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22/01/2017

Budapests Bahnhöfe entwickeln sich zu Flüchtlingslagern

EU-Innenpolitik

Budapests Bahnhöfe entwickeln sich zu Flüchtlingslagern

Die ungarische Regierung unter Premierminister Victor Orban ist als Transitland in der Flüchtlingskrise überfordert. Budapests Bahnhöfe werden immer mehr zu provisorischen Flüchtlingslagern.

[Rachel Titiriga/Flickr]

Die Flüchtlingskrise überfordert die ungarische Regierung. Die Bahnhöfe von Budapest gleichen immer mehr provisorischen Flüchtlingslagern. Während Premierminister Viktor Orban mit Schikane auf die unmenschlichen Zustände reagiert, zeigt die Bevölkerung Mitgefühl.

In Europas Flüchtlingskrise ist Ungarn einer der Transitstaaten auf der gefährlichen Balkanroute. Die Bahnhöfe in der Hauptstadt Budapest haben sich zum Teil in provisorische Lager verwandelt. Großfamilien aus Syrien oder Afghanistan ruhen sich auf ausgebreiteten Betttüchern von ihrer gefährlichen Reise aus, die durch das östliche EU-Land weiterführen soll bis nach Deutschland oder Schweden. Babygeschrei ist allgegenwärtig.

„Es erscheint unwirklich“, sagt Csaba Havasi, ein Budapester Pendler, als er an der östlichen Station Keleti an hunderten Flüchtlingen vorbeiläuft. Kleider hängen zum Trocknen an Treppengeländern. Die Gestrandeten rufen lautstark nach Wasser, medizinischer Hilfe. Die Organisation Migration Aid, die sich über Sozialnetzwerke organisiert, hilft wo sie kann.

Manchmal verteilen die Ehrenamtlichen Clown-Kostüme oder Kreide, damit die Kinder aufs Straßenpflaster malen können. „Verzweifelte Babys zu sehen das bricht mir das Herz“, sagt Judit Moser, eine 60-Jährige, während sie Windeln und Spielzeug ablädt. „Als Oma kann ich mir nicht vorstellen, wie verzweifelt die Eltern sein müssen, um so eine lange Reise zu unternehmen. Wir müssen ihnen helfen.“

Die Stadtverwaltung hat ein paar Duschen und Toiletten bereitgestellt und einige Bahnhofsabschnitte zu „Transitzonen“ erklärt. „Etwas Hilfe ist besser als gar keine“, sagt ein freiwilliger Helfer, der seinen Namen nicht nennen will. Allerdings reiche das Angebot der Stadt bei weitem nicht. Die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Victor Orban tue aber überhaupt nichts – außer die Flüchtlinge zu schikanieren.

Ob es weniger Flüchtlinge werden, wenn Orbans Grenzzaun fertig ist? Auch Budapests Bürgermeister Istvan Tarlos will das Problem so schnell wie möglich loswerden. Er kündigte am Mittwoch an, die „Transitzonen“ aufzulösen und zu verlegen, weil die Bahnhöfe zu Flüchtlingslagern geworden seien.

An der ungarischen Grenze werden die Flüchtlinge als Asylbewerber registriert – inklusive Daumenabdruck – und angewiesen, nach Budapest und von dort in eines der offiziellen Flüchtlingslager zu fahren. Viele bleiben an einem Bahnhof in Budapest, um auf Familienangehörige zu warten – oder auf eine Gelegenheit zur Weiterreise nach Westen. „Die meisten zahlen Schmuggler, die sie nach Österreich oder Deutschland bringen sollen“, sagt ein ehrenamtlicher Helfer, der seinen Namen auch nicht nennen mag.

„Wir wollen nach Deutschland zu Verwandten“, sagt ein afghanischer Teenager, der mit seiner Großfamilie aus vier Generationen am westlichen Bahnhof Nyugati kampiert. Er kam am Montag an, aus einer Gruppe hunderter Flüchtlinge, die drei Tage an der mazedonischen Grenze festgehalten worden waren. „Hätten wir gewusst, wie schwierig die Reise wird, wären wir zu Hause geblieben.“

Anders als Behörden und Regierung reagierte die Bevölkerung bislang überwiegend mit Mitgefühl. Am Sammelpunkt von Migration Aid am Bahnhof Keleti kommen immer neue Menschen und bringen Lebensmittel, Kleidung, Medikamente oder sogar Fahrkarten.

Manche Passanten würden fragen, warum die Organisation nicht armen Ungarn helfe, sagt Zsuzsanna Zsohar, eine der Ehrenamtlichen. „Dann zeige ich ihnen Bilder aus Aleppo in Syrien aus den vergangenen vier Jahren“, sagt die Mutter von drei Kindern. „Dann sehen sie den syrischen Krieg mit eigenen Augen.“

Seit dem Zweiten Weltkrieg waren in Europa nicht so viele Flüchtlinge unterwegs wie in diesem Sommer. Sie kommen aus Afrika, Asien oder dem Mittleren Osten zuerst in Italien oder in Griechenland an. Von Griechenland begeben sich die meisten auf die sogenannte westliche Balkanroute: Durch Mazedonien, Serbien und Ungarn und von dort in weiter westlich gelegene EU-Länder. Alleine am Mittwoch wurden mehr als 3200 Neuankömmlinge gezählt, die es über die serbische Grenze geschafft hatten, bevor diese ab Montag mit einer Barriere und Stacheldraht dichtgemacht wird.