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09/12/2016

Brexit: Umfrage zeigt hauchdünnen Vorsprung der Befürworter

EU-Innenpolitik

Brexit: Umfrage zeigt hauchdünnen Vorsprung der Befürworter

Bitte fest anschnallen. Turbulente Tage liegen vor uns.

Foto: Shutterstock

Kurz vor der Abstimmung der Briten über einen Verbleib in der EU liegen die Bexit-Befürworter in einer Umfrage knapp vorn. Die konkurrierenden Lager werben bis zuletzt um Stimmen.

Fast sechs Jahrzehnte lang ist die Europäische Union immer nur gewachsen: Von den sechs Gründerstaaten, die sich 1957 in dem vom Weltkrieg gezeichneten Europa zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zusammenschlossen, auf zuletzt 28 EU-Mitgliedsländer. Am Donnerstag könnte die EU erstmals ein Mitglied verlieren. Die Briten stimmen in einem Referendum
über den Verbleib in der Union ab – ein Schicksalstag für Europa.

Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Erhebung des Marktforschungsinstituts Opinium kommt das Lager der EU-Gegner auf 45 Prozent und liegt damit einen Prozentpunkt vor den Unterstützern einer EU-Mitgliedschaft. Bei der vorangegangenen Umfrage, die am Samstag veröffentlicht worden war, hatten beide Seiten noch gleichauf gelegen. Auch in einer neuen Telefonumfrage kamen die Anhänger des Verbleibs auf 48 Prozent, die Brexit-Befürworter erreichten nur 42
Prozent.

Um 08.00 Uhr (MESZ) am heutigen Donnerstag sollen die Wahllokale öffnen, 46,5 Millionen Briten haben sich als Wähler registrieren lassen. Mit aussagekräftigen Ergebnissen ist nicht vor dem frühen Freitagmorgen zu rechnen.Angesichts der historischen Tragweite der Entscheidung und der knappen Umfrageergebnisse warben Gegner und Befürworter des Austritts bis zuletzt eindringlich um Stimmen.

Der Wortführer der Austrittsbefürworter, Boris Johnson, sah am Mittwochabend einen Sieg in Reichweite. „Wir stehen kurz vor einem außergewöhnlichen Ereignis in der Geschichte unseres Landes und ganz Europas“, sagte er zum Abschluss seiner Kampagne.

Premierminister David Cameron hingegen appellierte am Vorabend des Referendums insbesondere an die Unentschlossenen und die Zweifler, sich einen Ruck zu geben und für den Verbleib zu stimmen. „Wenn man erst mal aus dem Flug abgesprungen ist, kann man nicht mehr durch die Cockpit-Luke zurückklettern“, sagte er in Birmingham. „Deswegen sollte jeder, der noch irgendwelche Zweifel
hegt, lieber für den Verbleib stimmen.“

Die Londoner Buchmacher rechneten am Vorabend der Abstimmung klar mit einem Verbleib. Der Online-Anbieter Betfair nahm Wetten im Volumen von 60 Millionen Euro an – ein neuer Rekord für ein politisches Ereignis. Wie andere Buchmacher auch schätzte er die Chancen auf ein Scheitern des Austritts auf 70 bis 80 Prozent.

Die europäischen Partner Großbritanniens hatten am Mittwoch noch einmal klar gemacht, dass ein Austrittsvotum unumkehrbar wäre. „Out is out“ – beim No sei keine Rückkehr möglich, sagte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Der französische Präsident François Hollande sagte, ein Austritt wäre „irreversibel“.

Die zurückliegenden Wochen haben Großbritannien tief gespalten. Die Brexit-Befürworter rückten in der hart ausgefochtenen Kampagne das Thema Einwanderung in den Mittelpunkt und argumentierten, bei einem Austritt aus der EU könne sich Großbritannien besser gegen Immigranten abschotten. Sie kritisierten eine Gängelung des Königreichs durch Brüssel und appellierten an
den Nationalstolz der Briten.

Die Pro-EU-Kräfte warnten vor einem internationalen Bedeutungsverlust des Landes und vor unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen, wenn Großbritannien den Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlöre. Beide Seiten warfen sich gegenseitig Panikmache und eine bewusste Irreführung der Wähler vor.