Serbien wird erstmals von einer Frau regiert

Ana Brnabic [EPA/KOCA SULEJMANOVIC]

Erstmals bekommt Serbien eine Frau als Regierungschefin – die sich zudem offen zu ihrer Homosexualität bekennt. Staatschef Vucic schlug dem Parlament Ana Brnabic für den Posten vor.

Neue Regierungschefin in Serbien wird als erste Frau in der Geschichte des Landes und auf dem Balkan die bisherige Ministerin für Öffentliche Verwaltung, Ana Brnabic. Die 41-Jährige ist parteilos und lebt offen lesbisch. In Serbien, in dem vier Fünftel der Bevölkerung orthodoxe Christen sind, ist Homosexualität vielfach noch ein Tabu.

„Meinem Land zu dienen ist für mich die größte Ehre. Ich werde mit Hingabe und verantwortlich arbeiten – mit viel Liebe und Ehrlichkeit“, sagte Brnabic am Donnerstagabend. Zuvor hatte der serbische Staatschef Aleksandar Vucic vor der Presse seine Entscheidung mitgeteilt, dem Parlament Brnabic als Ministerpräsidentin vorzuschlagen. Sie verfüge über die „persönlichen und beruflichen Qualitäten, um dieses Amt auszuüben“.

Die Zustimmung des Parlaments galt als Formsache. Vucics konservativ-wirtschaftsliberale Serbische Fortschrittspartei (SNS) verfügt dort über eine komfortable Mehrheit. Brnabic erklärte kürzlich, ihrer Meinung nach sollte der Präsident „eine Art Mentor des  Regierungschefs“ sein – „zumindest in den ersten Monaten“.

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Brnabic, die in Belgrad geboren wurde und einen Abschluss der britischen Universität Hull erwarb, war erst im vergangenen August in die Politik gegangen. Dabei war sie dem Ruf von Vucic gefolgt, der damals noch selbst Regierungschef war und sie zur Verwaltungsministerin machte.

Vor ihrem Eintritt in die Regierung war Brnabic unter anderem für die 2006 eingerichtete gemischtwirtschaftliche Einrichtung Naled zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit Serbiens tätig.

Brnabics Regierungseintritt hatte seinerzeit zu Irritationen in Vucics Partei und bei deren Koalitionspartnern geführt. Vucic hatte darauf geantwortet, die sexuelle Orientierung seiner Ministerin interessiere ihn nicht. Es komme lediglich auf die Ergebnisse ihrer Arbeit an, außerdem sei ihre berufliche Laufbahn „makellos“.

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Dragan Markovic, dessen Partei Einheitliches Serbien dem Regierungsbündnis angehört, bekräftigte jedoch seine Kritik. Er hatte bereits im vergangenen Jahr Front gegen Brnabics Nominierung zur Ministerin gemacht. Jetzt machte er sich dafür stark, dass an der Spitze der Regierung ein „Mann und Familienvater“ stehen müsse.

Brnabic nannte die Äußerungen „unangebracht, unverantwortlich und zweifellos diskriminierend“. Sie betont, dass sie keine Aktivistin für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) ist. Zugleich verweist die Politikerin darauf, dass die Homophobie gerade in Serbien ein Problem ist. Allerdings sei die Lage dabei, „sich langsam zu verbessern“.

Sie frage sich, warum die sexuelle Orientierung so wichtig sei, sagte die zurückhaltend wirkende Frau kürzlich. Wichtig sei doch die „Fähigkeit zur professionellen Arbeit“ und die Bereitschaft, für sein Land alles zu geben.

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