipziger Pegida-Ableger Legida, den Aufruf an die „Männer Europas“, sich sich den bulgarischen Bürgerwehren anzuschließen. Und über den Streit von Festerling mit Pegida-Chef Lutz Bachmann, nach dem sie sich nun für die „Festung Europa“ engagiert. In ihr haben sich europaweit rechtspopulistische Anti-Asyl-Initiativen vernetzt, auch die Bürgerwehren aus Bulgarien.

Zwölf Minuten wird das anschließende Interview dauern – wenn man es denn wirklich so nennen kann.

Denn statt eines klassischen Interviews bekommen die Zuschauer einen Kampf zwischen Nizamov und der Moderatorin zu sehen. Sie im Studio, er zugeschaltet aus seinem Wohnort, wo er wegen der Jagd auf Flüchtlinge von der bulgarischen Justiz unter Hausarrest gestellt wurde. Am Haus ranken Rosen. „Wir sprechen mit Petar Nizamov, der unter Hausarrest steht und gegen den die Justiz von Malko Tarnovo in drei Fällen von illegalem Arrest von Migranten ermittelt“, sagt die Moderatorin. „Das Strafmaß beträgt bis zu sechs Jahre Gefängnis. Zuerst möchte ich Sie fragen: Wie lange stehen Sie bereits unter Hausarrest?“

Nizamov antwortet: „Seit drei Monaten. Aber ich möchte meinen Gedanken zu Ende führen. Ich möchte, dass Sie mir zuhören und in angemessener Weise kommunizieren. Ich möchte nicht, dass Sie einen Monolog führen, ohne mir das Recht zuzugestehen, mich zu verteidigen.“

Moderatorin: „Ich würde Sie um eine normale Konversation bitten, so dass wir einander hören, Sie mir zuzuhören und meine Fragen beantworten. Und ich werde das ebenfalls tun.“

Nizamov: „Ich möchte die Art kommentieren, wie Sie mich präsentiert haben. Ich möchte Sie korrigieren – meine Organisation, gewidmet der Verteidigung des Glaubens, des Vertrauens, der Zuversicht und der Frauen, ist nicht paramilitärisch. (…) Ich liebe nur Bulgarien. Ich interessiere mich nicht für Russland, die USA, Israel oder Deutschland. Die Interessen von Bulgarien und seinen Arbeitern stehen für mich an erster Stelle.“

„Bist du Batman oder Rambo?“

Die Moderatorin findet, Nizamov hätte, nachdem er sich nun drei Monate in seinem Haus aufhält, genug Zeit zum Nachdenken haben können: „Migranten festnehmen und ihre Hände mit Kabelbindern fesseln: Bereuen Sie etwas?“ Seine Antwort: „Ich habe es aufgegeben, mit schönen Frauen zu streiten.“ Er würde gern, fährt der Flüchtlingsjäger fort, „ein paar Fakten aufklären und auf diese Weise versuchen, Ihre Unterstützung für unsere Mission zu gewinnen“. Seine Darstellung: „Die sogenannten Flüchtlinge aus dem Video, das ich aufgenommen habe, sind Kriminelle – verurteilt wegen illegaler Überquerung der Grenze.“ Und: „Ich möchte die Lüge aufklären, die verbreitet wurde, nämlich, dass diese Menschen ausgeraubt wurden. Darauf gibt es keinerlei Hinweise. Die Afghanen selbst behaupten nicht, dass sie ausgeraubt wurden. Dieses Statement hat sich die Strafverfolgung ausgedacht.“

Aber die Moderatorin lässt nicht locker – und wechselt jetzt ins Du: „Wie kamst du darauf, dich als Grenzpolizist aufzuführen? Wer bist du? Bist du Batman oder Rambo? Warum tust du das? Die Grenzen zu schützen, ist Aufgabe des Staates.“ Eine ernsthafte Antwort bekommt sie von Nizamov nicht: „Nebenbei, ich habe gehört, du warst auf Diät und das ist der Grund, warum du dich so irrational verhältst“, sagt er. Die Moderatorin entgegnet: „Ich bin nicht auf Diät, ich habe gestern eine ganze Menge Süßigkeiten gegessen. Glaub mir… Und lass mich wissen, warum du so tust als wärst du ein Grenzpolizist. Hast du nichts anderes zu tun? Was machst du eigentlich? Hast du einen Job? Offensichtlich hast du die letzten drei Monate nicht gearbeitet?“

Immer wieder fallen sich die Gesprächspartner ins Wort. Manchmal reden sie gleichzeitig, so dass kaum ein Wort zu verstehen ist. Irgendwann im Verlauf wird die Moderatorin, verzweifelt über die Argumentation Nizamovs, mit Finger Richtung ihres eigenen Gesichts zeigen, dazu ein „Pfff“ ausstoßen.

„Du bist Anti-Journalistin“

Und so geht es weiter: „Warum geht man zur Grenze und fesselt Migranten? Bitte beantworte meine Frage. Es ist eine einfache Frage.“ – „Wenn du verlangst, dass ich mit ja oder nein antworte, müsste ich in einer Polizeistation sein. Warum tust du also so, als wärst du Journalistin?“ – „Ich bin eine Journalistin, aber du bist kein Polizist.“ – „Du bist Anti-Journalistin.“

Nizamov hält nun im bulgarischen Fernsehen eine Lobrede auf Pegida: „Wichtig sind unsere Motive: Warum wir zur Grenze gezogen sind. Diese Motive sind verbunden mit den Vergewaltigungen, die an Silvester in europäischen Städten passiert sind. Du hast Tatjana Festerling vorgestellt, die bis vor einem Monat Pegida angeführt hat. Diese Bewegung repräsentiert Millionen von Unterstützern in der ganzen Welt: Europa, USA und Kanada.“ Nachfragen zur Ex-Frontfrau von Pegida und ihrer Bulgarien-Mission weicht Nizamov dann allerdings aus: Sie sei „eine Dame“ und er „ein Gentleman – und ich möchte nicht hinter ihrem Rücken über sie sprechen“.

Die Moderatorin verliert für einen Moment beinahe die Fassung: „Bist du intim mit ihr? Was ist das Problem?“ Nizamov geht darauf gar nicht ein. Er sagt: „Du hast sie als eine extreme Rechte dargestellt, als eine Nationalistin. In Holland sei ihr Besuch hier als etwas Peinliches dargestellt worden. Was witzig ist, wenn man die Millionen Niederländer bedenkt, die Mitglieder bei Pegida sind.“

„Ein Genozid gegen die Europäer“

Das Interview mit dem bulgarischen TV-Sender hat die geordneten Bahnen längst verlassen. Moderatorin und Flüchtlingsjäger reden durcheinander. Bis irgendwann Nizamov zum Schlusswort ansetzt: „Ich bin ein Patriot und verteidige die Interessen der Bulgaren. Es ist offensichtlich, dass du dagegen protestierst, irgendetwas zu verteidigen, das bulgarisch ist. Das ist offensichtlich.“

Die Moderatorin: „Das ist nicht wahr. Ich liebe Bulgarien auch, aber ich zeige es auf eine sehr andere Art als du.“

Nizamov: „Was auch immer. Die Europäer schließen sich zusammen, weil ein Genozid gegen sie verübt wird. Die Medien sind nicht mehr die Medien, sie verhalten sich irrational und das führt dazu, dass Menschen sich zusammentun. Sie sind die Opfer des Genozids. (…) Ich leide für Bulgarien und deshalb unterstützen die Menschen mich.“

Tatjana Festerling hatte Petar Nizamov nach ihrem Besuch in Bulgarien als „charismatisch, klug und kämpferisch“ gelobt. Seine „Bürgertruppen“ agierten „gewaltfrei, unbewaffnet und legal“.

Nach dem Anschlag in Nizza veröffentlichte sie auf ihrer Facebook-Seite einen Kommentar: „Merkel hat den Islam nach Europa eingeladen. Es sind ihre Toten.“ Auf ihrer Homepage im Internet gibt sie unter der Überschrift „Nach Nizza – jetzt erst recht!“ konkrete Instruktionen zur Beteiligung an den bulgarischen Bürgerwehren. Anlaufstelle sei Burgas am Schwarzen Meer, „Hotels und Verpflegung in Bulgarien sind sehr günstig“. Von dort aus würden die Treffen „mit den Führungsleuten der freiwilligen, unbewaffneten Bürgerpatrouillen“ organisiert. „Die bringen die Invasoren zurück zur Grenze, statt sie zu registrieren, wie es die regierungstreue Landespolizei ganz im Sinne von Merkel und der EU-Administration macht.“ Mitzubringen seien unter anderem Zelt, Schlafsack, möglichst zwei ausrangierte Bundeswehr-Jacken und -hosen oder feste Outdoor-Ausrüstung in gedeckten Farben, ein Erste-Hilfe-Paket, Anti-Mücken-Spray und ein Fernglas.

Gewehre und Stichwaffen sind Pflicht

Unbewaffnete Bürgerpatrouillen? Festerling selbst verweist auf die Homepage der Organisation „Shipka Bulgarian National Movement“ – auf den englischen Text. Auf deren bulgarischen Internetseite wird konkret beschrieben, wie eine Einsatzgruppe mit bis zehn Menschen auszusehen hat – mit Anführer, Stellvertreter, Arzt, Funker und Kämpfern.

Unter dem Kapitel „Ausrüstung“ heißt es: „Verlassen Sie sich nicht auf die Polizei und die Armee. (…) Bewaffnen Sie sich mit Feuerwaffen und Munition dafür. Gewehre sind Pflicht. Zu Beginn benötigen Sie ca. 2000 bis 3000 Stück Munition dafür.“ Standardmodelle seien zu empfehlen, da sich für diese leichter Munition besorgen lasse. Zu bedenken sei, dass „mit der rapiden Verschlechterung der allgemeinen Situation“ der Staat Gesetze erlassen werde, die den Zugang zu Feuerwaffen erschweren würden. „Sogar die Jagdwaffen werden dann eingezogen.“ Zur Ausrüstung gehören sollten neben Tarnbekleidung und geländetauglichen Fahrzeugen schusssichere Westen sowie „Stichwaffen für jedes Mitglied“.

Die Anweisung endet mit dem Satz: „Die Befehlsunterordnung ist bedingungslos.“

Danke an Camelia Ivanova für die Übersetzung aus dem Bulgarischen.