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09/12/2016

Brexit-Angst treibt Anleger aus Aktien in Anleihen

EU-Innenpolitik

Brexit-Angst treibt Anleger aus Aktien in Anleihen

Für Schweizer Banken könnte ein möglicher Brexit profitabel sein, der Franken legt durch die wachsende Brexit-Angst weiter zu.

Foto: Shutterstock

Aus Furcht vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU und seinen Folgen haben Anleger gestern erneut europäische Aktien aus ihren Depots geworfen.

„Einige sehen sogar eine Rezessionsgefahr für die Eurozone“, sagte Jochen Stanzl, Analyst des Online-Brokers CMC Markets. „Der Appetit der Investoren auf Risiko ist verschwunden, Sicherheit ist angesagt.“

Aus diesem Grund griffen Anleger verstärkt zu Bundesanleihen und drückten die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Titel erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik unter null Prozent. Sie fiel auf bis zu minus 0,034 Prozent. Damit müssen Investoren dafür bezahlen, dem Bund Geld leihen zu dürfen. Zehnjährige britische Bonds warfen am Dienstag zwar noch 1,146 Prozent ab. Dies ist aber ebenfalls so wenig wie nie zuvor. Parallel dazu gab der Dax 0,8 Prozent auf 9581 Punkte nach, der EuroStoxx50 fiel um 1,2 Prozent auf 2819 Zähler. Damit steuerten beide Aktienindizes auf den fünften Tagesverlust in Folge zu.

Genährt wurde die Brexit-Angst von Umfragen, denen zufolge die Befürworter eines Austritts Großbritanniens aus der EU auf dem Vormarsch sind. Außerdem schlug sich das auflagenstarke britische Boulevard-Blatt „Sun“ des Medienmoguls Rupert Murdoch auf die Seite der Brexit-Anhänger. Auch Buchmacher schätzten die Wahrscheinlichkeit, dass die Briten am 23. Juni für den EU-Austritt stimmen, immer größer ein.

Pfund und Rohstoffe unter Druck – Franken gefragt 

Auch am Devisenmarkt war Risikoscheu spürbar. Das Pfund Sterling nahm seine Talfahrt wieder auf fiel zeitweise auf ein Zwei-Monats-Tief von 1,4113 Dollar. Gleichzeitig stiegen die Kosten für eine Absicherung gegen Kursausschläge der britischen Währung erneut auf ein Rekordhoch.

Der Euro büßte unterdessen mehr als einen halben US-Cent auf 1,1226 Dollar ein. Zur Schweizer Währung markierte er mit 1,0822 Franken den tiefsten Stand seit dreieinhalb Monaten. Für Japaner war die Gemeinschaftswährung mit 118,47 Yen sogar so billig wie zuletzt vor mehr als drei Jahren. Franken und Yen gelten als sichere Anlage.

Die Furcht der Anleger vor einer Abkühlung der Weltwirtschaft spiegelte sich in den Rohstoffpreisen wider. Die richtungsweisende Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um 1,4 Prozent auf 49,62 Dollar je Barrel (159 Liter). Das wichtige Industriemetall Kupfer kostete mit 4524 Dollar je Tonne 0,7 Prozent weniger als am Vortag.

Am Aktienmarkt gehörten die Finanzwerte erneut zu den größten Verlierern. Der europäische Banken-Index gab 1,3 Prozent nach. „Tiefe Zinsen zerstören das originäre Geschäft der Banken, die Geldleihe“, betonte CMC-Experte Stanzl. „Umso tiefer die Kurse der Bankaktien fallen, desto größer ist das dadurch vom Markt kommunizierte Misstrauen in die Stabilität der Institute. Die Frage stellt sich, wie die EZB eine neue Bankenkrise bekämpfen würde.“

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