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28/08/2016

Belgische Behörden nach Anschlägen unter Druck

EU-Innenpolitik

Belgische Behörden nach Anschlägen unter Druck

Die drei Verdächtigen der Brüsseler Anschläge: Khalid El Bakraoui, Ibrahim El Bakraoui und Najim Laachraoui (v. l. n. r.)

[Belgische Föderale Polizei]

Nach den Anschlägen von Brüssel geraten die belgischen Behörden zunehmend in die Kritik.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte am Mittwoch, sein Land habe einen der Attentäter im vergangenen Sommer an der syrischen Grenze festgenommen und anschließend ausgewiesen. Die belgischen Behörden seien gewarnt worden, dass der Mann ein Extremist sei. Sie hätten dies jedoch ignoriert. Es handelte sich nach Angaben von Erdoğans Büro um einen der zwei Brüder, die die belgische Staatsanwaltschaft zuvor als Selbstmordattentäter identifizierte. Sie sollen an den Brüsseler Anschlägen beteiligt gewesen sein. Die beiden waren der belgischen Polizei wegen bewaffneten Raubüberfalls bereits bekannt. Nach einem Schlüsselverdächtigen wurde fieberhaft gefahndet. Die Innen- und Justizminister der EU setzten für Donnerstag ein Krisentreffen in Brüssel an.

Bei den Anschlägen am Dienstag waren mindestens 31 Menschen getötet und 271 verletzt worden. Die Totenzahl könnte noch steigen, mehrere Opfer befanden sich in kritischem Zustand. Auch Deutsche wurden nach Angaben des Auswärtigen Amtes verletzt. Es sei nicht auszuschließen, dass auch unter den Toten Deutsche seien, hieß es in Diplomatenkreisen. Zu den Attentaten in Brüssel bekannte sich wie auch zu der Anschlagsserie mit 130 Toten im November in Paris die Extremistenmiliz IS. Am Freitag hatte die belgische Polizei Salah Abdeslam in Brüssel festgenommen, der an den Anschlägen in der französischen Hauptstadt maßgeblich beteiligt gewesen sein soll. Es war ihm offenbar gelungen, monatelang in Brüssel unterzutauchen. Auch deshalb wurde Kritik an den belgischen Sicherheitsbehörden laut.

Die Anschläge in Brüssel wurden nach Angaben der belgischen Staatsanwaltschaft unter anderem von den Brüdern Ibrahim (29) und Khalid El Bakraoui (27) begangen. Der Ältere sei einer von zwei Attentätern gewesen, die sich am Morgen im Flughafen in die Luft sprengten, sagte Bundesanwalt Frederic Van Leeuw. Khalid El Bakraoui habe dann eine Stunde später in einer vollen U-Bahn mitten im Berufsverkehr im Standtzentrum unweit des Hauptquartiers der Europäischen Kommission eine Bombe gezündet. Er hatte einem Bericht des Senders RTBF zufolge unter falschem Namen eine Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest gemietet, wo es vergangene Woche bei einer Razzia zu einer Schießerei mit der Polizei kam. Bei der Durchsuchung der Räume entdeckten die Ermittler eine Fahne des IS, ein Sturmgewehr, Zünder und einen Fingerabdruck von Abdeslam. El Bakraoui soll auch eine Wohnung im südbelgischen Charleroi gemietet haben, in der die Pariser Anschläge vorbereitet wurden.

“Immer auf der Flucht, nicht mehr weiter wissen”

Sicherheitsexperten gingen davon aus, dass die Attentäter von Brüssel die Anschläge zwar schon vor Abdeslams Festnahme planten, durch den Zugriff aber Zeitdruck verspürten, ihr Vorhaben umzusetzen. Bundesanwalt Van Leeuw sagte, Ibrahim El Bakraoui habe auf einem Computer ein Testament hinterlassen. Darin heiße es: “Immer auf der Flucht, nicht mehr weiter wissen, überall gesucht, nicht mehr sicher.” Bakraoui klagte laut Van Leeuw, wenn er noch länger warte, riskiere er, der nächste zu sein, der in einer Zelle lande.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war noch nicht klar, wer der zweite Flughafen-Selbstmordattentäter war. Auch den dritten Täter, nach dem gefahndet wurde, identifizierten die Behörden nicht. Er habe die größte Bombe deponiert, sei aber vor den Explosionen aus dem Gebäude gerannt. Mehrere Medien berichteten, bei dem Flüchtigen handle es sich um Najim Laachraoui, einen mutmaßlichen IS-Rekrutierer und Bombenbauer, dessen DNA-Spuren sich auf Sprengstoffgürteln fanden, die bei den Pariser Anschlägen benutzt wurden. Die Zeitung “De Standaard” berichtete allerdings unter Berufung auf eine anonyme Quelle, Laachraoui sei der zweite Selbstmordattentäter am Flughafen gewesen.

Erdoğan sagte, die Türkei habe Ibrahim El Bakraoui nach seiner Festnahme zunächst an die Niederlande ausgeliefert. Später hätten ihn die belgischen Behörden freigelassen, nachdem kein Terrorismus-Bezug festgestellt worden sei – trotz der türkischen Warnung, der Mann sei “ein ausländischer Kämpfer”. Unklar war, wann El Bakraoui an Belgien überstellt worden sein soll. Die belgischen Behörden äußerten sich zu den Vorwürfen Erdoğans zunächst nicht. In ähnlichen Fällen wurde darauf verwiesen, dass man von der Türkei abgeschobene Personen nicht festhalten dürfe, wenn kein Beweis für ein Verbrechen vorliege. Das war etwa der Fall bei einem der Paris-Attentäter, Brahim Abdeslam. Auch er war von der Türkei nach Belgien im vergangenen Jahr zurückgeschickt worden.

Belgien hat im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl von elf Millionen eine der größten Islamisten-Szenen in Europa. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass 300 Belgier bei den Dschihadisten in Syrien gekämpft haben. Belgien steht wegen der mangelnden Zusammenarbeit seiner zersplitterten Behörden bereits seit längerem in der Kritik: Über die Viertel Brüssels etwa herrschen 19 autonome Bürgermeister, im ganzen Land sollen 193 örtliche Polizei-Einheiten für Sicherheit sorgen.

 

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