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05/12/2016

Analysten: Mord an Jo Cox stärkt Antibrexit-Kampagne

EU-Innenpolitik

Analysten: Mord an Jo Cox stärkt Antibrexit-Kampagne

Der Tod der pro-europäischen Labour-Abgeordneten Jo Cox könnte das Zünglein an der Waage sein, vermuten Analysten.

[@MrBrendonCox/Twitter]

Die Ermordung der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox werde der Pro-Brexit-Kampagne den Wind aus den Segeln nehmen, betonen Analysten. Diese bringe man jetzt nämlich mit dem Mörder in Verbindung. EurActiv Brüssel berichtet.

Am gestrigen Donnerstag, genau eine Woche vor dem Referendum zur EU-Mitgliedschaft Großbritanniens, wurde die pro-europäische Politikerin Jo Cox auf offener Straße von einem Mann angegriffen, der „Britain First“ (Großbritannien zuerst) rief und sie dabei tödlich verletzte. Seitdem haben Brexit-Gegner und -Verfechter ihren Wahlkampf ausgesetzt. „Es ist richtig, dass wir unsere Aktivitäten zur Volksabstimmung jetzt erst einmal auf Eis gelegt haben. Wir alle trauern in diesem schrecklichen Moment mit Jos Familie und ihren Angehörigen“, so der britische Premierminister David Cameron, der sich für den Verbleib in der EU engagiert. Auch Deutschland trauert mit dem Vereinigten Königreich.

Doch diese Phase wird nicht ewig anhalten und schon jetzt kursieren Spekulationen darüber, welche Seite von dem tragischen Ereignis wohl am ehesten profitieren wird. Für die meisten ist die Antwort ganz klar: Die Pro-EU-Kampagne.

„Die Kampagne der Brexit-Befürworter, die in den Meinungsumfragen stetig mehr Zuspruch bekommen hat, wird nun stark an Schwung verlieren“, meint Mujtaba Rahman, Leiter der Europaangelegenheiten bei Eurasia Group, dem weltweit führenden Risikoberater im Bereich Politik. „Wenn sich herausstellt, dass der Mord wirklich brexitmotiviert war, wird das ein negatives Licht auf die extremeren Elemente der Leave-Kampagne werfen und unentschlossene Wähler womöglich zum gegnerischen Lager treiben“, erklärt er. Der Mord biete Cameron auch die Chance, „wie ein Staatsmann aufzutreten und die Agenda wieder in die Hand zu nehmen – etwas, das ihm in der letzten Woche nicht mehr möglich war.“

Auf den Finanzmärkten schöpften Investoren nach der gestrigen Schreckenstat wieder neues Vertrauen in den EU-Verbleib des Vereinigten Königreiches. „Mit Sicherheit werden die Menschen darüber sprechen, inwiefern die Ereignisse das Abstimmungsergebnis zugunsten der EU-Befürworter beeinflussen“, bestätigt Alan Ruskin, weltweiter Leiter der Devisenstrategie bei der Deutschen Bank. Risikoreichere Vermögenswerte erholen sich ihm zufolge wieder. „Sie gehen nach oben, weil man nun davon ausgeht, dass die Wahrscheinlichkeit eines Brexits gesunken ist“, erklärt er.

Dennoch dürfe man keine voreiligen Schlüsse über das Abstimmungsergebnis ziehen. Der Wahlkampf sei noch lange nicht vorbei. „Was geschehen ist, ist ganz und gar tragisch. Die Ereignisse haben sofort eine emotionale Reaktion ausgelöst. Aber bis zum Referendum ist noch eine ganze Woche Zeit.“

EU-Politiker in Brüssel hoffen, der Mord an Cox werde die Abstimmungsatmosphäre am 23. Juni nicht vergiften. „Großbritannien ist ein Leuchtturm der friedlichen Politik. Hoffentlich wird das britische Volk nächste Woche sicher und besonnen eine demokratische Entscheidung fällen können“, so der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem, Leiter des Eurogruppentreffens der EU-Finanzminister.

Zeitstrahl

  • 23. Juni: Brexit-Referendum
  • 28-29 June: EU-Gipfel in Brüssel