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08/12/2016

Amnesty: Kinder an ungarisch-serbischen Grenze von Eltern getrennt

EU-Innenpolitik

Amnesty: Kinder an ungarisch-serbischen Grenze von Eltern getrennt

Ein Flüchtlingskind entlang der serbisch-ungarischen Grenze. Foto: dpa

Die Lage an der serbisch-ungarischen Grenze eskaliert: Ungarische Polizisten feuern Tränengas auf Flüchtlinge ab – und nach Angaben von Amnesty International sind mehrere Flüchtlingskinder von ihren Eltern getrennt worden.

Bei dem Versuch, aus Serbien über die Grenze in das EU-Land Ungarn zu gelangen, sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mehrere Flüchtlingskinder von ihren Eltern getrennt worden. Wie Amnesty am Mittwoch mitteilte, wurden mindestens neun Menschen, darunter mindestens vier Kinder, von der ungarischen Polizei abgesondert, als eine Flüchtlingsgruppe versucht hatte, von Serbien aus den ungarischen Grenzzaun zu überwinden.

„Die Familien versuchen verzweifelt, mit ihren Kindern wiedervereint zu werden“, erklärte die Krisenreaktionsdirektorin von Amnesty, Tirana Hassan, bei einem Besuch vor Ort. „Sie haben nicht nur die traumatische Reise an die Grenze und den Einsatz von Gewalt der Polizei erlebt – sie haben jetzt die Sicherheit verloren, bei ihren Eltern zu sein“, sagte sie über die Flüchtlingskinder. Diese seien vermutlich in ein nahe gelegenes Gebäude des Grenzschutzes gebracht worden. „Die ungarischen Behörden müssen diese Kinder sofort ihren Familien übergeben“, forderte Hassan. Am Mittwoch war die Lage an der serbisch-ungarischen Grenze eskaliert.

An der serbisch-ungarischen Grenze ist die Lage am Mittwoch eskaliert. Nach schweren Zusammenstößen am Grenzübergang Röszke drängten dutzende Flüchtlinge am Abend die ungarische Polizei zurück und drangen zeitweise auf ungarisches Gebiet vor. Die Polizisten zogen sich ein Stück zurück und schossen Tränengasgranaten auf die Menge ab. Amnesty zitierte einen Flüchtling, der dabei von seinem achtjährigen Sohn getrennt wurde. „Mein Kind wurde mir genommen, als ich seine Hand hielt und seitdem sind wir getrennt“, sagte er der Menschenrechtsorganisation zufolge.

Die serbische Regierung verurteile den Einsatz von Tränengas auf ihrem Territorium durch die ungarische Polizei, erklärte ein Regierungssprecher am Mittwochabend. Innenminister Nebojsa Stefanovic kündigte die Entsendung zusätzlicher serbischer Polizisten an den Grenzübergang an, um weitere Zusammenstöße zwischen Flüchtlingen und der ungarischen Polizei zu vermeiden.

Ungarns Regierungschef plant weiteren Grenzzaun zu Kroatien

Um alle Flüchtlinge aus seinem Land zu halten, fasst Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán auch den Bau einer Sperranlage entlang der Grenze zu Kroatien ins Auge. Dass die Grenze zu Serbien dicht sei, halte die Schleuser nicht davon ab, die Flüchtlinge über andere Routen, etwa über Rumänien, in die Europäische Union zu bringen, sagte Orban der französischen Zeitung „Le Figaro“ vom Donnerstag.

„Deshalb haben wir uns entschlossen, auch an der Grenze nach Rumänien, entlang des Flusses Mures, einen Grenzzaun zu errichten. Und wir werden wahrscheinlich einen weiteren entlang der kroatischen Grenze bauen“, sagte Orban weiter. „Wir folgen ihren Spuren.“ Tatsache sei, dass die Flüchtlinge weiterhin in die EU „strömen“, fuhr der rechtspopulistische Regierungschef fort. „Uns gelang es, sie an der ungarischen Grenze zu stoppen, doch hat das den Zustrom selbst nicht gestoppt“.

Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic sagte vor dem Parlament, sein Land werde Flüchtlinge nicht stoppen. „Wir sind bereit, diese Menschen anzunehmen und dorthin zu leiten, wo sie offensichtlich hin wollen“ – also nach Deutschland und Schweden. 370 Ankömmlinge wurde am Mittwoch in Kroatien registriert. Innenminister Ranko Ostojic sagte, das Land könne 1500 Menschen pro Tag aufnehmen und weiterleiten. Derzeit werde die Einrichtung von Korridoren geprüft, er stehe dazu in Kontakt mit seiner slowenischen Kollegin Vesna Györkös Znidar. Diese dementierte jedoch umgehend, da die unkontrollierte Weiterleitung von Flüchtlingen gegen EU-Recht verstoße.

„Die EU ist kein sicherer Ort mehr“

Drastische Worte des slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico verdeutlichten einmal mehr die gespaltene Haltung der EU-Staaten zur Flüchtlingskrise. Im Parlament sagte Fico, die EU sei angesichts des „Ansturms hunderttausender Migranten kein sicherer Ort mehr“. Der Regierungschef warnte vor „Terroristen“, die sich unter die Flüchtlinge mischen könnten.

Auch an anderen Grenzen versuchten verzweifelte Flüchtlinge, die Sperren zu überwinden. Da keine Züge mehr fahren, machten sich hunderte von ihnen vom österreichischen Salzburg auf zu Fuß auf den Weg nach Deutschland. An der türkisch-griechischen Landgrenze bei Edirne verschärfte sich ebenfalls die Lage. Dort warten rund tausend von Sicherheitskräften bewachte Flüchtlinge auf eine Gelegenheit, nach Griechenland zu gelangen.