Schmuggel in Libyen: „Wie im Supermarkt“

Kämpfe in Libyen [Reuters]

Libysche und internationale Beobachter schlagen Alarm wegen des Chaos und des Schmuggels – von Öl, Benzin, Waffen und Menschen – im Land. Die lokalen Behörden seien machtlos.

In einer Pressekonferenz am 28. März beklagte sich Hasan Dhawadi, Bürgermeister der Stadt Sabratha, die Küstenstadt habe nicht die nötigen Mittel, um den Schmuggel im kleinen und großen Stile zu unterbinden. In der Stadt seien ganze Familien seit Generationen im Schmuggel aktiv, und mit ihm würden zehnstellige Millionenbeträge jährlich erwirtschaftet.

Die politische Instabilität und wirtschaftliche Krise nach dem Sturz von Diktator Muammar Gaddafi hätten dazu beigetragen, „dass sich jetzt dutzende Unternehmer neben den üblichen Schmugglern am Geschäft beteiligen. Wir brauchen Hilfe von außen“, forderte Dhawadi.

Im heutigen Libyen, das ohne Regierung und einheitlichem Militär dasteht, ist der Schmuggel ein profitables und vor allem einfaches Geschäft. Oft haben sich Clans oder Stammesmitglieder in speziellen Nischen eingerichtet: die einen verkaufen Waffen, die anderen Treibstoff.

„Das funktioniert fast wie in großen Supermärkten – hier drüben ist die Benzin-Abteilung, da vorne bekommen Sie Menschen, Waffen, Autos, Lebensmittel”, sagt auch ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter, der anonym bleiben will, gegenüber EFE. Es sei „sehr schwierig, sie zu bekämpfen. Sie kennen die Gegend, sie sind seit sehr langer Zeit im Schmuggelgeschäft und sie werden von schwerbewaffneten Milizen geschützt.“

Manchmal stoppe die libysche Küstenwache einen Öltanker in der Nähe der Strände, oder tunesische Beamte hielten Tanklastwagen an der Grenze auf, erklärte Dhawadi. „Aber weil große Gewinne drin sind und die Risiken weiterhin niedrig bleiben, geht der Schmuggel weiter. Das wird sich auch nicht ändern, solange Benzin in Libyen billiger ist, als eine Flasche Wasser.“ Für junge Libyer gebe es keine Arbeit und keine Zukunft. Der Eintritt in Milizen oder in den illegalen Handel seien dadurch einfache Lösungen, so der Bürgermeister.

Für den europäischen Geheimdienstmitarbeiter ist der Schmuggel jedoch kein neues Phänomen: „Schmuggel ist eine Aktivität, die wir schon immer in der Region beobachten konnten, auch unter Gaddafi. Der Unterschied ist, dass er früher von der Regierung kontrolliert und gesteuert wurde.”

Die semi-nomadischen Stämme der Tuareg und der Tebu leben seit Jahrhunderten in den unwirtlichen Wüstengebieten an den Grenzen zum Sudan, zu Algerien, dem Tschad, Tunesien, Niger und Ägypten, und kontrollieren seit jeher die alten Karawanen-Routen in der Sahelzone.

Laut Frederic Wehrey, Wissenschaftler am Carnegie Endowment for International Peace, ist die Region auch „die Hauptzentrale für den Transport von Menschen nach Norden.“ Alle Versuche der Europäer, die Migrationskrise an der libyschen Küste zu stoppen, sei „zum Scheitern verurteilt, wenn die Sicherheitsprobleme im Süden des Landes nicht gelöst werden“, warnt er. Wehrey erklärt weiter, der Kampf zwischen den Gemeinden, Stämmen und ethnischen Gruppen um die Kontrolle über die Ölfelder, die Schmuggelrouten und über die Grenzen habe sich mit den Konflikten auf nationaler Ebene vermengt. Darüber hinaus mischten sich Akteure von außerhalb Südlibyens und auch von außerhalb des Landes ein.

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So nahmen viele Tuareg nach dem Sturz Gaddafis an der Rebellion in Al-Azawad, einer Region in Nord-Mali teil. Der Stamm der Tebu nutzte die Gelegenheit der Revolutionswirren, um sich das Schmuggel-Business der Al Zawiya, einem arabischen Stamm, der von Gaddafi bevorteilt wurde, unter den Nagel zu reißen. Dabei wurden sie wiederum von Oppositionsbewegungen aus Darfur (Sudan) unterstützt, die im Menschenhandel tätig sind.

Die Tuareg und die Tebu haben sich inzwischen geeinigt, einen Pakt aus dem Jahre 1894 wiederzubeleben und die 5000 Kilometer lange Grenze in der Wüste sowie den illegalen Handel mit dem arabischen Stamm der Ould Sulaiman aufzuteilen. Mit dieser Vereinbarung wollen sie auch die Bestrebungen von Marschall Khalifa Hafter aus Ostlibyen eindämmen. Hafter hat Truppen in Sabha stationiert und versucht, das gesamte Land zu unterwerfen.

„Hafter weiß, dass der Süden wichtig ist. Er will das Öl und die Kontrolle über die Schmuggelrouten – aus Profitgier, aber auch, um den Strom an Geld und Waffen für Jihadistengruppen“ wie den IS oder al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) zu unterbinden, sagte ein lokaler Sicherheitsbeamter EFE.

Von EFE befragte Sicherheitsbeauftragte in der Stadt Nalut beschrieben, dass täglich um die 2,6 Millionen Liter Benzin über den Dehiba-Pass nach Tunesien geschmuggelt werden. Dieselben mafiösen Gruppen seien auch für den Menschenschmuggel in umgekehrter Richtung, von Tunesien nach Libyen, verantwortlich. Derzeit zahle man 2128 Dollar pro Person.

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Wahrscheinlich besteht auch eine Verbindung zwischen den Schmuggelaktivitäten und der Finanzierung des internationalen Terrorismus. „Es gibt keine genauen Daten, aber wir glauben, dass AQIM ein fundamentaler Faktor im illegalen Verkauf von Öl und Benzin in Südlibyen ist“, so eine Quelle aus Sicherheitskreisen im Städtedreieck Awbari, Sabha und Murzuq – dem heutigen Zentrum des Schmuggels in Libyen.

Angeblich haben Militärangehörige, die die Kontrolle über die Küstenstadt Misrata haben, darüber hinaus zugelassen und sogar aktiv befeuert, dass eine Verbindung zwischen Terroristen-Bewegungen und der Menschenhandel-Mafia entstehen konnte, so die Quelle.