Weltbank: Syrien braucht nicht nur Wiederaufbau- sondern tiefgehende Entwicklungshilfe

Die Weltbank-Beamten Harun Onder (l.) und Saroj Kumar Jha [Georgi Gotev]

Die wirtschaftlische Zerrüttung der syrischen Gesellschaft, zerstörte Unternehmen und Geschäftsnetzwerke haben einen 20-fach größeren Einfluss auf das BIP des Landes, als die im Krieg zerstörten Gebäude, sagten Beamte der Weltbank gegenüber EURACTIV.com.

Mit einem 148-seitigen Bericht mit dem Titel „The toll of the economic and social consequences of the conflict in Syria“ will die Weltbank ein weitreichendes Bild über die Auswirkungen des Krieges auf die syrische Wirtschaft bieten. Berücksichtigt werden dabei die Bevölkerung, die Wirtschaft, Institutionen sowie die Infrastruktur-Schäden.

Laut Schätzungen sind mehr als 400.000 Menschen dem Krieg zum Opfer gefallen. Mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht und sucht Schutz innerhalb und außerhalb des Landes. Dem Bericht nach leben 60 Prozent der Syrer nun in extremer Armut. In den ersten vier Jahren des Konflikts seien jährlich ungefähr 538.000 Jobs weggefallen. Als Resultat gibt es heute 6,1 Millionen Syrer, die weder arbeiten, noch irgendeine Form von Ausbildungsplatz oder Schule besuchen.

Im Jahr 2015 stand die Jugendarbeitslosigkeit bei 78 Prozent. Langfristig wird Syrien sein Humankapital verlieren und unter Fachkräftemangel leiden. Kurzfristig schließen sich viele junge Leute, vor allem Männer, Kampfgruppen im Bürgerkrieg an – schlicht, um zu überleben.

Saroj Kumar Jha, Regionaldirektor der Weltbank für die Region Nahost, die Syrien, Iran, Irak, Jordanien und Libanon umfasst, sagte gegenüber EURACTIV, es gebe „mehr und mehr Hinweise, dass die Gründe für anhaltende Konflikte tatsächlich mit der Entwicklung der Region zusammenhängen.“

Weltbank-Bericht über die Schäden durch Boko Haram in Nigeria

Durch die Erhebung der Islamistengruppe Boko Haram sind laut einem noch unveröffentlichten Bericht der Weltbank in Nigeria bereits rund 20.000 Menschen getötet und Schäden in Höhe von 5,9 Milliarden Dollar (5,2 Milliarden Euro) angerichtet worden.

Dabei sei der physische Schaden an Gebäuden und Infrastruktur, der dank Medienberichten weltweit sichtbar ist, nur ein kleiner Teil des gesamten wirtschaftlichen Schadens, den die Weltbank berechnet hat. Jha fordert daher, es müsse viel mehr Aufmerksamkeit auf den Vertrauensverlust, die Immobilität und die komplette Zerstörung der Versorgungsketten gelenkt werden.

„Wenn sich der Wiederaufbau Syriens lediglich auf die physische Infrastruktur beschränkt, wird der Erholungsprozess sehr langsam vonstatten gehen”, warnt er. Stattdessen sei ein entwicklungspolitischer Ansatz, der private Investitionen fördert und Arbeitsplätze schafft, sehr viel erfolgversprechender.

In Bezug auf Syrien, Libanon, Jordanien und Irak argumentiert der Weltbank-Beamte, diese „konflikt-empfindlichen Länder“ sollten als ein „gemeinsamer Entwicklungsraum“ verstanden werden, in dem durch die Förderung inklusiver Institutionen und durch Schaffung von Arbeitsplätzen das gegenseitige soziale Vertrauen wieder aufgebaut wird. Dies sei ein beteiligungsorienterter „Bottom-up”-Ansatz in der Entwicklungspolitik.

Unsichtbare Effekte

Harun Onder, leitender Weltbank-Ökonom und Hauptautor des Syrien-Berichts, sagte EURACTIV, die Zahl der Toten, Vertriebenen und der verlorenen Jobs sei „nur die Spitze des Eisbergs“. Was weniger offensichtlich ist, sei die wirtschaftliche Zerrüttung der syrischen Gesellschaft, der Verlust von Kontakten und die Zerstörung von Geschäfts- und Handelsnetzwerken.

„Wir haben die unsichtbaren Effekte des Konfikts untersucht und dabei herausgefunden, dass sie durchschnittlich einen 20-fach größeren Einfluss auf das syrische BIP haben, als die Zerstörung von Häusern”, erklärte Onder. An der Studie könne man auch ablesen, wie man den Wiederaufbau angehen sollte, sobald die Bedingungen vor Ort es zulassen.

Syrien-Friedensgespräche während unsicherer Feuerpause

Am Sonntag ist eine von den Präsidenten Russlands und der USA vereinbarte Feuerpause im Südwesten des Bürgerkriegslandes in Kraft getreten.

Die Frage, ob europäische Politiker das Ausmaß des Konflikts in Syrien einschätzen können, umging sein Kollege Jha, der lediglich darauf hinwies, der Bericht sei „hilfreich für alle am Konfliktlösungsprozess beteiligte Parteien“. Er äußerte auch Optimismus, dass die Krise gelöst werden kann. Danach sei der richtige Ansatz in der internationalen Wiederaufbauhilfe entscheidend.

Auf Nachfrage, welche Rolle die EU dabei spielen könne, antwortete Jha, die Union habe sowohl beim Wiederaufbau als auch in der Konfliktlösung viel anzubieten: „Die EU hat bei der Konfliktlösung bisher eine sehr zentrale Rolle gespielt und wir schätzen den Wert und die Aktionen der Union im Bereich der humanitären, diplomatischen und entwicklungspolitischen Unterstützung.“