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29/07/2016

Corbyn-Biografin: Wie der Labour-Chef seine Einstellung zum Brexit änderte

EU-Innenpolitik

Corbyn-Biografin: Wie der Labour-Chef seine Einstellung zum Brexit änderte

Corbyns Wahl zum Labour-Parteivorsitzenden war eine der größten Überraschungen in der Geschichte der britischen Politik.

[70023venus2009/Flickr]

Jeremy Corbyn ist einer der verkanntesten Parteispitzen in der Geschichte der britischen Labour Party. Die Wähler lieben ihn, das Partei-Establishment verachtet ihn – weder die britischen Medien noch die Regierung unter David Cameron wissen etwas mit ihm anzufangen.

Rosa Prince war Politikkorrespondentin der britischen Tageszeitungen Daily Mirror und Daily Telegraph in London. Ihre Biografie des Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn “Comrade Corbyn”, veröffentlicht bei BiteBack Publishing, befasst sich mit seiner persönlichen Geschichte und der Frage, was das Corbyn-Phänomen über die Politik Großbritanniens aussagt.

Viele Leser könnte es überraschen, zu hören, dass der neue Labour-Parteispitze in den 1970ern für einen Austritt aus der EU und 1993 gegen den Maastrichter Vertrag stimmte. Was hat seine Ansichten so verändert?

Meiner Meinung nach ist es keine Überraschung, dass er ursprünglich “dagegen” gestimmt hat – Jeremy Corbyn hat ganz klare Prinzipien und eine klare Politik, die er schon seit jeher verfolgt. Diese Einstellung war für einen linken Politiker zu seiner Zeit ganz normal.

Die meisten Mitglieder seines Parteiflügels hatten damals schon gegen die Aufnahme der EU-Mitgliedschaft gestimmt und sind über die 80er hinweg ihrer Linie treu geblieben. Das war in dieser Zeit mehrere Jahre lang die offizielle Haltung der Partei. Das hat sich erst im Rahmen der Neil-Kinnock-Reformen vor der Ära Tony Blairs geändert.

Und ja, Sie haben Recht, dass Jeremy Corbyn seinen Standpunkt erst etwas später als die meisten revidiert hat. Er hat selbst zu Beginn der innerparteilichen Wahlen im letzten Sommer noch gesagt, er könnte sich Umstände vorstellen, unter denen er für einen EU-Austritt stimmen – wenn nicht sogar werben – würde.

Ich glaube, es gibt inzwischen einfach unglaublich viele Themen, über die er sich mit seinen Parteikollegen im Parlament streitet. Manchen Dingen, die seiner Labourfraktion sehr wichtig sind, stellt er sich wirklich unerbittlich entgegen. Bei dieser [Brexit-]Frage, die ihm vielleicht nicht so sehr am Herzen liegt, möchte er sich vielleicht nicht auf noch eine weitere Meinungsverschiedenheit einlassen.

Außerdem denke ich, hat er inzwischen eingesehen, dass die EU das Potenzial hat, in den für ihn wichtigen Bereichen etwas zu bewegen. In einem Interview vom Wochenende sprach er darüber, wie man mithilfe der EU für Arbeitnehmerrechte und -solidarität werben könne. Ich denke, er rückt langsam von dem Gedanken ab, dass der Handelsblock der Feind der Arbeiter ist. Er beginnt, ihn als etwas zu sehen, das seine Werte vermitteln kann.

Vielleicht ist es wie bei dem alten Sprichwort von Napoleon: “Unterbrich niemals Deinen Feind, während er einen Fehler macht”? Denn die Konservativen haben eine Mehrheit und sind die nächsten fünf Jahre an der Macht. Sie könnten sich jedoch über das Thema Europa spalten.

Da haben Sie absolut Recht. Europa war für die Konservativen schon immer ein Angstthema. Ich bin mir sicher, jeder kluge Labour-Vorsitzende würde denken: “Warum sollte ich in deren private Querelen eingreifen?” Für Corbyn ist es also besser, sich aus der Schusslinie zu begeben und die Konservativen weiter gegeneinander kämpfen zu lassen.

Wie viele Labour-Abgeordnete und -Wähler könnten denn beim Referendum tatsächlich für einen Brexit stimmen?

Das sind meiner Meinung nach zwei ganz unterschiedliche Fragen. Wie viele Labour-Abgeordnete? Das dürften nicht viele sein. Wenn sich Corbyn für die EU-Mitgliedschaft ausspricht, kann ich mir nicht vorstellen, dass viele seiner Abgeordneten eine andere Haltung annehmen werden – vielleicht ein oder zwei. Aber ich glaube nicht, dass es mehr sein werden.

Bei den Labour-Wählern wird es jedoch definitiv einige geben, die für einen Brexit stimmen. Das könnten zwei Gruppen sein: zum Einen diejenigen, die befürchten, dass die EU ihnen und ihren Interessen schadet. Zum Anderen jene, die womöglich einen leichten Hang zur UKIP haben.

Das Lustige an der EU ist, dass sie sowohl sehr linke als auch sehr rechte Parteien zusammenbringt. Daher gibt es also auch noch die stark links gerichteten Wähler, wie Corbyn früher einer war, die der EU besonders ablehnend gegenüber stehen. Sie sehen in ihr nur den Kapitalismus und den kommerziellen Handel und haben nicht das Gefühl, dass es der EU um die “wirklichen” Menschen geht. Klar gibt es außerdem auch noch die Wähler, die aus ideologischen Gründen entscheiden und die politisch weniger Engagierten, die die EU als Leidensthema verstehen und einfach nur raus wollen.

Nun zu einer Frage in Ihrem Buch “Comrade Corbyn” – sein innerparteilicher Aufstieg und Sieg waren eine der größten Überraschungen in der britischen Politikgeschichte. Wie ist es dazu gekommen?

Das ist eine gute Frage. Ich habe sie all meinen Interviewpartnern gestellt und habe von jedem eine andere Antwort bekommen, wie Sie sich vorstellen können.

Sie lassen sich aber in etwa in zwei Gedankengänge einteilen. Einer geht in Richtung der Geschichtstheorie des “berühmten Mannes”, also einer Aneinanderreihung von Zufällen. Es gab da Andy Burnham (der ursprüngliche Labour-Wunschkandidat), der sich für Sozialleistungskürzungen ausgesprochen hat. Manche Abgeordnete haben dann Corbyn nominiert, weil sie dachten, es sollte auch ein Vertreter des linken Flügels im Rennen sein – obwohl sie ihn eigentlich gar nicht als Vorsitzenden haben wollten.

In Corbyns ganzem Leben kam es immer wieder zu solchen Aneinanderreihungen von Zufällen. Im Buch beschreibe ich eine ganz witzige Geschichte: Er ist eigentlich nur deshalb Abgeordneter geworden, weil sein Vorgänger so furchtbar unbeliebt war. Der war nämlich ein starker Trinker und ich glaube, er hat überhaupt nur zweimal im Unterhaus gesprochen. Das war damals noch zu Zeiten der SDP (eines kurzlebigen Mittel-Links-Ablegers der Labour-Partei in den frühen 80ern). Also hat ihn die Partei rausgeworfen. Ein Argument ist also, dass Corbyn einfach nur Glück hatte. Er hat von mehreren glücklichen Zufällen profitiert.

Der zweite Gedankengang geht eher in Richtung einer marxistischen Geschichtsanalyse, wenn Sie so wollen. Man geht also davon aus, dass es eine solche unterschwellige Strömung schon lange Zeit in der Larbour-Party gegeben hat. Die Labour-Partei, vor allem die Parteibasis, hatte Tony Blair satt ebenso wie die Dinge, die sich seit 20 oder 30 Jahren in der Partei abgespielt hatten – also dachten sie, es sei an der Zeit für einen Kandidaten des linken Flügels.

Ich verweise außerdem noch auf einige andere Faktoren wie die Bankenkrise und die davon ausgehende Sparpolitik. Die Menschen hatten das Gefühl, dass sich keiner der anderen Vorstandskandidaten öffentlich gegen die Sparmaßnahmen gestellt hat. Es gibt da draußen eine Art Anti-Politiker-Haltung – vielleicht wegen des Ausgabenskandals oder anderer ähnlicher Krisen – die gezeigt hat, dass die Menschen die Nase voll von den “üblichen” Politikern haben. Das heißt, obwohl Corbyn auf gewisse Weise der ultimative Insider war, glaubt er heute an die Politik und an den Protest. Er setzt sich in vielen Bereichen ein. Er ist keiner dieser Karrierepolitiker wie damals Yvette Cooper oder Andy Burnham.

Die WikiLeaks-Geschichte, die Occupy-Bewegung, die grüne Bewegung und die Feminismusbewegung – es hat unglaublich viele Bewegungen gegeben, bei denen die Leute genug von der Politik hatten. Corbyn hat im Laufe der Jahre mit vielen von ihnen etwas zu tun gehabt. Diane Abbot und John McDonnell, zwei seiner Kollegen des linken Labour-Flügels, waren nicht in der Lage, die öffentliche Stimmung einzufangen. Die Zeit schien einfach reif für einen linksgerichteten Kandidaten – und dann war da Jeremy Corbyn.

Ich glaube, dass beide Gedankengänge zum Teil richtig sind. Die Umstände haben gepasst und dank einer Verkettung von Zufällen haben sie sich eher für Corbyn als für einen der anderen linken Kandidaten entschieden.

Könnten Sie uns als seine Biografin einen Eindruck von diesem Mann und seinen Überzeugungen geben? Sein plötzlicher Erfolg kam ja erst nach 32 Jahren als Abgeordneter. Wenn man das Buch ließt, scheint er so bescheiden, so gar nicht materialistisch…

Genau. Das Einzige, was er mit seiner Erzfeindin Margaret Thatcher gemeinsam hat, sind seine kohärenten, sichtbaren Überzeugungen und Prinzipien. Wenn man sich sein Leben anschaut, zeichnen sich seine Überzeugungen schon sehr früh ab. In politischer Hinsicht glaubt er beispielsweise fest an Gleichberechtigung, Gerechtigkeit für alle und Frieden. Bei seinem persönlichen Leben ist das ganz ähnlich. Er stellt sich nicht selbst in den Vordergrund, ist ziemlich bescheiden und nicht materialistisch veranlagt. Er ist ein sanftmütiger Mensch, der nicht mit lauter Stimme spricht, der nicht flucht und kaum etwas trinkt. Nach meinen Recherchen habe ich nun das Gefühl, ihn zu kennen. Und ich habe auch das Gefühl, dass er mit sich selbst im Reinen ist. Er weiß, wie er zu den Themen steht. Deshalb kann er seine Ansichten bei neuen Themen gut vertreten und begründen.

Prinzipiell immer auf der Seite des Underdogs?

Ja, ich denke schon.

Er hat sich geweigert, mit Ihnen als Biografin zusammenzuarbeiten. Inwiefern hat das Ihre Arbeit an dem Buch erschwert?

Es ist zu einem schwierigen Buch geworden. Was ich sagen will, ist, dass sich Biografien normalerweise in zwei Schulen einteilen lassen: unautorisierte und autorisierte. Diese war also unautorisiert, aber nicht mit dem Ziel, einen Skandal auszugraben. Es war keine sensationslüsterne Kitty-Kelley-Nummer. Als ich die Menschen kontaktierte, habe ich gleich klargestellt, dass mein Buch keine “Hagiographie”, aber auch kein Verriss werden soll. Meiner Erfahrung nach haben die Menschen darauf insgesamt recht gut reagiert.

Obwohl Corbyn selbst also nicht mit mir kooperiert hat, habe ich mit Mitgliedern seines Teams oder seiner Familie, mit Freunden und Kollegen gearbeitet. Ich hatte das Glück mit einem breiten Spektrum an Menschen zu sprechen. Letzten Endes war ich wirklich zufrieden, dass ich die wichtigen Personen, die ihn kannten, interviewen konnte. Seine Abwesenheit hat mich nicht behindert, sie hat mein Buch nur zu einem anderen Projekt gemacht – und das auf sehr befreiende Art und Weise. Ich konnte einfach schreiben, was ich herausgefunden habe, und die Menschen konnten mir sagen, was sie von ihm halten, ohne sich zurückhalten zu müssen.

Glauben Sie, dass er 2020 Aussichten auf einen Sieg hat?

Wieder eine gute Frage. Mehrmals schreibe ich in der Biografie über Chris Mullins Buch, A Very British Coup, an das sich meine Unterüberschrift anlehnt. Es ist eine fiktive Erzählung, bei der es zum Großteil um Tony Benn geht, einen linken Politiker. Mullin beschreibt, wie er Premierminister wird und was danach passiert.

In seinem Buch befasst er sich mit einem Szenario, in dem es zu Straßenschlachten gegen die Regierung des rechten Flügels kommt und anschließend die Linken an die Macht gewählt werden. Ich glaube, dass das auch bei uns möglich ist. Wenn David Cameron einen Nachfolger bekäme, der sowohl unbeliebt, als auch erfolglos wäre, wenn die Sparmaßnahmen den Menschen richtig zu schaffen machen, wenn es Unruhe auf den Straßen gäbe (und die gibt es ja eigentlich schon), wenn es einen weiteren Crash geben würde, dann…

Was ich beim Schreiben des Buches gelernt habe, ist etwas, was die Menschen schon seit Jahren sagen. Aber Corbyns Lebensgeschichte zeigt es wirklich gut: “Erwarte das Unerwartete” in der Politik. Alles ist möglich. Es ist meiner Meinung nach nicht sehr wahrscheinlich, dass er Premierminister wird – aber ich würde es sicher nicht ausschließen.

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