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30/09/2016

EU-Kommissarin Thyssen: Neue Initiative verhilft junge Menschen zu neuen Jobs

EU-Innenpolitik

EU-Kommissarin Thyssen: Neue Initiative verhilft junge Menschen zu neuen Jobs

EU-Kommissarin für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten Marianne Thyssen stellt den Europäischen Pakt für die Jugend vor.

[European Parliament/Flickr]

Während die EU-Mitgliedsstaaten an der Durchsetzung der Europäischen Jugendgarantie arbeiten, ruft die Kommission in Zusammenarbeit mit einigen Unternehmen eine neue Initiative ins Leben. Der Europäische Pakt für die Jugend soll jungen Menschen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern, so Marianne Thyssen in einem Exklusiv-Interview.

Marianne Thyssen ist EU-Kommissarin für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten im Kabinett von Jean-Claude Juncker. Die Belgierin ist Mitglied der Partei Christlich-Demokratisch und Flämisch (CD&V).

EurActiv.de: Wozu der Europäische Pakt für die Jugend, wenn die EU-Kommission doch bereits die Beschäftigungsinitiative für junge Menschen (YEI) zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit eingeführt hat?

THYSSEN: Wir dürfen in unseren Anstrengungen, jungen Menschen einen Arbeitsplatz zu verschaffen, nicht nachlassen. Ich begrüße den Europäischen Pakt für die Jugend. Es handelt sich dabei um eine von den Unternehmen geführte Initiative, die die Bemühungen der Kommission auf EU-Ebene ergänzt.

Unternehmen schaffen die meisten Ausbildungsplätze, Praktikumsstellen und andere Arten der Bildung am Arbeitsplatz. So helfen sie jungen Menschen beim Berufseinstieg. Daher ist es so wichtig, dass die Initiative von den Unternehmen selbst ausgeht. Diese sind sich Bewusst, dass es in ihrer Verantwortung und auch in ihrem Interesse liegt, in die Fähigkeiten der Jugend zu investieren. So fördern sie die Talente von morgen. Der Pakt reiht sich wunderbar in die Zielsetzungen bisheriger EU-Initiativen ein, wie zum Beispiel die Europäische Jugendgarantie, die Beschäftigungsinitiative für junge Menschen und die Europäische Ausbildungsallianz.

Hat man den Europäischen Pakt für die Jugend entwickelt, weil die Kommission unzufrieden mit dem mangelnden Fortschritt der Jugendgarantie in den Mitgliedsstaaten ist?

Die Länder arbeiten an der Umsetzung der Jugendgarantie. Es gibt auch schon erste positive Ergebnisse. Dieses Jahr gab es bereits fast zehn Prozent weniger junge Arbeitslose als noch im letzten Jahr. Das ist ein ermutigendes Zeichen. Natürlich sind noch immer zu viele junge Menschen von der Arbeitslosigkeit betroffen, aber ich bin guter Dinge, dass sich der positive Trend fortsetzen wird.

Die Jugendgarantie bietet keine Lösung über Nacht. Es wird einige Zeit dauern, bis sich das Projekt auszahlt. Verglichen mit anderen europäischen Strukturreformen jedoch, ist die Umsetzungsgeschwindigkeit der Jugendgarantie wahrscheinlich eine der höchsten bisher. Nächstes Jahr werden wir die Ergebnisse vor Ort in den 28 Mitgliedsstaaten eingehend bewerten. Eine Reihe junger Menschen hat bereits durch unsere Unterstützung einen Arbeitsplatz, eine Ausbildungs- oder Praktikumsstelle gefunden. Das Projekt hat also tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Perspektiven junger Menschen. Ich glaube, der Europäische Pakt für die Jugend stellt einen wichtigen Beitrag des privaten Sektors dar. Er unterstützt die Umsetzung der Jugendgarantie. Die Unternehmen, die im Rahmen des Paktes die Initiative ergreifen, verpflichten sich, bis 2017 mindestens 100.000 neue Ausbildungsplätze, Praktika und Einstiegsjobs zu schaffen.

In Riga sagte man 140.000 neue Ausbildungsstellen für junge Erwachsene im Rahmen der Europäischen Ausbildungsallianz zu. Wir machen also insgesamt gute Fortschritte. Jetzt bewegen wir uns auf die 250.000 zu – eine viertel Million neue Ausbildungschancen für junge Menschen in ganz Europa. Während sich der Pakt entwickelt und weiter wächst, können auch wir uns hoffentlich noch ambitioniertere Ziele stecken. So können wir einen wichtigen Beitrag zum Berufs- und Karriereeinstieg junger Erwachsener leisten.

Wie sieht die Zusammenarbeit der Unternehmen mit den EU-Bildungssystemen unter dem Europäischen Pakt für die Jugend aus?

Einerseits kann man mehr Ausbildungsplätze bereitstellen. Junge Berufsschüler verbringen also die Hälfe der Ausbildungszeit auf der Schulbank und die andere im Unternehmen. Das ist entscheidend, denn eine gute Ausbildung verhilft jungen Menschen nachweislich schneller zu einem Arbeitsplatz. Außerdem verbessern Unternehmen auf diese Weise ihren Zugang zu talentierten Absolventen. Im Durchschnitt übernehmen die Unternehmen direkt zwei Drittel aller Auszubildenden nach deren Abschluss. Das zeigt, wie wichtig sie für die Arbeitgeber sind.

Doch es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Firmen können Gastvorlesungen an Schulen anbieten oder Lehrer zum Job-Shadowing im Unternehmen einladen. Außerdem könnten Schüler eine Unternehmensbesichtigung erhalten. Es gibt viele verschiedene Arten, wie Unternehmen und Schulen zusammenarbeiten können. Wir hoffen, dass sie durch den Europäischen Pakt für die Jugend viele unterschiedliche Weg für sich entdecken, ausprobieren und weiterentwickeln.

Wie waren bisher die Rückmeldungen seitens der Bildungsanbieter zum Europäischen Pakt für die Jugend?

Sehr positiv. Europas größte Bildungs- und Ausbildungsanbieter arbeiten im Rahmen dieser Initiative als Partner zusammen. Natürlich kann man Unternehmens-Bildungs-Partnerschaften nur entwickeln, wenn Schulen, Fachhochschulen und Universitäten gewillt und in der Lage sind, mit Unternehmen zu kooperieren. Meiner Meinung nach wächst das Interesse an solchen Kollaborationen immer weiter. Der Pakt bietet Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen die perfekte Möglichkeit, mit den Entwicklungen der Geschäftswelt, der Industrie und der Arbeitswelt mitzuhalten.

Was hielt die Unternehmen denn bisher davon ab, junge Menschen einzustellen?

Die Wirtschaftskrise hat eine große Kündigungswelle ausgelöst. In den schwierigsten Jahren wurden immer weniger Menschen eingestellt. Aber mit der wirtschaftlichen Erholung beginnt auch die Zahl der Neueinstellungen langsam zu steigen. Gleichzeitig stehen wir einer paradoxen Situation gegenüber. 4,5 Millionen junge Menschen sind arbeitslos. Zur selben Zeit gibt es aber auch zwei Millionen unbesetzte Stellen in ganz Europa. 25 Prozent der Arbeitgeber berichten von Problemen bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. Das zeigt, dass wir die Relevanz von Bildung und Ausbildung noch steigern müssen. Hierfür brauchen wir eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen.

Inwiefern richtet sich der Europäische Pakt für die Jugend an südeuropäische Länder wie zum Beispiel Griechenland oder Spanien, in denen die Jugendarbeitslosigkeit bekanntlich Rekordhöhen erreicht hat?

Der Europäische Pakt für die Jugend ist eine Initiative unter der Leitung von CSR Europe und dessen Netzwerk von Unternehmen und Partnerorganisationen in ganz Europa. Sie werden in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten Aktionspläne zur Zusammenarbeit von Firmen und Bildungseinrichtungen entwickeln. Hierzu zählen natürlich auch Griechenland, Spanien und andere Länder mit hoher Jugendarbeitslosigkeit. Unternehmen, Schulen und Ausbildungsbetriebe werden diese Möglichkeit nutzen, um die Fähigkeiten und Einstellungschancen der Jugend zu fördern.

Sie sagten, das Zeil des Europäischen Pakts für die Jugend sei die Schaffung von mindestens 100.000 qualitativ hochwertigen Ausbildungsplätzen, Praktikumsstellen und Einsteigerjobs. Wie definiert die Kommission zum Beispiel ein „qualitativ hochwertiges Praktikum“? Könnte es unbezahlt sein?

Praktika sind ein wichtiges Sprungbrett ins Arbeitsleben. Ihnen gebührt Wertschätzung und sie müssen gute Arbeitsbedingungen bieten. Ein Praktikum sollte eine Investition und kein Ersatz für eine billige Arbeitskraft sein. Auf EU-Ebene besteht ein Rahmenwerk, das qualitative Praktika mit sämtlichen notwendigen Informationen zu den Arbeitsbedingungen bereitstellt. Hierzu gehört auch, ob es sich um eine bezahlte Stelle handelt und was man aus dem Praktikum für später mitnimmt.