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24/01/2017

Armut in der EU: Kinder und Jugendliche sind die großen Krisen-Verlierer

EU-Innenpolitik

Armut in der EU: Kinder und Jugendliche sind die großen Krisen-Verlierer

Kinder und Jugendliche sind die größten Verlierer der europäischen Wirtschafts- und Schuldenkrise. Foto: dpa

Jeder dritte Heranwachsende in der EU ist laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Kluft werde immer größer: zwischen jung und alt sowie zwischen Süd- und Nordeuropa.

Kinder und Jugendliche sind einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge die großen Verlierer der europäischen Wirtschafts- und Schuldenkrisen der vergangenen Jahre. 26 Millionen Heranwachsende unter 18 Jahren, und damit beinahe jeder dritte (27,9 Prozent) in der EU, sei von sozialer Ausgrenzung und Armut bedroht, teilte die Stiftung am Dienstag in Gütersloh mit.

Weit über fünf Millionen der Jungen haben sogar nur geringe Zukunftsperspektiven, da sie weder Ausbildungsplatz noch Arbeit finden. Auch in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen hätten viele nur geringe Zukunftschancen, weil sie weder eine Ausbildung noch Arbeit gefunden hätten.

Allein in den besonders betroffenen vier südeuropäischen Staaten Spanien, Griechenland, Portugal und Italien sei die Zahl der armutsgefährdeten jungen Leute seit 2007 um 1,2 Millionen auf 7,6 Millionen gestiegen, hieß es in der jährlich erscheinenden Untersuchung „Social Justice Index“, in dem die Stiftung die soziale Gerechtigkeit innerhalb der EU erfassen will. Sie lebten in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, wüchsen in „quasi-erwerbslosen Haushalten“ auf oder litten unter „schweren materiellen Entbehrungen“.

Die Studie Social Justice Index beleuchtet zum zweiten Mal nach 2014 die Entwicklung in allen 28 EU-Staaten anhand von 35 Kriterien. Deutschland belegt trotz großer volkswirtschaftlicher Kraft nur den siebten Platz, konnte seinen Index-Wert seit 2008 – damals war die Erhebung noch nicht so umfassend wie heute – aber von 6,16 auf 6,52 verbessern. Der EU-Schnitt liegt bei 5,63, Spitzenreiter bleibt Schweden (7,23).

Anders als bei den Jüngeren sank der Anteil der armutsbedrohten Bürger im Alter von über 65 Jahren in der EU den Angaben zufolge deutlich von 24,4 Prozent auf 17,8 Prozent. Hauptgrund für diese Entwicklung sei, dass die Renten und Altersbezüge in den Krisenjahren nicht oder nicht so stark geschrumpft seien wie die Einkommen der jüngeren Bevölkerung, teilte die Bertelsmann Stiftung mit.

Die gegensätzliche Entwicklung zwischen Jung und Alt werde verschärft durch drei europaweite Trends: Eine steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte belaste vor allem die jüngeren Generationen; Zukunftsinvestitionen in Bildung oder Forschung und Entwicklung stagnierten; und alternde Gesellschaften erhöhten den Druck auf die Finanzierbarkeit sozialer Sicherungssysteme. Der Schuldenstand der EU-Staaten etwa habe sich im Verhältnis zu deren Wirtschaftsleistung im Durchschnitt von 63 Prozent im Jahre 2008 auf inzwischen 88 Prozent erhöht.

Die Stiftung warnte vor den Folgen. „Wir können uns eine verlorene Generation in Europa weder sozial noch ökonomisch leisten. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um die Chancen junger Menschen nachhaltig zu verbessern“, erklärte deren Vorstandsvorsitzender Aart De Geus.

Situation in Deutschland

Neben einer wachsenden Kluft zwischen Alt und Jung gibt es laut der Studie auch weiterhin ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Allein in Spanien, Griechenland, Italien und Portugal ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, seit 2007 um 1,2 Millionen von 6,4 auf 7,6 Millionen gestiegen. „Sie leben entweder in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, leiden unter schweren materiellen Entbehrungen oder wachsen in quasi-erwerbslosen Haushalten auf. Griechenland fällt mit 3,61 weiter zurück“, schreiben die Autoren der Studie.

Für Deutschland spricht die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt mit der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit (7,7 Prozent) im EU-Vergleich und hinter Schweden der zweithöchsten Beschäftigungsquote von 73,8 Prozent. Die Forscher bemängeln allerdings mit 40 Prozent einen zu großen Anteil von atypischen Beschäftigten in Deutschland. Diese Menschen sind trotz Vollzeitjob von Armut bedroht – wegen befristeten Verträgen und niedrigen Lohns.

Bei der Generationengerechtigkeit hat sich die Bundesrepublik im Vergleich zu 2014 von Rang 10 auf 15 verschlechtert. So müssen bei den unter 18-Jährigen etwa fünf Prozent mit schweren materiellen Entbehrungen leben. Bei den über 65 Jahren alten Bundesbürgern sind es nur 3,2 Prozent. Auch beim Bildungszugang beklagt die Bertelsmann-Stiftung in Deutschland einen zu starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

Kritik an Politik der Bundesregierung

Der Sozialverband Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) reagierten sehr besorgt auf die Ergebnisse. Die Perspektivlosigkeit der Jugend und das zunehmende soziale Gefälle zwischen Nord und Süd berge „enorme Sprengkraft“ für die EU als Ganzes und damit auch für die Zukunft Deutschlands, erklärte AWO-Vorstandschef Wolfgang Stadler in Berlin.

Der DGB sprach von einer „verfehlten Antikrisenpolitik“, die einseitig auf Einsparungen ausgerichtet sei und eine „verlorene Generation“ hervorbringe. Staatlich verordnete Lohnsenkungen, Kürzungsprogramme sowie die Ausweitung atypischer Beschäftigung im Rahmen von Strukturreformen gingen vor allem zu Lasten der jungen Generation, teilte Vorstandsmitglied Stefan Körzell mit. Nötig seien Investitionen etwa in Bildung und Infrastruktur.

Oppositionspolitiker machten die Bundesregierung direkt mitverantwortlich. „Die unter deutscher Federführung gnadenlos durchgesetzte Austeritätspolitik hat im Süden Europas eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und eine ganze Generation abgehängt“, teilte Linken-Bundeschef Bernd Riexinger mit.

Weitere Informationen

Bertelsmann-Stiftung: Soziale Gerechtigkeit in der EU – Index Report 2015 (27. Oktober 2015)