EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

19/01/2017

Menschen, Mauer, Mythen – Berichte aus Berlin und Bonn

EU-Innenpolitik

Menschen, Mauer, Mythen – Berichte aus Berlin und Bonn

Die Schlüsselszene für den Mauerfall: Günter Schabowskis Pressekonferenz im IPZ am 9. November 1989. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA

Am 9. November jährte sich der Mauerfall zum 25. Mal. In der Serie “Die Mauer, die Menschen und die Mitte Europas – Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten” schildert Ewald König, was er zu Zeiten der Wende als Auslandsjournalist in Berlin und Bonn erlebt hat. Hier finden Sie die Übersicht aller bisher erschienenen Kapitel.

Zu Zeiten der Wende war Ewald König Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung “Die Presse”. Über Jahre hinweg pendelte er zwischen beiden Welten, um die Entwicklung in West und Ost synchron zu verfolgen. Er gehört zu den ganz wenigen Ausnahmen unter den Journalisten, die sowohl in der BRD als auch in der DDR eine Akkreditierung erhalten haben. In der Regel war dies unvereinbar. Viele andere Journalisten waren nur für eine Perspektive zuständig und berichteten aus der Bonner, der Westberliner oder der Ostberliner Sicht. 

Als Günter Schabowski in seiner berühmten Pressekonferenz vom 9. November 1989 umständlich die Öffnung der Mauer verkündete, war König der einzige österreichische Journalist im Saal.

In diesem Jahr feiern Deutschland und Europa 25 Jahre Mauerfall. Königs erstes Buch über diese Zeit erschien im November 2013. Es heißt „Menschen Mauer Mythen – Deutsch-deutsche Notizen eines Wiener Korrespondenten“ (Mitteldeutscher Verlag mdv, ISBN 978-3-95462-133-0).

Das zweite Buch erschien im August 2014: „Kohls Einheit unter drei: Weitere deutsch-deutsche Notizen eines Wiener Korrespondenten“ (Mitteldeutscher Verlag mdv, ISBN 978-3954623167)

Kontakt: Ewald König, Berliner Korrespondentenbüro, korrespondenten.tv
Telefon: +49 30 4000 4630
Mobil: +49 151 2162 7154
E-Mail: redaktion@korrespondenten.tv, koenig@korrespondenten.com
Postadresse: korrespondenten.tv, PF 80111, 10001 Berlin

Bundesstiftung Aufarbeitung

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (in Berlin-Mitte) hat diese Serie in ihr Zeitzeugenportal aufgenommen. Das Zeitzeugenportal der Bundesstiftung, der Bundesregierung und der Bundesländer ist ein Bildungsangebot im Internet, das sich an Schulen und Einrichtungen der historischpolitischen Bildungsarbeit wendet. Das Portal verzeichnet bislang ca. 150 Zeitzeugen.

RBB-Doku „Geschichten aus Mitte“

Die EurActiv.de-Serie “Die Mauer, die Menschen und die Mitte Europas – Berliner Notizen eines Wiener Korrespondenten” war Anlass für den RBB, auch König in die Dokumentation „Geschichten aus Mitte“ einzubeziehen (Film von Julia Oelkers und Peter Scholl im RBB vom 24. August 2010).

In BR-alpha der ARD lief am 24. November 2010 „In Berlin“, eine 45-minütige Dokumentation von Gerald Teufel über das aktuelle Stimmungsbild in Berlin mit Ewald König und anderen.

Der MDR zitiert in seiner Reihe „Damals im Osten – Mitteldeutschland 1945 bis heute“ aus der Serie. 

Das Kapitel „Die Wende und der Wandel der Wörter“ wurde im Wortmuseum aufgenommen, das Kapitel „Mauergrundstücke und Moral“ im Heimatmuseum Berlin-Treptow behandelt. 

EurActiv.de fasst die Serie in diesem LinksDossier zusammen. Bisher sind 63 Kapitel erschienen.

Bisher erschienen:

(1) „Schaut auf diese Stadt!“

Ewald König war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

(2) Korrespondent aus wo?

Der Frankreich-Korrespondent sitzt in Paris und berichtet über Frankreich. Der Italien-Korrespondent sitzt in Rom und berichtet über Italien. Der USA-Korrespondent sitzt in Washington und berichtet über die USA. Das war von Anfang an so. Aber der Deutschland-Korrespondent?

(3) “Die Mauer, wie Sie das nennen”

Natürlich spielen bei der 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 die Mauer, die Teilung und der Schießbefehl eine zentrale Rolle. Im selben Jahr beeinflussen auch Ronald Reagan und ungarische Feldhasen die Geschichte der Grenzanlagen. Ohne es zu wollen, sprenge ich eine Pressekonferenz im Roten Rathaus.

(4) Logenplatz der Zeitgeschichte

Wie politisch konfrontativ die Plattenbauten in der Leipziger Straße von Berlin-Mitte waren, ahnt heute kaum einer der Durchrasenden. Wohnen zwischen zwei Welten, hart an der Grenze zweier Machtblöcke – mehr Mitte geht nicht. Die Leipziger Straße als Logenplatz der Zeitgeschichte. Ein Lokalaugenschein.

(5) Scheue Nachbarn, schillernde Figuren

Eine schillernde Figur sieht anders aus. Und doch war der scheue Abdel Majid Younes eine der schillerndsten Akteure Ostberlins. Waffenhändler, Kontaktmann von DDR-Spitze und PLO und diversen Geheimdiensten, zur Wende beauftragt, die SED-Millionen ins Ausland zu verschieben. Mein Wohnungsnachbar in der Leipziger Straße.

(6) Bonn: Doppelleben im Doppelhaus

Von Berlin führte mich das Pendlerleben immer wieder nach Bonn, wo außer meiner Familie noch Bundesregierung und Bundestag saßen. Ein Dorado für Spione. Unsere Nachbarn waren welche. Und nicht nur sie.

(7) Umweg per DDR-Interflug

Regelmäßiger und direkter Flugverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten – undenkbar! Doch im Spätsommer 1989, drei Monate vor dem Fall der Mauer, ist es Wirklichkeit. Als Korrespondent einer österreichischen Zeitung fliege ich erstmals mit der ostdeutschen „Interflug“ von der Bundesrepublik in die DDR. Und alle – die Lufthansa-Damen, der Taxifahrer, die Passagiere – alle finden das aufregend. Nur die Interflug-Stewardessen nicht, sie waren angewidert und peinlich berührt.

(8) Die Montagsdemos in Leipzig

Leipzig, zwei Monate vor dem Fall der Mauer. Der Nikolai-Kirchhof vibriert. Friedensgebete und Montagsdemos fordern die Kampfhunde des Regimes heraus. Ohnmacht, Wut und Tränen – und unerschöpflich viel Mut, den die Leipziger und Plauener den Berlinern voraus hatten. Der 4. September 1989 – die erste Leipziger Montagsdemo.

(9) Stasi-Kellner zur Mustermesse

Er verriet Fluchtpläne von DDR-Bürgern, meldete Meinungsäußerungen aus dem Volk und bespitzelte als Kellner eines Nobelrestaurants die ausländischen Gäste der Leipziger Messe. Ich sprach mit einem eifrigen Mitarbeiter der Stasi – einen Tag, bevor er sich selbst aus dem Staub machte.

(10) Hinz und Kunz statt Marx und Engels 

Networking auf kommunistisch: Man muss wissen, wie man an Sachen rankommt, muss Hinz und Kunz kennen. Doch die Ausreisewelle reißt viele Löcher ins Beziehungsgeflecht, die nicht mehr zu stopfen sind. Der eine Hinz, der andere Kunz sind abgehauen. Lokalaugenschein im DDR-Alltag vor zwanzig Jahren.

(11) Witz als Waffe und Ventil

Nicht alle finden das lustig, was ich am Telefon diktiere. Kurz vor dem Abflug am Flughafen Leipzig übermittle ich – neun Wochen vor dem Mauerfall – an die Wiener Redaktion einen Artikel über die Ventilfunktion von Satire, Witz und Spott. Ein Text voller Pointen – doch beim Diktieren ist mir alles andere als zum Lachen zumute.

(12) „Hier sagt man Servus“

Flucht von Ostberlin nach Westberlin – über die Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich und die Bundesrepublik. Viele Zehntausende wählten diesen Weg. Auch zwanzig Jahre danach ist den Leuten jedes Detail gegenwärtig. Ihre Fluchtutensilien haben sie aufgehoben. Ein Rucksack, ein Smoking oder das entscheidende “Fietzerl” von der Österreichkarte.

(13) „Willkommen in Deutschland“

In Westdeutschland platzen die Aufnahmelager aus allen Nähten. Die DDR rinnt aus. Hunderttausende wollen westwärts, durch Ausreise oder Flucht. Ein Brennglas von Schicksalen. Ich besuche sie zwischen August und November 1989 – in Gießen und Unna, in Freilassing und Trostberg, in Meckenheim und Berlin-Marienfelde. Eine Aufklärungstour wider DDR-Nostalgie.

(14) 40 Jahre: Wer zu spät kommt…

60 Jahre alt wäre die DDR jetzt, gäbe es sie noch. Der 40. Geburtstag war ihr letzter. Zum Feiern war damals den wenigsten zumute. Es regierte die Angst – vor der chinesischen Lösung, vor leeren Worten Michail Gorbatschows, vor provozierter Gewalt. In den Tagen der Jubelfeiern waren die DDR-Bürger ein- und ausländische Besucher ausgesperrt. (15) Gummiknüppel zur Geburtstagsparty

 

Michail Gorbatschow verlässt Berlin. Die 40-Jahr-Feier geht zu Ende. Die Staatsgewalt bäumt sich auf. In Zivil und in Uniform schlägt sie auf Demonstranten ein, während Berlin-Besucher ausgesperrt bleiben. Ich beobachte die Demo vom Entstehen an der berühmten Weltzeituhr bis zum blutigen Ende. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer.

(16) Widerstand mit Taxameter

Die Knüppel auf die Demonstranten nach den 40-Jahr-Feiern der DDR haben etwas Wesentliches verändert. Ostberliner Taxifahrer haben auf der Straße mitbekommen, was passiert ist. Sie haben es per Taxifunk an alle Kollegen weiter gemeldet. Das hatte Folgen – nicht für die Taxifahrer, sondern für die Obrigkeit.

(17) Pfarrer Führer und das Wunder vom 9. Oktober

Die Berliner Mauer fiel nicht erst am 9. November, sondern schon am 9. Oktober 1989, und nicht in Berlin, sondern in Leipzig. Das ist das Fazit der Leipziger Montagsdemo jenes Tages. Er gilt als Durchbruch. „Die DDR war am Abend des 9. Oktober nicht mehr dieselbe wie am Morgen.“ Besuch bei Pfarrer Christian Führer genau zwanzig Jahre danach.

(18) Die Hausbesetzer von Ostberlin

Die Ausreise- und Flüchtlingswelle verkehrte das Wohnungsproblem ins Gegenteil. Vorher akuter Mangel, nachher Leerstand. Die „wohnraumlenkenden Organe“ der DDR verloren jeden Überblick. Sie mussten Hausbesetzer dulden. Sogar Angela Merkel war eine. Und Claudia L., die wir hier begleiten.

(19) Walter Ulbrichts Träume vom Paradies

Walter Ulbricht, der Vorgänger Erich Honeckers, hatte 1961 – im Jahr des Mauerbaus – Visionen und versprach Reichtum, Freiheit und „ein Leben, in dem kein Wunsch unerfüllt bleibt“. Alles, was Ulbricht hier aufzählte, erwarteten sich die DDR-Bürger dreißig Jahre später nochmals durch die Wiedervereinigung. Die DDR-Ökonomen versuchten kurz vor dem Mauerfall, das System noch schnell zu reformieren.

(20) Korrespondenten der DDR in Bonn

Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte, das wenig bekannt ist: Es gab nicht nur Korrespondenten westdeutscher Medien, die aus der DDR, sondern auch Korrespondenten von DDR-Medien, die aus Bonn berichteten. Wie sie beim “Klassenfeind” am Rhein lebten, unter welchem Druck sie arbeiteten, wie sie im Visier der Geheimdienste von Ost und West standen und natürlich selber der Spionage verdächtig waren, erinnert an Agentenfilme aus dem Kalten Krieg. Aber es war Realität.

(21) Die BRD als Dame ohne Unterleib

Kaum zu glauben: Auch die exotisch-sozialistischen Bonn-Korrespondenten “von drüben” hatten Namen, Lebenslauf und Schicksal. Nicht alle DDR-Journalisten in Bonn fühlten sich als Speerspitze des Kalten Kriegs, manche versuchten sich sogar als Brückenbauer zwischen beiden deutschen Staaten. Es gelang nicht oft.

(22) Bärbel Bohley: Mauer zu, Mauer auf

„Wir hatten Scheuklappen“, ärgerte sich Bärbel Bohley über ihr „Neues Forum“ von 1989. „Wir hätten politisch viel mehr erreichen können.“ Die Bürgerrechtsgruppe, der vor dem Mauerfall binnen acht Wochen Hunderttausende beigetreten waren, hatte großen Anteil am Ende von SED und Stasi. Gespräche mit Bärbel Bohley im Jahr 1989 und genau zwanzig Jahre danach zeigen: Sie ist kritisch und sich treu geblieben. Bis zu ihrem Tod am 11. September 2010.

(23) Conrad Schumann: Die Flucht, das Foto, die Fragen

Das weltberühmte Foto zeigt Conrad Schumann beim Sprung über den Stacheldraht. Das war am dritten Tag nach Beginn des Mauerbaus. Ein Gespräch am Checkpoint Charlie mit dem ersten geflüchteten Volksarmisten der DDR.

(24) Die Wendehälse vom 4. November 1989

Die Massendemonstration vom 4. November 1989 am Alexanderplatz – ein Meer von Menschen und Transparenten, eine Rednerbühne für mutige Bürgerrechtler, ein Schauspiel an Verrenkungen politischer Wendehälse. Fünf Tage, bevor die Mauer fiel, verfiel die ganze Autorität des Regimes.

(25) Massenexodus in Schirnding

Dieses Ausbluten der DDR über Schirnding, diese endlose Trabi-Schlange, die sich im Schritttempo über die CSSR in die BRD schob, diesen Massenexodus musste ich mir unbedingt ansehen. Die letzte Nacht vor dem Mauerfall – fast hätte ich auf die historische Pressekonferenz mit Günter Schabowski verzichtet.

(26) Der Zettel des Günter Schabowski

Die Pressekonferenz beginnt langweilig und endet mit einer Sensation – nur merkt es kaum jemand sofort. Auch nicht Politbüromitglied Günter Schabowski, als er im IPZ mit unsicheren Formulierungen die Grenzen für offen erklärt. Sieben Minuten am 9. November 1989, die die Welt verändern.

(27) Die Mythen des Riccardo Ehrman

Es gibt Momente, die den Lauf der Geschichte beeinflussen. Zum Beispiel die Fragen zum DDR-Reisegesetz auf Schabowskis Pressekonferenz vom 9. November 1989. Diese Momente sind historisch so wichtig, dass Fakten, Mythen und Ungereimtheiten streng zu trennen sind. Das gilt auch für die Fragen des ANSA-Korrespondenten Riccardo Ehrman.

(28) Nichts zu verkünden

Ein kleiner Zeitensprung im IPZ. Acht Jahre nach dem Günter-Schabowski-Auftritt findet der allerletzte Termin in der Mohrenstraße statt: „Die Pressekonferenz, die nichts zu verkünden hat“. Und was danach an den 9. November 1989 erinnern soll, sieht nach einem großen Missverständnis aus.

(29) Berlin, ick spinne!

„Einmal auf der Mauer tanzen!“ Und „Einmal mit dem Trabi auf dem Ku’damm parken!“ Erst am späten Abend setzt der Sturm auf die Grenzübergangsstellen ein. Die live übertragenen Ankündigungen Günter Schabowskis – „sofort, unverzüglich“ – entwickeln nur zögernd Eigendynamik. Eindrücke von einer Nacht voll Wahnsinn, einem Wochenende grenzenlosen Glücks.

(30) Bräute beiderseits der Mauer

Türkische Frau im Westen, deutsche Freundin im Osten: Der Fall der Berliner Mauer hatte pikante Konsequenzen für viele Gastarbeiter, die sich auf die Teilung der Stadt verlassen hatten. Familientragödien, Vaterschaftsklagen und sogar Stasi-Mitarbeit: Wie sich Migranten mit der Mauer arrangierten.

(31) Merkels Welt zur Wendezeit

Angela Merkel besuchte im Spätherbst 2009 US-Präsident Barack Obama und hielt in Washington eine Rede von den beiden Kammern des US-Kongresses. Spurensuche, ein kleiner Rückblick auf 1989/90 – und eine Begegnung in einer Zeit, in der noch niemand geahnt hat, dass sie einst die mächtigste Frau der Welt sein würde.

(32) Mauergrundstücke und Moral

Den 20. Jahrestag des Mauerfalls feiert die Bundesrepublik mit Stolz und Pomp. Der bittere Beigeschmack dabei: das offene Kapitel Mauergrundstücke. Erste Enteignung in der DDR, zweite „Enteignung“ durch das vereinte Deutschland. Mittlerweile liegt der Fall beim Europäischen Gerichtshof. Eine der fragwürdigsten Entscheidungen der Bundesrepublik wird bei den offiziellen Jubelfeiern nicht erwähnt. Dafür aber hier.

(33) Diplomatische und andere Kanäle

Die einen öffneten den Gullideckel, andere den Kofferraum. Die einen tauchten durch die Kloake von Ostberlin in die Freiheit, die anderen wechselten in einer Botschafterlimousine die Grenze. Der Jahrestag des Mauerfalls lässt die Emotionen von „Republikflüchtlingen“ und Fluchthelfern noch einmal hochkommen.

(34) Schämen für die Zonis

Bald nach dem Mauerfall kippt die Stimmung. Ostberliner schämen sich für ihre „Zonis“ aus der tiefen Provinz. Westdeutsche sorgen sich um Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt. Bonner Politiker warnen die DDR-Bürger vor Illusionen. In der DDR kocht das Volk vor Wut, je mehr Enthüllungen über ihre Führung ans Licht kommen.

 

(35) Kohls Balanceakt in Dresden

Es war ein riskantes Spiel, das Bundeskanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 in Dresden gewagt hat. Der politische Balanceakt hätte ganz leicht außer Kontrolle geraten können und wirft bis heute einige Fragen auf. Während Kohl erstmals vor Publikum von der Einheit sprach, schmollte Francois Mitterrand. Er wollte nicht mit Kohl durchs Brandenburger Tor gehen.

(36) Silvester 89 mit Quadriga

Die Quadriga hat sich längst daran gewöhnt, dass jedes Jahr eine Million Menschen am Brandenburger Tor Silvester feiern. Aber so einen Jahreswechsel wie den 1989/1990 haben die Siegesgöttin und ihre vier Pferde noch nicht erlebt, und es wird ihn auch nie wieder geben. Lebensgefährlich und unvergesslich.

(37) Aufbau Ost: Das vergessene Ministerium

Was kann das geteilte Korea von der deutschen Wiedervereinigung lernen? Vor der Wende: Wie in den Schubladen des Innerdeutschen Ministeriums oder im Tresor des Bundeskanzlers die Konzepte für den Tag X bereit lagen? Und nach der Wende: Wie die Beauftragten „Aufbau Ost“ die zentrale Rolle gespielt haben? In beiden Fällen: Fehlanzeige.

(38) Egon Krenz und seine Grenzen (I)

Er war zwar nur sechs Wochen Staats- und Parteichef der DDR, aber es waren die turbulentesten. Den unblutigen Verlauf der Revolutionswochen 1989 hält er sich selbst zugute. Bei Feiern zu Mauerfall und Wiedervereinigung ist Egon Krenz unerwünscht. Seine Sicht im Korrespondentengespräch – ein Stück Zeitgeschichte.

(39) Egon Krenz und seine Grenzen (II)

Der letzte Staatsratsvorsitzende und SED-Chef der DDR, Egon Krenz, schildert Korrespondenten in Berlin, wie die Differenzen zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker entstanden seien, wie bankrott die DDR seiner Ansicht nach wirklich gewesen sei und wie die Geschichte das Urteil über ihn und sein Land korrigieren werde.

(40) Helmut Kohl: Einheit unter drei

Die Welt wartete auf eine Erklärung: Was hat das wiedervereinigte Deutschland vor? Welchen Kurs nimmt es? Wieviel Angst muss man vor dem neuen Riesen haben? Einheitskanzler Helmut Kohl hat die Weltpresse vor sich – und sagt zwei Stunden lang fast nichts. Und das „unter drei“.

(41) Falscher Name, fremdes Leben

Keiner weiß, wie viele „lebende U-Boote“ zur Zeit in Deutschland wohnen. Es sind erstaunlich viele: Menschen mit falschem Namen, fremder Identität, fingierter Biographie. So tauchten früher Personen mit NS-Vergangenheit unter und später Personen mit Stasi-Belastung. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch mitten unter uns.

(42) Die Seilschaften der Herrschaften

Deutschland und seine Stasi: Weltweit wurden hier die meisten Akten verfasst und weltweit die meisten Akten vernichtet. Und weltweit werden hier die meisten Akten rekonstruiert. Zwanzig Jahre nach dem Sturm auf die Stasi-Zentrale zeigt sich: Die Seilschaften funktionieren noch, Tschekisten halten lebenslang zusammen.

(43) Kein Spiel: Stasi-Schnipsel als ePuzzle 

700 Jahre würde es dauern, die Stasi-Schnipsel händisch zusammenzusetzen. Fünf bis zehn Jahre dauert es mit der Software des Fraunhofer-Instituts IPK. Hoffnung für Fahnder, Historiker, Archäologen, Versicherungen und nicht zuletzt die Stasi-Opfer. Panik bei den Betroffenen. Es gibt nicht wenig Widerstand.

(44) 13. August 1961: die Wut, das Schweigen

Ein halbes Jahrhundert Mauerbau – nächstes Jahr ist es soweit. Heute vor 49 Jahren begann das DDR-Regime, Ostberlin abzuriegeln und den Stacheldraht auszurollen, den Vorläufer der Berliner Mauer. Der damalige Korrespondent der Wiener „Presse“, Hans-Ulrich Kersten, beschrieb die Stimmungslage vom 13. August 1961. Wir dokumentieren seine Reportage.

(45) DDR-Telefon: Fasse dich kurz!

Das Telefonnetz der DDR stammte zum Teil noch aus den zwanziger Jahren. Das letzte „Fernsprechbuch“ der DDR-Hauptstadt erschien 1989. Es wurde zum Zeitzeugnis der Veränderungen. Eine Telefonbuchbesprechung.

(46) Mondlandschaft mit Mauerspechten

Das halbe Berlin als terra incognita: Für die Westberliner war die Ost-, für die Ostberliner die Westseite unbekanntes Land. Die ersten Mauerdurchbrüche begleitete nicht nur das Toktoktok der Mauerspechte, sondern vor allem das Gefühl von Mondlandschaft. Nach dem Fall der Mauer: Zwei Millionenstädte in einer – und keine Orientierung.

(47) Burlakows Westgruppe und der Osten

In keinem Land der Welt waren so viele sowjetische Soldaten stationiert wie in Ostdeutschland: 500.000 Mann. Erst fünf Jahre nach dem Fall der Mauer zog die „Westgruppe“ komplett ab. Eine der seltenen Begegnungen mit dem Hardliner Boris Snetkow und seinem Nachfolger Matwej Burlakow in der sowjetischen Garnison.

(48) Bonner Bunker für Bundeskanzler Üb

Im Osten war es die Berliner Mauer, im Westen war der Regierungsbunker bei Bonn das Symbol für den Kalten Krieg. Die Mauer war weltweit bekannt, doch der Bunker war bestgehütetes Staatsgeheimnis der Bundesrepublik. Lokalaugenschein in der „Dienststelle Marienthal“, der einst teuersten Einzelinvestition Deutschlands.

(49) DDR, Österreich (I) und das bessere Deutschland

Je angespannter die DDR-Beziehungen zur Bundesrepublik waren, desto besser waren sie zu Österreich. Die DDR-Führung sah in Österreich oft “das bessere Deutschland”. Bei Staatsbesuchen, Stahlwerkbau und Stasi-Vermögen spielte das neutrale Land eine immense Rolle – besonders unter den SPÖ-Bundeskanzlern Bruno Kreisky und Franz Vranitzky.

(50) Was von der DDR geblieben ist

Das Ampelmännchen und das Sandmännchen haben sich sogar im Westen durchgesetzt. Der Grüne Pfeil (zum Rechtsabbiegen bei Rot) hatte nur ein kurzes Gastspiel. Man findet ihn an bundesdeutschen Kreuzungen kaum noch. Und sonst? Das 50. Kapitel der Serie listet jene Errungenschaften der DDR auf, die der Westen übernommen hat.

(51) Tonnen, Tempo, Tod und Leben: A2 als Ost-West-Schlagader

Die Hauptschlagader zwischen Ost und West ist die A2. Nacht für Nacht schleppt sich der „Aufschwung Ost“ über die wohl gefährlichste Autobahn Deutschlands. Porträt der wichtigsten Verkehrsachse nach der Wende, Protokoll eines der unzähligen Unfälle.

(52) DDR, Österreich (II) und die geheime Diplomatie

Der einzige Diplomat, der in beiden deutschen Staaten tätig war: Österreichs Botschafter Fritz Bauer erzählt, was sich hinter den Kulissen im Dreieck Berlin-Wien-Bonn abgespielt hat, was an heiklen deutsch-deutschen Kontakten und diskreten Ausreisen über Österreich gelaufen ist. Geheime Diplomatie und undiplomatische Geheimnisse.

(53) Wie die DDR lautlos in die EU flutschte

Zwölf Mitglieder hatte die Europäische Gemeinschaft vor 20 Jahren. Die DDR glitt lautlos in den Club – ohne Beitrittsverfahren, ohne Vorbedingungen, ohne Vertragsänderungen, aber durchaus mit Misstrauen mancher Partner. Carlo Trojan war Vertreter der Brüsseler Kommission bei den deutsch-deutschen Einigungsverhandlungen. Seine Sicht der Dinge, bisher noch in keinem Interview geschildert, über einen wenig beachteten Aspekt des deutschen Einigungsprozesses.

(54) Der Schock in Bonn: „So geh’n Sie doch!“

Durch Berlin waberte der Geist der Geschichte, durch Bonn jagten die Schockwellen: Mauerfall, Einheitsfeiern, Hauptstadtentscheidung und Umzugsbeschluss bedeuteten für die provisorische Hauptstadt am Rhein nichts Gutes. Wer in Bonn Sympathien für Berlin zeigte, bekam schon mal laustark zu hören: „So geh’n Sie doch! Geh’n Sie doch!“

(55) Die Wende und der Wandel der Wörter

Nicht nur die Deutschen, auch die deutsche Sprache hatte 1989/90 ihre Wende. Wörter gingen unter, tauchten auf, übersiedelten mit. Selbst das Wort Wende wandelte während der Wendezeit seine Bedeutung. Indessen ging die gemeinsame Rechtschreibreform von BRD, DDR, Österreich und Schweiz unbeirrt weiter, als hätte man damals keine anderen Sorgen gehabt.

(56) DDR, Österreich (III) und das andere Arbeiterparadies

Die DDR war das reinste Arbeiterparadies. Nicht für die DDR-Werktätigen, aber für die vielen Handwerker aus Schweden, Österreich und Japan, die auf Montage in Ostdeutschland arbeiteten und Stahlwerke, Interhotels und Kaufhäuser hochzogen. Die jungen Männer aus dem kapitalistischen Ausland waren bei DDR-Frauen extrem gefragt. Viele leben noch immer in Berlin. Einige wurden richtig kriminell.

(57) Manfred Stolpe und der Brandenburger Weg

Die Kunst des Arrangierens hat er in der DDR gelernt: Manfred Stolpe war Pragmatiker und die Personifizierung des „Brandenburger Wegs“ – wie er seine Regierung anführte, mit der Opposition umging, der Bevölkerung Mut machte und nicht zuletzt wie er österreichischen Journalisten Interviews gab. Unvergessen seine Mitfahrt auf der Autobahn ins Nach-Wende-Potsdam, wo er in meiner „Rostlaube“, einem alten Pkw ohne Außenspiegel, Fragen beantwortete. Damals hatte der KGB seine Europa-Zentrale noch in Potsdam.

(58) Matthias Platzeck und kein Anschluss unter dieser Nummer

Matthias Platzeck kritisert nicht die deutsche Einigung, wohl aber den Einigungsvertrag. In der Anschluss-Diskussion fühlt er sich bewusst missverstanden. Im Gespräch mit Korrespondenten bekräftigt und begründet der damalige Bürgerrechtler und jetzige SPD-Ministerpräsident von Brandenburg seine Kritik. Platzeck, die Stimme des Ostens. Eine Aufzeichnung.

(59) Wohnen im Wolferwartungsland

Der deutsche Osten als „Wolferwartungsland“: Die Wende verstärkte das Ausbluten dramatisch. Manche Gegenden gelten nach UN-Kriterien bereits als unbesiedeltes Gebiet. Ein Phänomen, das bisher nur von amerikanischen Goldgräberstädten bekannt ist. Delegationen aus aller Welt studieren die Probleme von Wegzug, Überalterung und „Rückbau“, sprich Abriss, ganzer Stadtviertel.

(60) Warum Honecker ein Jazzfan wurde

Zunächst war diese „Rauschmusik“ aus Amerika verpönt. Dann aber bemerkte die SED-Führung, wie gut die DDR-Jazzszene für ein liberales Image im westlichen Ausland zu instrumentalisieren war. Free Jazzer wurden ins westliche Bonn vorgeschickt, noch bevor das deutsch-deutsche Kulturabkommen ausgehandelt war. Begegnung mit dem „neuen Usel“ in Jazz und Politik.

(61) Helmut Kohl, Willy Brandt und der Bananenfaktor

Die einzige demokratische Wahl der DDR war die Volkskammerwahl vom 18. März 1990. Der Wahlkampf war schlicht abenteuerlich. Westpolitiker erdrückten die Ostwähler. Ich begleitete Helmut Kohl, Willy Brandt und andere auf vielen Kundgebungen. Die Banane wurde zum deutsch-deutschen Symbol.

(62) Volkskammerwahl oder die BRDigung der DDR

Der 18. März 1990 leitete „die BRDigung der DDR“ ein. Mit der Volkskammerwahl entschied sich die Mehrheit der Ostdeutschen für Wiedervereinigung, D-Mark und Marktwirtschaft und gegen den Fortbestand der DDR. Eindrücke vom Wahltag, von einer Spendenaffäre im Wahllokal und vom Maestro Kurt Masur.

(63) Warmer Winter, Kalter Krieg: die Rolle des Wetters zur Wende

Es war ein ungewöhnlich warmer Winter, der den Kalten Krieg beendete. Das milde Wetter spielte im Wende-Herbst bis hin zur Volkskammerwahl eine kaum beachtete, aber wichtige politische Rolle für die Wiedervereinigung. Was wäre gewesen, wenn es nach Günter Schabowskis Mauerfall-Pressekonferenz in Strömen geschüttet hätte?