EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

01/10/2016

Arbeitslosigkeit: Der Teufelskreis für Flüchtlinge

EU-Innenpolitik

Arbeitslosigkeit: Der Teufelskreis für Flüchtlinge

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt kann gelingen - braucht aber Geduld und das richtige Herangehen.

Foto: dpa

Ohne Sprachkenntnisse kein Job, ohne Job keine Integration. Das kann schnell zu einem Teufelskreis für Flüchtlinge werden. Doch lokale Initiativen können gut dabei helfen, das zu vermeiden. Wie, das hat das Berlin-Institut in einer Studie analysiert.

Ob Tischler, Elektriker oder Facharzt: Menschen, die ihre Ausbildung und Berufserfahrung nicht in Deutschland gemacht haben, können – in der Bundesrepublik angekommen und als asylberechtigt anerkannt – trotzdem nicht einfach ihren Beruf wieder aufnehmen. Vorher muss sich der- oder diejenige zuerst seine Qualifikation anerkennen lassen – und ausreichend Deutsch sprechen können. Das sind nur zwei der Hürden. Noch härter ist der Einstieg, wenn etwa ein junger Syrer nicht einmal die Schule abschließen konnte. Und diese Fälle nehmen zu. Denn wo jahrelang Krieg herrscht, bestimmt der Kampf um das Überleben den Alltag – die Suche nach einem Job oder einer Ausbildung in der neuen Heimat wird wesentlich schwerer.

„Eine qualitative Befragung zwischen Dezember 2015 und März 2016 ergab, dass insbesondere Flüchtlinge aus langjährigen Kriegs- und Krisenregionen wie Somalia, Pakistan oder Afghanistan kaum Zugang zu Bildung hatten“, berichtet der Thinktank Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Darum hätten viele Flüchtlingen aus diesen Herkunftsländern nur eine geringe Allgemeinbildung oder sind gar Analphabeten.

Diese Menschen in Lohn und Brot zu bringen, brauche dementsprechend Unterstützung für die Flüchtlinge und von allen Seiten Geduld, so Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, bei der Vorstellung der aktuellen Untersuchung „An die Arbeit – Wie lokale Initiativen zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt beitragen können“. Nur acht Prozent aller Asylsuchenden haben im ersten Jahr eine Arbeit in Deutschland gefunden, heißt es in der Analyse unter Berufung auf Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). 1,3 Millionen Menschen sind in den vergangenen drei Jahren als Schutzsuchende nach Deutschland gekommenen. Ihre Integration aber funktioniere vor allem über die Teilnahme am Arbeitsmarkt, mahnte Klingholz. „Wie gut das klappt, ist entscheidend für das künftige Miteinander.“

Fachkräftemarkt braucht Flüchtlinge

Dennoch ist er zuversichtlich: Dass der Großteil der hier ankommenden Flüchtlinge jung ist – ca. ein Drittel ist jünger als 18 Jahre, 70 Prozent sind unter 30 – werde ihnen den Zugang in den nach neuen Leuten rufenden Fachkräftemarkt erleichtern. Und Bedarf ist da, das zeigen die jüngsten Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Im zweiten Quartal 2016 gab es demnach auf dem ersten Arbeitsmarkt bundesweit gut 985.000 offene Stellen – rund zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

„Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften wächst“, bestätigt auch der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Ulrich Wiegand, im Gespräch mit EurActiv.de. „Doch eine vollständige Ausbildung ist der zentrale Weg dorthin.“ Dass auch bei Flüchtlingen mit einer Ausbildung oder Berufsabschluss die Qualifikation meist nur zum Teil anerkannt wird, hält er für richtig. „Oft fehlt Wissen etwa im Arbeits- und Gesundheitsrecht. Aber Prüfsicherheit ist wichtig, denn wer möchte schon Unsicherheiten, wenn etwa seine Stromkabel neu verlegt werden“, meint er. Eine gezielte Qualifikation nach den Bedürfnissen des einzelnen, aber auch des Arbeitsmarkts, sei darum von Anfang an wichtig.

Sprache bleibt große Barriere

Doch vorher steht meist bereits die Sprachbarriere. Kaum ein Geflüchteter beherrscht bei seiner Ankunft die deutsche Sprache: Nur zwei Prozent der Asylantragsteller im Jahr 2015 gaben an, Deutschkenntnisse zu haben. Zudem besitzen nur wenige einen Hochschulabschluss oder eine Berufsausbildung.

Bei der Orientierung und dem Einstieg in Sprach- und Arbeitsalltag helfen können dabei am besten lokale Initiativen, meint der Autor der Analyse Stephan Sievert. „Sie ergänzen die Arbeit der Behörden und ersetzen für die Geflüchteten fehlende persönliche Netzwerke, die bei der Jobsuche unabdingbar sind.“ Die neue Studie zur Arbeit solcher Initiativen zeige nun, dass nicht nur die reine Vermittlung von Jobs, sondern auch die Vorbereitungsphase mit Beratungen, Sprachkursen und Weiterqualifizierungen enorm wichtig sei. „Der Weg in den Job ist häufig lang“, so Sievert. Um Frustration und Langeweile zu vermeiden, sei es notwendig, möglichst parallele Angebote zu machen und etwa Teilzeitpraktika anzubieten, in denen gerade gelernte Vokabeln schnell eingesetzt werden könnten.

Was das bringt, zeigen die Zahlen der Studie des Berlin-Instituts. Die betrachteten lokale Initiativen zur Integration von Flüchtlingen brachten demnach immerhin zwischen 20 und 50 Prozent der Neuankömmlinge in Arbeit – wenn auch zum Teil nur in Helferjobs und kurzfristige Maßnahmen, so Forscher Sievert. Der erste Schritt in die richtige Richtung aber ist damit bereits getan.