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23/02/2017

Serbien: Kein Krieg um den Kosovo

EU-Außenpolitik

Serbien: Kein Krieg um den Kosovo

Seit der Kosovo 2008 seine Unabhängigkeit erklärte, sind die serbisch-kosovarischen Fronten noch immer verhärtet.

© Marco Fieber (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Beziehungen zwischen Serbien und dem Kosovo sind noch immer angespannt. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass eine große Mehrheit der Serben einen bewaffneten Konflikt um die umstrittene Provinz ablehnt. EurActiv Serbien berichtet.

74 Prozent der Serben würden eine bewaffnete Auseinandersetzung um den Kosovo nicht unterstützen, so das Ergebnis einer Umfrage des Belgrader Zentrums für Sicherheitspolitik (BCSP). Vor einem Monat befragte es 1.403 Erwachsene unter anderem nach ihren Ansichten zum serbisch-kosovarischen Verhältnis. Nur zehn Prozent sind dafür, die mehrheitlich albanische Provinz notfalls auch mit Waffengewalt an sich zu binden. 16 Prozent gaben keine Antwort.

Mehr als drei Viertel der Umfrageteilnehmer befürworten die EU-Verhandlungen für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Belgrad und Pristina. Nicht einmal jeder Zehnte würde diesen für den EU-Beitritt so wichtigen Prozess abbrechen wollen.

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Die formelle Anerkennung des Kososvos bleibt jedoch noch immer ein Tabuthema: Nur acht Prozent wären bereit, die Unabhängigkeit zu unterstützen, wenn dies Stabilität bringen und zu Serbiens Entwicklung beitragen würde.

Abgesehen davon scheint die große Mehrheit der Befragten jedweden Lösungsansatz anzunehmen, der die Beziehungen nach Pristina verbessert. 31 Prozent würden jede formelle Lösung annehmen, die nicht die Anerkennung der kosovarischen Unabhängigkeit beinhaltet. 30 Prozent sind der Ansicht, jeder Deal, der die Sicherheit der Serben garantiere, sei ein guter Ansatz. Nur elf Prozent befürworten eine Aufteilung des Kosovos.

Eine Frage der Identität

Viele Serben sehen den Kosovo als Bestandteil der serbischen Kultur und Identität an. Dies steht jedoch in Konflikt zu der mehrheitlich albanischen Bevölkerung, die die Provinz bewohnt. Im Kosovo befinden sich mehrere serbische Abteien aus dem Mittelalter, die unter Unesco-Schutz stehen. Die serbische Minderheit konzentriert sich auf den nördlichen Teil der Provinz.

Darauf gründet sich ein weiterer wichtiger Teil der Wahrheit: Etwa 80 Prozent der Serben haben keine persönlichen Kontakte zum Kosovo, also weder Freunde noch Familie vor Ort. Zwei Drittel von ihren waren noch nie dort und nur etwa jeder 14. besuchte den Kosovo, seit sich der Konflikt mit den Albanern 1999 zuspitzte.

Serben haben in der Regel nicht das Gefühl, die Situation im Kosovo bedrohe ihre innere Sicherheit. Nur drei Prozent sind dieser Ansicht. Als Bedrohungen verstehen viele eher Korruption und Kriminalität (35 Prozent), gefolgt von schlechter Regierungsführung (31 Prozent).

Was die Beziehungen im Westbalkan im Allgemeinen angeht, befürchten fast 40 Prozent, dass in den nächsten fünf Jahren ein Konflikt ausbrechen wird. 29 Prozent davon halten dies für „wahrscheinlich“ und neun Prozent für „sehr wahrscheinlich“.

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Hintergrund

Die Beziehungen zwischen dem Kosovo und Zentralserbien sind bereits seit Jahrzehnten problematisch. Die albanische Mehrheit im Kosovo klagte von Unterdrückung und Diskriminierung.

In den 90ern gipfelten die Feindseligkeiten im Auseinanderbrechen der ehemals jugoslawischen Republik. Der Konflikt endete erst, als die Nato begann, Serbien zu bombardieren. 2008 erklärte sich der Kosovo schließlich ohne die Zustimmung Belgrads für unabhängig. Mehr als 110 Länder befürworteten diesen Schritt, darunter ein Großteil der EU-Mitgliedsstaaten.

Trotz internationaler Bemühungen sind die Fronten auch nach 18 Jahren noch verhärtet. Beide Parteien sind weit davon entfernt, die Zukunft ihrer Beziehungen zu definieren. Pristina pocht auf die Unabhängigkeit, doch die ist für die serbische Regierung und die breite Mehrheit der Bevölkerung nicht hinnehmbar.

Ziel des EU-geförderten Dialogs zwischen Belgrad und Pristina ist es, ein Abkommen zur praktischen Zusammenarbeit in unterschiedlichen Sektoren wie dem Transport, der Energie oder dem Personenverkehr abzuschließen. So will man den Menschen vor Ort das Leben erleichtern und die regionale Wirtschaft ankurbeln.

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