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09/12/2016

Brexit: Investoren setzen auf das Vorbild Schweiz

EU-Innenpolitik

Brexit: Investoren setzen auf das Vorbild Schweiz

In der Frage nach den zukünftigen Handelsbeziehungen Deutschlands mit den USA sind etliche deutsche Unternehmen besorgt.

[Andrew Priest/Flickr]

Großbritannien wird nach dem Brexit wohl dem Schweizer EU-Modell folgen, meinen Investoren in einer Umfrage. Sie fürchten vor allem den Verlust von Handelsprivilegien. EurActiv Brüssel berichtet.

FTI Consulting führte eine Umfrage unter 154 globalen institutionellen Investoren durch, welche zusammen über mehr als zehn Billionen Dollar an Vermögenswerten verfügen. Mehr als drei Viertel der Befragten sind überzeugt, dass es in der Tat zum Brexit kommen wird. Etwa die Hälfte (58 Prozent) vermutet, Großbritannien werde ein Abkommen mit der EU nach Schweizer Vorbild abschließen.

Ein überaus breiter Konsens zeigte sich in der Annahme, dass das Vereinigte Königreich eher ein Schweizer Modell anstreben würde als einen Deal mit dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) oder der Welthandelsorganisation (WTO). Nur 14 beziehungsweise elf Prozent halten die letzten beiden Optionen für wahrscheinlich.

Der Europäische Pass

„Welche Art von Handelsbestimmungen zwischen Großbritannien und dem Rest der Welt bestehen werden, ist die Eine-Billion-Pfund-Frage“, betont Louise Harvey, Vorsitzende von FTI Consulting Brussels, und verweist somit auf das jährliche Handelsvolumen des Vereinigten Königreichs.

Befragt nach den Brexit-Folgen für die Nation selbst, glauben nur 52 Prozent der Investoren, dass Großbritannien seine lukrativen finanziellen Rechte des Europäischen Passes verlieren wird. 80 Prozent erwarten Zuwanderungsbeschränkungen, sobald der EU-Austritt erfolgt ist. Während sich 68 Prozent jedoch um die Frage des Europäischen Passes sorgen, hegt nur knapp die Hälfte der Befragten Befürchtungen hinsichtlich der Begrenzung der Einwanderung.

Der Europäische Pass gestattet es Firmen, die im EWR verzeichnet sind, Geschäfte in jedem anderen EWR-Land abzuwickeln, ohne eine Genehmigung der einzelnen Staaten einholen zu müssen. Für multinationale Unternehmen und ihre grenzüberschreitenden Geschäftsaktivitäten ist dieser Mechanismus von unschätzbarem Wert, da er Unmengen von Papierarbeit verhindert.

Dass Großbritannien diese Rechte im Rahmen des EU-Austritts einbüßen könnte, ließ die Befürchtung aufkommen, Unternehmen und Banken würden sich lieber ans Festland halten und London somit seine Position als bedeutendes europäisches Finanzzentrum verlieren.

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Die Schweiz als Vorbild

Schon seit langem drehen sich die Diskussionen um die Frage, welchen Deal Großbritannien in seinen Verhandlungen mit der EU wohl anstreben wird. Die Brexit-Befürworter warben vor dem Referendum stets lauthals für Beziehungen nach norwegischem Vorbild.

Investoren jedoch scheinen der Umfrage nach eindeutig das Schweizer Modell zu bevorzugen. Die Schweiz ist kein Mitglied des EWR. Sie musste etwa 100 bilaterale Abkommen schließen, um Zugang zum EU-Mark zu erhalten und die Zusammenarbeit mit gemeinschaftlichen Agenturen wie Europol zu sichern. Die ersten großen Handelsgespräche dauerten acht Jahre. Großbritannien wird jedoch nur zwei Jahre Zeit haben, ein EU-Abkommen abzuschließen, nachdem es sich auf Artikel 50 berufen hat. Das Schweizer Modell ist ein Paket-Deal, der nicht nur den EU-Binnenmarkt, sondern auch Themen wie die Arbeitnehmerfreizügigkeit umfasst. Das gesamte Abkommen wurde in Frage gestellt, als sich die Schweizer in einem Referendum dafür aussprachen, die Freizügigkeit von Arbeitnehmern zu begrenzen.

Die Hoffnungen der Briten, der Schweiz mit Blick auf den Binnenmarkt und die Beschränkungen der Einwanderung folgen zu können, lösten sich jedoch in Luft auf, als Bern bei den Schranken der Freizügigkeit zurückruderte. Man werde stattdessen lokale Bewerber bei der Einstellung bevorzugen, hieß es. Kommenden Dezember soll über diesen Plan debattiert werden.

Die Entscheidung über die zukünftigen britisch-europäischen Beziehungen liegt nicht allein in den Händen des Vereinigten Königreiches. Womöglich wird Westminster keine andere Wahl haben, als sich mit dem zufrieden zu geben, was die EU anbietet.

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Handel ist, wie zu erwarten war, zu einer der dringendsten Fragen im Vorfeld der Brexit-Verhandlungen geworden. Diese will die britische Premierministerin Theresa May Ende März 2017 offiziell beginnen. 2014 betrug das britische Handelsvolumen 1,065 Billionen Pfund. 48,79 Prozent davon gingen auf den Handel mit EU-Ländern zurück. Es steht also viel auf dem Spiel.

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