EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

30/08/2016

Die Stunde der Schleuser vom Balkan

EU-Außenpolitik

Die Stunde der Schleuser vom Balkan

Nach der Abriegelung der bisherigen Hauptroute über den Balkan sitzen zehntausende Flüchtlinge und Migranten in Griechenland fest.

Michael Kappeler/dpa

Mit einem Sperrgürtel für Flüchtlinge, der zunehmend um Griechenland gezogen wird, schlägt die Stunde der Schleuser vom Balkan. Wachsende Nachfrage und ein sich verknappendes Angebot sind bares Gold für ihre Netzwerke.

Nach der Abriegelung der bisherigen Hauptroute über den Balkan sitzen zehntausende Flüchtlinge und Migranten in Griechenland fest. Gleichzeitig strömen täglich Tausende aus der Türkei mit Booten in Richtung griechische Inseln, um von dort auf das griechische Festland zu gelangen und weiter nach Westeuropa zu ziehen.

Die Zustände im Lager Idomeni an der Grenze zu Mazedonien werden einhellig als unerträglich beschrieben. Bei vielen, die dort ausharren, um die ersehnte Weiterreise anzutreten, schwindet stündlich die Hoffnung, dass man sie noch passieren lässt. Etwa 2000
Flüchtlinge und Migranten haben schon versucht die Grenze zu Mazedonien abseits des
Grenzübergangs Gevgelija zu überqueren. Die allermeisten wurden aber von mazedonischen Sicherheitskräften aufgegriffen und zur Rückkehr nach Griechenland gezwungen.

Derweil verlassen auch andere bereits freiwillig die abgeriegelte Grenze und das Auffanglager in Idomeni. Gleichzeitig bereiten sich sowohl Mazedonien als auch Bulgarien vor auf einen weiteren Andrang von Flüchtlingen und schotten ihre Grenzen weiter ab. Auch Albanien, welches geografisch das am nächsten gelegene Transitland auf dem Weg nach Westeuropa ist, plant eine weitere Sicherung seiner Grenzübergänge zu Griechenland.

Mit diesem Sperrgürtel, der nun zunehmend um Griechenland gezogen wird, schlägt die Stunde der Schleuser vom Balkan. Wachsende Nachfrage und ein sich verknappendes Angebot sind bares Gold für die auf dem Balkan ansässigen Schleusernetzwerke. In Albanien und insbesondere im Kosovo kennt man sich gut aus im Geschäft. Beide Länder fungieren schon lange als Transitzonen für illegale Einwanderer auf ihrem Weg nach Westeuropa. Gleiches gilt für Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Nachdem sich die Flüchtlings- und Migrationsströme bislang gut sichtbar entlang der großen Verkehrsachsen bewegt haben, ist nun zu befürchten, dass sich die Ströme zunehmend zerfasern und sich viele mit Hilfe von lokalen Schlepperbanden den schwierigen Weg über die „grünen Grenzen“ suchen werden.

Die Grenze zwischen Albanien und Griechenland ist porös

Offizielle Grenzübergänge lassen sich zwar absperren, aber die Grenze zwischen Albanien und Griechenland ist porös und nur schwer zu kontrollieren. Es besteht die Befürchtung, dass die bereits in den neunziger Jahren erprobte Route über die Adria nach Italien wieder geöffnet wird. Hunderte kleiner Motorboote passierten einst die Adria, um Flüchtlinge und Migranten, aber auch Drogenladungen vom Balkan nach Italien und in die EU zu bringen. Mit dem Schnellboot von Albanien lässt sich die italienische Küste in etwa zwei Stunden erreichen. Um dieses Szenario abzuwenden, bieten die italienischen Behörden Albanien bereits Unterstützung bei der Sicherung des albanischen Küstenstreifens an und sind dabei, ein entsprechendes Kooperationsabkommen auszuhandeln.

Allerdings, selbst wenn eine Sicherung der albanischen Küste weitgehend gelingen würde, gäbe es wenig, was die Flüchtlinge – einmal in Albanien angekommen – daran hindern könnte, weiter nach Norden zu ziehen. In den zerklüfteten Gebirgen, die Albanien im Westen von Mazedonien und im Norden vom Kosovo und Montenegro trennen, bestehen so gut wie keine effektiven Grenzkontrollen. Diese Grenzen illegal zu überqueren ist – bei gutem Wetter und mit etwas lokaler Hilfe – ein Kinderspiel.

Darüber hinaus gibt es in der gesamten Region gut organisierte, grenzüberschreitende Schleuser- und Schmugglernetzwerke, deren Anfänge sich bis in die Zeit des Osmanischen Reiches zurückverfolgen lassen. Kurzum, kaum eine Gegend versteht sich so gut auf den illegalen Waren- und Personenverkehr wie der westliche Balkan. Erste Berichte von
Schleusertätigkeiten lokaler Netzwerke gibt es bereits. So sollen in Mazedonien kosovoalbanische Schleuser unter dem Deckmantel humanitärer Organisationen operieren und
gestrandeten Flüchtlingen den Weitertransport in die EU anbieten – gegen Bares versteht sich. Andererseits haben viele der Flüchtlinge und Migranten Angst davor, sich den albanischen Schleusernetzwerken auszuliefern, erpresst zu werden oder in Albanien festgesetzt zu werden.

Durch die allseitigen Grenzschließungen werden die Flüchtlings- und Migrationsströme zunehmend in den Untergrund gedrängt und es müsste schon sehr überraschen, wenn dieser Untergrund auf dem Balkan nicht fruchtbar wäre. In Griechenland sitzen bereits über 40.000 Flüchtlinge und Migranten fest und es werden täglich mehr. Wer es sich irgendwie leisten kann, wird das Geschäft mit den Schleusern früher oder später suchen. Noch ist nicht ganz klar abzusehen, wie und wohin sich die Flüchtlinge und Migranten in Griechenland weiter bewegen werden. Eine Diversifizierung der Routen und somit die Aufspaltung in viele kleine Ströme liegt jedoch nahe.

Eines ist jedenfalls klar: Weder die Flüchtlinge noch die Schleuser werden so lange untätig bleiben bis die EU eine Lösung gefunden hat.

Der Autor

Joschka J. Proksik ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Universität
Konstanz am Fachbereich für Politik- und Verwaltungswissenschaften.