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25/09/2016

Brexit: Auswanderer auf der Suche nach einem Plan-B

EU-Innenpolitik

Brexit: Auswanderer auf der Suche nach einem Plan-B

Den britischen Auswanderern in Frankreich stehen unsichere Zeiten bevor.

[Gts/Shutterstock]

Viele Europäer leben und arbeiten in einem anderen EU-Land. Nun sorgen sich französische und britische Auswanderer auf der jeweils anderen Seite des Ärmelkanals um die Zukunft in ihrer neuen Heimat. EurActiv Frankreich berichtet.

Jane Freedman ist britische Soziologin mit Wohnsitz in Paris. Sie weinte, als sie am frühen Morgen des 24. Juni vom Brexit-Votum erfuhr. “Was mit meinem Land passiert, ist schrecklich. Es ist, als würde Marine Le Pen die Wahlen hier gewinnen. Diese Kampagne hat uns gespalten: die Fremdenhasser auf der einen und die Pro-Europäer auf der anderen Seite.“

Freedman möchte nun die französische Staatsbürgerschaft beantragen – für sich und ihre drei Kinder, die allesamt in Großbritannien zur Welt gekommen sind. „Ich hoffe, es wird nicht allzu kompliziert. Bisher habe ich mit meinem europäischen Pass nie französische Papiere gebraucht. Das hat sich jetzt geändert“, fürchtet sie.

Neue Staatsbürgerschaft

Freedman ist bei Weitem nicht die einzige Britin, die einen Wechsel der Staatsbürgerschaft in Erwägung zieht, sollten sich die EU-Freizügigkeitsregeln für britische Bürger ändern. „Heute reiche ich meine Unterlagen für die französische Staatsbürgerschaft ein“, bestätigt Louise, ebenfalls Britin. „Auch wenn ich eigentlich britisch bleiben möchte. […] Ob ich weiterhin so leben kann wie bisher? Ich habe keine Ahnung. Wir wissen es einfach nicht.“

Louise ist Yogalehrerin und lebt bereits seit 14 Jahren in Frankreich. Damit lag sie gerade so noch im Aufenthaltslimit von 15 Jahren und durfte im Brexit-Referendum abstimmen. „Bei diesem Referendum bin ich zum ersten Mal in meinem Leben wählen gegangen, weil ich es für wirklich wichtig gehalten habe. Ich bin sehr verärgert über das Ergebnis“, betont sie. „Ich kennen niemanden in einem anderen EU-Land, der für den Brexit gestimmt hat.“

Die Großeltern der jungen Britin leben in Nordengland, einer Region, die mit großer Mehrheit für den EU-Austritt plädierte. „Sie waren sehr empfänglich, was die Immigrationsdebatte angeht“, gesteht sie.

Unverständnis

Die meisten Briten in Frankreich sind ähnlich fassungslos. Sie können nicht verstehen, weshalb das Vereinigte Königreich der EU einen Korb erteilen würde. „In meinen jungen Jahren, bevor ich Großbritannien verlassen habe, habe ich noch für den EU-Beitritt gestimmt. Ich bin empört über den Ausgang des Referendums. Das ist ein gewaltiger Rückschritt, das Ergebnis einer besorgniserregenden politischen Inkompetenz. Und es wird wahrscheinlich katastrophische Folgen haben – sowohl für Großbritannien als auch für Europa“, warnt Alan, ein Übersetzungsdozent, der seit 1975 in Frankreich lebt.

„Warum haben wir all die Expertenmeinungen in den Wind geschlagen, die uns empfohlen haben, für den Verbleib zu stimmen? Ich bin einfach unglaublich enttäuscht“, betont Nicola, eine 25-jährige Schottin. Sie kam vor zwei Jahren zum Studieren nach Frankreich und würde gern dort bleiben, um eine Stelle zu finden. Der Brexit könnte ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung machen. „Für mich persönlich wird es jetzt sicherlich um Einiges schwieriger werden, in Frankreich zu bleiben und zu arbeiten. Ich mache mir wirklich Sorgen. Bisher habe ich kein Visum und keine Aufenthaltserlaubnis gebraucht, aber das wird sich nun wahrscheinlich ändern.“

Frust bei den Franzosen in Großbritannien

Auch am anderen Ufer des Ärmelkanals zweifeln die französischen Staatsbürger an ihren Zukunftsperspektiven in Großbritannien. „Ich habe schon seit einigen Monaten das Gefühl, dass ich in diesem Land keine Stimme mehr habe. Und jetzt bin ich wirklich stimmlos“, befürchtet Eliette Riera. Sie zog vor vier Jahren nach London und kann das Ergebnis ebenfalls nicht nachvollziehen. „Es ist unverantwortlich und unverständlich“, kritisiert sie.

Zurzeit arbeitet Riera an einem europäischen Projekt für das Energieministerium. „Ich befinde mich momentan in der Schwebe. Eigentlich hatte ich vor, noch vier bis fünf Jahre im britischen öffentlichen Dienst zu bleiben. Jetzt stelle ich alles in Frage. Die Ereignisse in diesem Land haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, erklärt sie.

Verärgerung bei der jungen Generation und den Schotten

Doch nicht nur in Großbritannien lebende Auswanderer fühlen sich übergangen. Vor allem die Schotten, die mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib in der EU stimmten, sind frustriert. „Ich bin 6:30 Uhr aufgestanden und konnte es nicht fassen, als ich das Ergebnis gesehen habe. Wir haben wirklich geglaubt, die EU-Befürworter würden gewinnen. Ich kenne nur eine einzige Person, die für den Brexit gestimmt hat. Ich bin extrem geschockt und enttäuscht“, so Denise McKee, eine schottische Französisch- und Spanischlehrerin. Sie befürchtet, das Votum werde schwerwiegende Folgen für die Zukunft Schottlands nach sich ziehen. „2014 habe ich gegen die schottische Unabhängigkeit gestimmt. Mein Ehemann war dafür. Solche Volksentscheide sollten eigentlich nur einmal in einer Generation stattfinden. Jetzt mit dem Brexit glaube ich aber, dass ein neues Referendum weitaus früher stattfinden sollte.“

Auch die jungen Briten sind frustriert, denn 75 Prozent von ihnen stimmten für den Verbleib. Die über 65-Jährigen waren zu 61 Prozent für einen Brexit. „Diejenigen, die für den Austritt gestimmt haben, hatten keinen gut durchdachten, langfristigen Plan. Für die zukünftigen Generationen und das Vereinigte Königreich wäre es aber wichtig gewesen, Mitglied der EU zu bleiben und uns nicht zu isolieren, sondern zusammenzuarbeiten“, so McKee.

„Es lässt sich bereits einiges an Zorn beobachten“, bestätigt Claire Wilson. „Denn viele junge Menschen haben für die EU gestimmt und nun sind es ihre Eltern, die den Brexit herbeigeführt haben, obwohl diese selbst die ganzen wirtschaftlichen Vorzüge der EU genossen haben.“

Einfach abwarten und Tee trinken, meint der britische Komponist und Londoner Dave Maric. „Die Statistiken zeigen, dass vor allem ältere Menschen für den Brexit und die Abschottung gestimmt haben. Bald wird ihre Generation aussterben und dann kann sich die Welt endlich verändern.“