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28/09/2016

Terrorismus aus dem Balkan: Tschechien fordert hartes Durchgreifen der EU

EU-Außenpolitik

Terrorismus aus dem Balkan: Tschechien fordert hartes Durchgreifen der EU

Europol warnt: Auch in EU- und Balkan-Ländern gibt es kleinere Ausbildungslager für radikale Islamisten.

[Shutterstock/Oleg Zabielin]

Mindestens 3.000 EU-Bürger haben sich dem Islamischen Staat in Syrien und im Irak angeschlossen. Manche von ihnen wurden laut Europol im Balkan ausgebildet – jetzt läuten in Tschechien die Alarmglocken. EurActiv Tschechien berichtet.

Der militante Islam im Balkan ist weitgehend ein Überbleibsel der Jugolsawienkriege der 90er Jahre. Vor allem in Bosnien und Herzegowina hinterließ er deutliche Spuren. Radikale islamistische Kämpfer entwickelten in Bosnien ihre eigenen Gemeinschaften. So erhielten nach dem Krieg von 1992 bis 1995 Hunderte der sogenannten Mudschaheddin, freiwillige muslimische Kämpfer aus dem Ausland, die bosnische Staatsbürgerschaft. „Die meisten Radikalen kommen aus der Lokalbevölkerung“, betont der Tscheche Filip Tesař, ein Experte des Prager Instituts für internationale Beziehungen.

„Abgesehen von den Trainingseinrichtungen in Syrien gibt es auch in den EU- und Balkan-Ländern kleinere Ausbildungslager“, warnt ein aktueller Europol-Bericht. Hierzu zählen auch Camps, in denen Überlebenstraining angeboten wird. Diese „ermöglichen den IS-Kämpfern, Fitness und Entschlossenheit potenzieller Neumitglieder auf die Probe zu stellen.“

Albanischen Regierungsstatistiken zufolge gibt es in Bosnien 110 aktive Kämpfer. Inoffizielle Quellen geben jedoch an, die Zahl liege weitaus höher bei etwa 200. Auch im Kosovo und in Mazedonien soll es ähnliche Lager geben.

„Das ist vor allem für die Geheim- und Sicherheitsdienste ein Problem“, meint der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský von der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP). „Sie konzentrieren sich nämlich auf die Menschen, die in die Türkei oder nach Syrien reisen – nicht auf jene, die es in den Balkan zieht.

Informationsaustausch

Der radikale Islam bereitet nicht nur den Nachbarländern der EU Kopfzerbrechen. Mindestens fünf radikalisierte Islamisten aus Mazedonien und weitere fünf aus dem Kosovo lebten früher in Westeuropa – in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Schweden und Norwegen, so Tesař. „Weitere Kämpfer aus Albanien wurden auf ihrem Weg nach Syrien oder in den Irak in Großbritannien, Belgien, Spanien, Italien, Griechenland, der Türkei, Ägypten oder Saudi-Arabien aufgegriffen“, schreibt er in einem Standpunkt für EurActiv Tschechien.

Schätzungen nach besuchten etwa 20 Prozent der Bosnier, die sich auf den Weg in IS-Kriegsgebiete machten, vorher Freunde und Verwandte in Europa oder den USA, wo sie legal oder auch illegal arbeiteten. Einige von ihnen verfügen sogar über eine europäische Staatsbürgerschaft.

Internationale Terrorexperten sind überzeugt: Die Situation erfordert dringend einen besseren Austausch von Informationen – nicht nur zwischen den Geheimdiensten im Balkan, sondern auch innerhalb der EU. Dieser Aufgabe widmet sich das Europäische Zentrum zur Terrorismusbekämpfung, welches unter anderem auch für die operative Koordinierung der jeweiligen Exekutivbehörden verantwortlich ist. Eingerichtet wurde es im Januar 2016 als Reaktion auf die Pariser Terroranschläge vom vergangenen November, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen.

EU-Erweiterung

Der EU-Abgeordnete Zdechovský ist der Meinung, die EU sollte jene Beitrittskandidaten, die im Februar einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft stellten, zum Kampf gegen den radikalen Islam verpflichten – darunter Albanien, Mazedonien und Bosnien. „Besonders schwierig ist es, Bosnien davon zu überzeugen, radikale Imams auszuweisen. Sie stellen in diesem sehr armen Land nämlich oft Gelder führ Wohlfahrtsprojekte zur Verfügung“, so Zdechovský.