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04/12/2016

Brexit-Organisator Boris Johnson erstmals als Außenminister in Brüssel

EU-Innenpolitik

Brexit-Organisator Boris Johnson erstmals als Außenminister in Brüssel

Der neue britische Außenminister und ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, will ein gigantisches Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der Türkei.

flickr

Boris Johnson ist sich der hohen Erwartungen bewusst, die sein erster Auftritt in Brüssel als britischer Außenminister auslöst. Als er am Montagmorgen aus dem Auto steigt, fährt sich der 52-Jährige kurz durch die wirren blonden Haare und läuft entschlossen auf die Kameras zu. Dort stiehlt er dem Belgier Didier Reynders die Show, der sich gerade zum Brexit äußert, aber plötzlich kein Mikrofon mehr vor sich hat.

Johnson bemerkt den Fehltritt gegenüber dem neuen Kollegen erst, als er schon zu reden anfangen will. „Gut Sie zu sehen, wir sehen uns später“, sagt er noch schnell und verabschiedet den Haltung bewahrenden belgischen Chefdiplomaten mit einem kurzen Händedruck.

Schon die Reise nach Brüssel war für Johnson holprig. Sein Flugzeug musste am Sonntagabend kurz nach dem Start in London notlanden, weil es Probleme mit der Hydraulik gab.

Doch für Johnson schloß sich in Brüssel ein Kreis. Zwischen 1989 und 1994 arbeitete er hier als Journalist und legte damals den Grundstein für viele der Mythen über Europa, die er und seine Mitstreiter letztlich auch in der Brexit-Kampagne immer wieder bemühten.

In den Brüsseler Pressekonferenzen galt der Journalist Johnson als erbarmungsloser Frager, der im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute die offizielle EU-Arbeitssprache Französisch gut beherrschte. Tatsächlich kennt Johnson die innere Arbeitsweise Europas weit besser als die meisten Briten: Sein Vater war Beamter in der EU-Kommission und später für die Konservativen Abgeordneter im Europaparlament, als Kind ging Boris Johnson in Brüssel auf
die Europaschule.

Nachdem er in der Folge des Brexit-Votums schnell aus dem Rennen um den Posten des Premierministers war, kam Johnsons Ernennung zum neuen britischen Chefdiplomaten dann überraschend. Denn Diplomatie ist nicht gerade seine Stärke. In der Brexit-Kampagne verglich der frühere Londoner Bürgermeister die EU mit Adolf Hitler. Und die heutige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bezeichnete er 2007 als „sadistische Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt“.

Bei seinem ersten Auftritt in Brüssel als Außenminister hört sich Johnson zahm an: Er spricht mit Blick auf seine neuen Kollegen von „unseren Freunden“ und bezeichnet die Gespräche am Abend als „sehr, sehr gut“ und „produktiv“.

Trotz Brexit wolle London weiter in „führender Rolle“ mit der EU zusammenarbeiten, vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik, sagt der Brite. Er wünscht sich bei den laufenden Reformen der EU in diesem Bereich „Andockmöglichkeiten und Türen“, damit London sich weiter einbringen könne.

Bei seinen Kollegen bleibt die Skepsis. Allen sei klar, dass „Boris Johnson kommt, um zu gehen“, sagt Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn schon am Morgen im ZDF. Der Brite sei dann „mit einer gewissen Bescheidenheit aufgetreten“, stellt der französische Außenminster Jean-Marc Ayrault fest. Entschuldigt für den Hitler-Vergleich hat sich Johnson bei seinen Kollegen allerdings nicht.