EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

28/09/2016

UNESCO: Lob für die neue EU-Strategie zum Schutz von Kulturgütern

EU-Außenpolitik

UNESCO: Lob für die neue EU-Strategie zum Schutz von Kulturgütern

UNESCO-Generalsekretärin Irina Bokova und die malische Ministerin für Kultur, N’Diaye Ramatoulaye Diallo.

[Georgi Gotev]

„Eine wichtige Botschaft an die Welt“: UNESCO-Generalsekretärin Irina Bokova lobt die neue Kommissionsstrategie, Kultur zum Kernstück der internationalen EU-Beziehungen zu machen. EurActiv Brüssel berichtet.

Die neue Kommissionsstrategie zum Schutz kultureller Artefakte kommt in einer Zeit, in der die Angriffe auf kulturelles Erbe immer brutaler und zahlreicher werden – vor allem im Nahen Osten und in Afrika. Krieg, Plünderung und Brandschatzung – oftmals angetrieben von konfessionellem Hass – bedrohen kulturelles Erbe, warnt die EU-Kommission. „Geplünderte Artefakte werden oftmals weiterverkauft und die daraus entstehenden Einnahmen können für die Finanzierung terroristischer Aktivitäten genutzt werden. Dies schmälert das Weltkulturerbe“, heißt es im einer gemeinsamen Mitteilung der EU-Institution. Die kulturelle Dimension gehöre laut Kommission zum neunten Punkt ihrer zehn Prioritäten, die EU als globalen Akteur zu stärken – auch wenn das Wort „Kultur“ eigentlich gar nicht wirklich darin auftaucht.

Die UNESCO gilt als Schutzpatronin des Weltkulturerbes. Sie bewahrt Kulturgüter vor der Zerstörung durch den Islamischen Staat (IS), Boko Haram und die Taliban. Bei einer von ihr organisierten Konferenz in Brüssel betonte die Generalsekretärin der Organisation, Irina Bokova, am gestrigen Donnerstag, wie sehr sie sich freue, dass die EU die UNESCO in ihrer Strategie als Partner sehe und dass der Name ihrer Organisation schon im ersten Abschnitt genannt würde.

In Wahrheit jedoch bemühte sich die Kommission bisher kaum um Synergien mit der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Stattdessen suchte sie in den letzten Jahren vermehrt die Zusammenarbeit mit UNICEF, einer anderen UN-Einrichtung, die sich für die Rechte der Kinder einsetzt. Diese Entwicklung habe „persönliche Gründe“, wie EurActiv erfuhr.

Strenge Sicherheitsvorkehrungen reichen nicht

Bokova nahm ihren letzten Aufenthalt in Afghanistan als Beispiel dafür, dass strenge Sicherheitsmaßnahmen oftmals nicht genügen. Ein nachhaltiger Friedensprozess sei nur dann möglich, wenn junge Afghanen in ihrer Landesgeschichte unterrichtet würden und dabei akzeptierten, dass ihre Vergangenheit viele verschiedene kulturelle Schichten aufweise. Dieses Wissen mache sie weniger anfällig für Radikalisierung. Sie lobte in diesem Zusammenhang den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, der trotz schwieriger Wirtschaftslage in die Bildung junger Afghanen investiert und ihnen so die Vielfalt des Landes näher gebracht habe.

Als weiteres Beispiel nannte die Generalsekretärin ihre Unterhaltung mit einem jungen Mädchen im tunesischen Bardo-Museum, das 2015 Zielscheibe eines Terroranschlages wurde. Bokova habe ihr gesagt, die Tunesier könnten stolz auf die ausgestellten Mosaiken aus dem römischen Zeitalter sein, woraufhin das Mädchen nur erwidert habe: „Das ist nicht meine Kultur.“

In ihrer Rede unterstrich Bokova, wie wichtig es sei, die Zerstörung kulturellen Erbes als Kriegsverbrechen anzusehen. Mit Genugtuung habe sie mitverfolgt, dass sich vor einigen Tagen erstmals ein malischer Dschihadist vor dem Internationalen Strafgerichtshof für den Angriff auf eine Weltkulturstätte in Timbuktu verantworten musste. Berichten zufolge bekannte er sich selbst für schuldig.

Eine „beispiellose Antwort auf den Terrorismus“

Dank der UNESCO und der Mitwirkung strategischer Partner wie der EU gehöre die Zerstörung Timbuktus durch die Dschihadisten nun der Vergangenheit an, so die malische Ministerin für Kultur N’Diaye Ramatoulaye Diallo. Die Mausoleen seien inzwischen komplett rekonstruiert worden. „[Das war] eine beispiellose Antwort auf den Terrorismus und hat gezeigt, dass die Kultur immer überlegen wird.“

Die EU-Kommission unterstütze die UNESCO dabei, das Weltkulturerbe zu schützen, bestätigte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini per Videobotschaft. Darüber hinaus mache sie sich auch für die Initiative „Blue Helmets vor Culture“ (Blauhelme für die Kultur) stark, die von Italien eingeleitet und von der UNESCO im letzten Jahr angenommen wurde.

Pater Najeeb Michaeel leitet das Digitale Zentrum für orientalische Schriftstücke des Dominikanerordens. Er sprach bei der Veranstaltung über seine Erfahrungen im Irak. Obwohl er sein ganzes Leben dort verbracht habe, könne er sich nur an ein einziges Jahr erinnern, in dem Frieden geherrscht habe. „Die Wiege der Menschheit ist zur Wiege der Gewalt und des Extremismus geworden“, betonte er. Schon viele Jahre vor der Machtergreifung des IS habe er gewusst, was kommen würde. „Ich habe die Gefahren gesehen, die sich aus den Fundamentalistengruppen ergaben. Die Deash-Mitglieder sind keine Außerirdischen, sondern das Ergebnis einer Ansammlung von fundamentalistischen und fanatischen Islamistenbewegungen, die sich seit Saddam Hussein an den Kirchen und der Kultur vergreifen.“ Er habe plötzlich die Idee gehabt, altertümliche Manuskripte zu digitalisieren und die Originale mit seinem Auto aus Mosul heraus an einem sicheren Ort zu bringen, so der Dominikanerpriester.Dominican-padre

Pater Najeeb Michaeel [Georgi Gotev]

Der französische UNESCO-Botschafter Laurent Stefanini sprach sich dafür aus, ein Asylrecht für gefährdete Kulturgüter einzuführen. Er lobte Pater Najeeb Michaeel für die Rettung unschätzbar wertvoller Manuskripte. Dennoch müssten solche Maßnahmen in Zukunft besser organisiert werden. Darüber hinaus plädierte Stefanini für eine gemeinsame Datenbank zerstörter Monumente. So könne man den Wiederaufbau erleichtern und gegen den illegalen Handel mit gestohlenen Artefakten vorgehen. Für die Finanzierung solcher Projekte könne man ihm zufolge einen internationalen Fonds einrichten.