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25/08/2016

Die kleinen Wahrheiten über TTIP

EU-Außenpolitik

Die kleinen Wahrheiten über TTIP

Foto: dpa

Beim geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP) geht es nicht um höhere oder niedrigere Standards – sondern darum, gemeinsam Standards zu setzen. Ein Gastbeitrag von Reinhold Festge, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Ich möchte nicht der nächste Wirtschaftsvertreter sein, der Ihnen über die Großartigkeit von TTIP erzählt, dem Freihandelsabkommen mit den USA – aber ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen über meine Industrie, den Maschinenbau.

Vor ein paar Wochen habe ich einen Kollegen getroffen, der in Deutschland einen Hersteller von Werkzeugmaschinen führt, ein mittelständisches Unternehmen mit 600 Angestellten. Seine Maschinen fertigen automatisch kleine Metallteile, die dann zum Beispiel in Airbags für Autos verbaut werden. Natürlich gibt es auch in den USA einen Markt für solche Anlagen; aber mein Kollege darf seine Maschinen nicht einfach nach Amerika verkaufen. In der EU nämlich sind die Neutralleiter-Kabel in der Elektronik standardmäßig blau gefärbt – in den USA müssen genau die gleichen Kabel weiß sein.

Ich persönlich bezweifle, dass die eine Farbe sicherer ist als die andere. Fakt ist: Mein Kollege muss in den Maschinen andere Kabel verwenden – sonst dürfte er sie nicht über den Atlantik verschiffen.

Es gibt eine beeindruckende Liste von winzigen Hürden, die ein Maschinenbauer nehmen muss, wenn er in den USA Geschäfte machen will, von verschiedenen elektronischen Steckern über unterschiedliche Gewinde bis zu abweichenden Anforderungen an die Bedienungsanleitung. Maschinenbauer aber fertigen meist in kleinen Serien oder gar Einzelstücke, Massenproduktion ist eher die Ausnahme – die Hersteller können Fixkosten also nicht über Millionen von Produkten verteilen. Wegen der Anpassung an die amerikanischen Standards fallen für einen europäischen Maschinenbauer daher Mehrkosten von 5 bis 20 Prozent an, wenn er eine Anlage für einen Kunden aus den USA baut. Oft dauert es auch ein paar Monate länger, bis die Maschine ausgeliefert werden kann.

Durch die heutigen Regularien haben also Unternehmer einen immensen Wettbewerbsnachteil, wenn sie ihre Maschinen auf der anderen Seite des Atlantiks anbieten. Abgesehen davon werden durch den Umbau unglaublich viele Ressourcen verschwendet.

Seit der sechsten Verhandlungsrunde über TTIP im Juli sprechen die Vertreter von der EU und den Vereinigten Staaten über ein Kapitel in dem Abkommen, dass sich speziell mit den Handelshemmnissen im Maschinenbau beschäftigen soll. Mit ein bisschen Glück werden wir bald in der EU und den USA die gleichen Maschinen verkaufen können, mit einer Elektronik, die die Leute nach wie vor verstehen werden.

Ich würde das für einen großen Fortschritt halten. Wenn ich aber die öffentliche Diskussion zu TTIP verfolge, höre ich bislang niemanden, der sich über die Farben von ein paar Kabeln Gedanken macht. Es gibt gute Gründe, warum wir damit anfangen sollten.

Im Jahr 2012 waren 13 Prozent aller Exporte aus der EU nach Amerika Produkte aus dem Maschinenbau. Das ist mehr als die Automobilindustrie. Drei Millionen Europäer arbeiten im Maschinenbau. Wir sprechen hier nicht von riesigen Konzernen: Die Unternehmen, die ich mit dem VDMA repräsentiere, haben im Schnitt 173 Mitarbeiter.

Ich habe versprochen, hier nicht über Großartigkeit von TTIP zu erzählen. Darum geht es mir auch nicht. Mir ist bewusst, dass sich das Abkommen nicht nur um den Maschinenbau dreht. Ich sehe, dass es einige strittige Punkte bei TTIP gibt, für die wir eine Lösung brauchen. Und ich verstehe, dass die Menschen viele Fragen zu TTIP haben – und ein Recht auf Antworten darauf.

Aber der mittelständische Maschinenbau ist ein gutes Beispiel dafür, warum sich die Mühe lohnt, ein gutes Freihandelsabkommen mit den USA auszuhandeln. Ich würde Sie bitten, drei Dinge im Kopf zu haben, wenn Sie das nächste Mal über TTIP nachdenken, darüber diskutieren oder schreiben. Erstens: Große Konzerne könnten von TTIP profitieren – aber noch viel mehr könnte der Mittelstand profitieren. Zweitens: Viele europäische Produkte sind unglaublich innovativ – sie müssen nicht vor Wettbewerb geschützt werden. Drittens: Bei TTIP geht es nicht um höhere oder niedrigere Standards – sondern darum, gemeinsam Standards zu setzen.

Diesen Beitrag auf Englisch lesen Sie hier.

Der Autor

Dr. Reinhold Festge ist Präsident des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der 3.100 vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen vertritt.