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31/07/2016

AfD ist Sprachrohr für Rassismus und Menschenfeindlichkeit

EU-Innenpolitik

AfD ist Sprachrohr für Rassismus und Menschenfeindlichkeit

Foto: Carlos Pinguin (CC BY-NC 2.0)

Deutschlands Mitte driftet latent nach Rechts, beweist eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Besonders AfD-Anhänger neigen zu rechtsextremen und national-chauvinistischen Einstellungen. Das Modell der europäischen Identität erklären die Forscher für gescheitert.

Zuerst die gute Nachricht: Rechtsextreme Einstellungen sind in Deutschland im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zurückgegangen. Doch laut einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ist das kein Grund zur Entwarnung. Die Mitte der Gesellschaft neigt zunehmend zu subtileren Formen menschenfeindlichen und rassistischen Denkens, rechte Einstellungen, die salonfähig sind – ganz nach dem Motto: “Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen.”

Die Forscher betrachten mit Sorge. Denn vereinzelte rechtsextreme und rassistische Thesen erfreuen sich großer Beliebtheit: So stimmten 36 Prozent der Befragten zu, dass Deutschland mehr Mut zu einem starken Nationalgefühl haben sollte. Mehr als zehn Prozent meinen, dass Hitlers Diktatur auch gute Seiten hatte – und elf Prozent sagen “Ja” zu der These: “Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.”

Diese Argumentationsmuster vertreten insbesondere Sympathisanten der euro-kritischen Alternative für Deutschland (AfD). “AfD-Anhänger hegen deutlich überdurchschnittliche Sympathien für nahezu alle Facetten rechtsextremer Einstellungen”, resümiert Studienautor Andreas Zick.

Dazu gehöre der so genannten nationale Chauvinismus, also der Glaube, das Deutsche anderen nationalen Gruppen überlegen seien (41,2 Prozent), und eine Verharmlosung der Zeit unter dem Nationalsozialismus (14,3 Prozent und damit höher als NPD-Anhänger).  

In der Mitte der Gesellschaft beobachten die FES-Forscher zudem eine verstärkte Neigung zu einer marktorientierten Logik der Menschenfeindlichkeit – einem Sozialdarwinismus nach der Devise “Der Stärkere überlebt”. Die Folge ist die systematische Abwertung bestimmter nicht-etablieten Minderheiten, darunter Asylsuchende und Arbeitslose. “Extremes Effizienzdenken hängt eng zusammen mit rechtsextremen Ideen”, so die Studie. Mehr als 44 Prozent der Befragten empfinden Flüchtlinge als Problem für die Gesellschaft.

Auch hier sind im Vergleich zu Anhängern anderer Parteien die AfD-Sympathisanten ganz vorne. Diese vertreten zum Beispiel besonders häufig die Meinung, “dass sich – wie in der Natur – auch in der Gesellschaft der Stärkere durchsetzen sollte, dass es wertvolles und unwertes Leben” gäbe. “Die AfD kanalisiert als politisches Sprachrohr die Verbindung von Bedrohungsängsten und diesem marktförmigen Extremismus”, erklärt FES-Autor Andreas Hövermann.

“Deutschland muss Stärke zeigen”

Ein weiteres Fazit der Studie: Rechtsextreme Ideologien gehen einher mit einer kritischen Haltung gegenüber der EU und einer Abwertung von Bürgern aus den europäischen Nachbarländern. Eine solche Stimmung werde dabei offen artikuliert: 24 Prozent der Befragten glauben, dass Deutschland besser dran wäre ohne die EU. 51 Prozent fordern, dass Deutschland Stärke gegenüber Brüssel zeigen müsse. Und 38 Prozent wollen, dass sich Deutschland mehr auf sich selbst besinnen solle.

“Das Modell einer europäischen Identität ist gescheitert. Es ist kein Modell, das Ungleichheitwertigkeiten wegpuffert. Das Bild der europäischen Einheit mit einer gemeinsame Identität und der Förderung von Heterogenität und Diversität, das funktioniert nicht”, erklärt Zick.

“Modernen Antisemitismus” steigt an

Nach den EU-weiten Protesten gegen den israelischen Militäreinsatz im Gaza-Streifen haben die Autoren eine Nachbefragung durchgeführt. Demnach wuchs besonders der Zuspruch für den sogenannten sekundäre, “moderne” Antisemitismus: Knapp über die Hälfte der Befragten ärgern sich darüber, dass “den Deutschen die Verbrechen an den Juden vorgehalten wird”. Und noch immer knapp 50 Prozent sagen, dass sie es leid seien, “immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden” zu hören.

Der klassische Antisemitismus ist gegenüber 2004 zwar gesunken, aber nach den Gaza-Protestsommer wieder angestiegen. Über 15 Prozent machen Juden den Vorwurf, zuviel Einfluss in Deutschland zu haben, 18 Prozent sagen, dass Juden durch ihr Verhalten an ihren Verfolgungen mit schuldig sind. 

Mit Blick auf die Zukunft sind die Forscher alarmiert. Denn obwohl 87 Prozent der Befragten eine deutliche Bedrohung durch den Rechtsextremismus wahrnehmen, sind knapp die Hälfte der Meinung, dass man das Phänomen einfach ignorieren sollte. “Das öffnet das Tor für rechten Populismus”, warnt Zick.   

Die Studie fußt auf einer repräsentativen Befragung von 1.915 Menschen im Alter zwischen 16 und 95 Jahren. Sie wurden zwischen Juni und September 2014 befragt.

Weitere Informationen

Zick, Andreas und Anna Klein: FES-Studie: Fragile Mitte – Feindselige Zustände (20. November 2014)