Symposium „Europa neu denken“: Wie Wissenschaft und Kultur zur europäischen Integration beitragen

„Wenn man einmal die Hand ins Meer gehalten hat, ist man mit allen Ländern verbunden, die an diesem Meer liegen.“

Der europäische Integrationsprozess gerät immer wieder ins Stocken, doch Wissenschaftler und Kulturschaffende sind bemüht, Impulse für ein Um- und Neudenken Europas zu setzen.

Seit dem Brexit hat innerhalb der europäischen Bevölkerung der Zuspruch zur EU zugenommen. Nicht zuletzt als Folge des Flüchtlingszustroms kam es aber innerhalb Europas auch wieder zum Errichten neuer Grenzen. Die Flüchtlingspolitik hat vor allem drei Ängste geweckt: Verlust von nationaler Identität, Verlust von Wohlstand und Verlust von Sicherheit.

„Brücken bauen“ ist daher ein Ziel der Symposion-Reihe „Europa neu denken“, die unter der Schirmherrschaft von EU-Kommissar Johannes Hahn steht und dem 2014 verstorbenen Salzburger Universitätsprofessor Michael Fischer gewidmet ist. Symbolträchtig war auch der Ort der Veranstaltung, Marseille. Die älteste französische Stadt, ein Treffpunkt zwischen Europa und Afrika, in der das Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden mit all seinem Konfliktpotential aber auch der Dialogbereitschaft der Menschen Alltag ist.

Im Gespräch mit EURACTIV macht der für Erweiterungsfragen zuständige EU-Kommissar auf die Problematik in den Europa umgehenden Ländern aufmerksam. Während in Europa das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei 43 bis 44 Jahren liegt, beträgt es in Afrika 21 bis 22 Jahre. 20 bis 25 Millionen Flüchtlinge und Binnenflüchtlinge werden allein in der östlichen und südlichen Umgebung Europas gezählt.

Für Hahn stellt eine Entwicklungspolitik, die einen bescheidenen Wohlstandsgürtel rund um Europa schafft, eine zentrale Aufgabe und Herausforderung für die EU-Politik der Zukunft dar.

Fokus auf Ukraine, Ägypten und Tunesien

Drei Länder außerhalb der EU sind es, die – neben den Balkanstaaten, der Türkei und Libyen – Hahns besondere Aufmerksamkeit finden:

  • Die Ukraine, weil sie besonders wichtig für die Friedenssicherung am östlichen Rand der EU ist. Sie darf nicht wirtschaftlichen Interessen geopfert werden, bloß um mit Putins Russland wieder ins Geschäft zu kommen. Der Konsolidierungsprozess geht zwar langsam vor sich, verlangt jedoch nach Unterstützung und Zusammenarbeit.
  • Ägypten, weil in dem Land täglich rund 7.000 Menschen auf die Welt kommen, dafür aber nur 5 Prozent des Landes lebenswerte Umstände bieten. Hier findet eine explosionsartige Bevölkerungsentwicklung statt, die dringend soziale und wirtschaftliche Begleitmaßnahmen erfordert.
  • Tunesien, weil es der Regierung und den führenden politischen Kräften gelungen ist, die Ideen des arabischen Frühling am Leben zu halten. Diese „zarte Pflanze der Demokratie“, die einen Vorbildcharakter für die gesamte Region besitzt, gilt es zu pflegen.

Kultur als Verbindungselement des Mittelmeerraums

Einmal mehr wurde beim Symposion in Marseille auf die Bedeutung des Mittelmeeres für Europa hingewiesen. Wie sehr der europäische Kontinent nicht an seinen südlichen Grenzen von Griechenland über Italien bis Spanien Halt machen darf, illustrierte das Zitat eines Teilnehmers: „Wenn man einmal die Hand ins Meer gehalten hat, ist man mit allen Ländern verbunden, die an diesem Meer liegen“. Ein Spruch, der eigentlich auch für Binneneuropa angewandt werden könnte. Man muss nur an die Donau denken, die gleich zehn Länder und damit so viele Staaten wie kein anderer Fluss auf der Welt verbindet.

Zur Integration der Jugend in Europa

We drückt sich die Stimme der europäischen Jugend aus und wie kann sie am Besten auf den politischen Ebenen der EU gehört werden?

Ein wichtiger Faktor kommt im Mittelmeer der Kultur zu. Hier gibt es mittlerweile eine Fülle von Initiativen, die im Bereich der Literatur, Malerei, bildenden Kunst und von Theater und Musik für ein besseres wechselseitiges Verständnis werben.

Mitunter gibt es reichlich visionäre Projekte, wie das des ehemaligen österreichischen Flüchtlingskoordinators Christian Konrad, der eine Brücke zwischen Sizilien und Libyen bauen will, um Flüchtlinge problemlos von Afrika nach Europa und viceversa bringen zu können.

Welche Kraft in kulturellen Brückenbauten stecken kann, machte die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, deutlich. Die Idee zur Gründung des Festivals hatte Max Reinhardt 1917, als der Erste Weltkrieg tobte. Ihm ging es damals darum, Europa neu zu denken, am Bau eines Friedenswerkes mitzuwirken. Und tatsächlich erwies sich dabei vor allem die „Musik als Steigerung des Wort-Wertverständnisses“.

Erinnerungskultur und Menschenrechtsregime

Europa hat ohne Zweifel – die Europäische Union ist gelebtes Beispiel – Lehren aus der Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkriegs gezogen. Wenngleich noch immer Sieger und Besiegte nationale Mythen pflegen, so spiegelt sich das Resultat im so genannten „Menschenrechts-Regime“ wider, das prägend für die politische Kultur vor allem in Europa geworden ist.

Marseille und Košice: Kulturhauptstädte Europas 2013

Die Kulturhauptstädte Europas 2013 Marseille (Frankreich) und Košice (Slowakei) starten in den kommenden Tagen ihr offizielles Kulturprogramm.

Zur Erinnerungskultur gehört aber auch, dass sich Europa jener drei Säulen bewusst ist, auf denen der Kontinent steht. Sie tragen den Namen Athen, Rom und Jerusalem und stehen für die Begriffe Demokratie, Recht und Glauben. Jan Assmann, Professor für Kultur- und Religionswissenschaften an den Universitäten von Heidelberg und Konstanz, brachte es auf den Punkt:

„Europa verstand sich früher, im Zeitalter des Glaubens, als ein Hort des Glaubens, umgeben von Heiden, die es zu missionieren galt. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt. Europa, wie es von außen, vom fundamentalistischen Islam und evangelikalen Christentum Amerikas gesehen wird, gilt als Hort von Säkularismus, Aufklärung und Unglauben.“

Und weiter sagte Assmann:

„Jetzt kommt es darauf an, Europa als Hort einer neuen Lebensordnung auf der Grundlage der Menschenrechte als einer neuen Magna Charta aufzubauen, als Sphäre nicht des Unglaubens, sondern eines neuen Glaubens an den Menschen und die Menschheit, an die demokratischen, zivilgesellschaftlichen Freiheiten, Rechte und Pflichten.“