Riesengeschäft Menschenhandel: Europol will auf Afrika setzen

Die Netzwerke der Schlepper sind mittlerweile multinational aufgestellt, neun von zehn Migranten nutzen ihre Dienste. [Foto: Prazis/Shutterstock]

Kein illegales Geschäft ist lukrativer: Eine halbe Million Schlepper tauchen in der Datenbank von Europol schon auf – Tendenz steigend. Die Polizeibehörde hofft nun auf Afrika.

Türkische, syrische, rumänische, bulgarische, ägyptische Mitglieder: Die Netzwerke der organisierten Schlepper sind mittlerweile multinational aufgestellt, ungeachtet von Religion und Herkunft der Mitglieder.

Was sie zusammenschweißt ist ein immer lukrativeres Geschäft. Denn mehr als 90 Prozent der Migranten, die aktuell nach Europa kommen, nutzen die Dienste von Schlepper-Netzwerken, stellte Europol kürzlich fest. Die Nachfrage nach Schleusern steigt und steigt.

Darum rüstete die europäische Polizeibehörde vor einem Jahr auf. Das Europäische Zentrum zur Bekämpfung der Migrantenschleusung (EMSC) wurde ins Leben gerufen, um den Mitgliedsstaaten bei der Zerschlagung von Schlepper-Organisationen zu helfen.

Hohe Haftstrafe für Schleuserkapitän

Ein italienisches Gericht hat den Kapitän eines gesunkenen Flüchtlingsschiffes wegen Totschlags und Menschenschmuggels zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt.

50.000 Schlepper

EMSC dient als Erweiterung des vor einiger Zeit in Den Haag gestarteten Lagezentrums „Joint Operation Team Mare“. Seitdem hat das Zentrum bereits rund 50.000 Schlepper identifiziert, berichtete EMSC-Leiter Robert Crepinko am heutigen Donnerstag vor dem Justiz-Ausschuss im Europäischen Parlament.

Besonders über die sozialen Medien finden organisierte Schlepperbanden inzwischen ihre „Kunden“, so Crepinko. Immer mehr Dokumente würden gefälscht und das Geschäft meist online angebahnt. „Mehr als 1000 soziale Medienkanäle werden dafür nach unserem Wissen genutzt.“

Darknet: Höchst intelligente, flexible Täter

Auch Arndt Sinn vom Zentrum für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien (ZEIS)  an der Universität Osnabrück, der am jüngsten SOCTA-Bericht („Serious and Organised Crime Threat Assessment“) von Europol mitgearbeitet hat, warnt: „Im sogenannten Darknet agieren die Kriminellen in entpersonalisierten Netzwerken.“ Dabei handele es sich vermehrt um höchst intelligente, flexible Täter. Im Darknet zu ermitteln seien sie kaum.

Menschenhandel: Ein lukratives Verbrechen

Das EU-Parlament will im Kampf gegen den globalen Menschenhandel aufrüsten. Ermittler sollen die Verflechtungen mit der Finanzindustrie ins Visier nehmen, um die mächtigen Netzwerke des organisierten Verbrechens zu zerschlagen.

Was also tun? Seit der Schließung der Balkanroute ist die zentrale Mittelmeer-Route zum Hauptweg für Schleuser geworden. Das organisierte Schlepper-Handwerk ist laut dem am 9. März von Europol veröffentlichten Report zum am schnellsten wachsenden kriminellen Segment angewachsen. Fast alle der involvierten Gruppen sind inzwischen multinational. Hinzu kommt, dass dem Report zufolge 45 Prozent aller Gruppierungen organisierter Kriminalität diversifiziert aufgestellt sind. Neben dem Menschenhandel haben sie sich auch auf andere Geschäftszweige wie Produktfälschungen, Drogen und Geldwäsche spezialisiert.

Zusammenarbeit mit Interpol und Frontex

Ein wichtiger Strang sei die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie Interpol und Frontex, mit dem Europol Daten von den Migranten selbst über die Anbahnung der Deals, die Wege und Organisation sammele, sagte Crepinko. Man wolle schließlich nicht nur die Schleuser, sondern auch die Hintermänner fassen.

Dazu will das EMSC möglichst bald über die EU hinausgehen. Zwar setzt Europol auch bei den italienischen Hotspots und in Griechenland Leute ein. „Doch es braucht Partner auch in Afrika, die gegen organisiertes Verbrechen vorgehen können“, mahnte Crepinko.

Flüchtlinge: Der "sichere Ort" außerhalb Europas

Dem Bundesinnenministerium schwebt ein Konzept vor, laut dem Flüchtlinge gar nicht erst nach Europa kommen sollen, sondern an „sicheren Orten“ abgefertigt werden. Doch deren Definition bleibt ungewiss.

Zurzeit gibt es laut Europol keinerlei Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden in Afrika. Aber einige afrikanische Staaten seien durchaus an einer künftigen Zusammenarbeit interssiert, so Crepinko – ohne konkrete Länder zu benennen.

Informanten in den Hotspots?

Einige EU-Abgeordnete sehen dafür nur Chancen, wenn auch an anderer Stelle umgebaut wird. „Wenn es reale Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern gibt, so stellt sich doch die Frage, ob auch menschliche Antennen an den heißen Stellen in Afrika aufgestellt werden“, meint der spanische EVP-Abgeordnete Agustín DÍaz de Mera. Wenn Europa die Hotspots von Südeuropa weiter nach unten verlagern würden, könnten jede Menge Menschen gerettet werden, ist er überzeugt.

Birgit Sippel, Sprecherin der S&D-Fraktion im Justiz-Ausschuss, ist diesbezüglich skeptischer und hält eine Konzentration auf die Polizeizusammenarbeit mit Drittländern für nicht ausreichend. „Zur Bekämpfung von Schleusern brauchen wir auch mehr Informationen zur Situation in den Transitländern“, meint sie. Die Frage sei aber, ob es dort wirklich Interesse gebe, Schlepperorganisationen zu bekämpfen.

Hintergrund

Das „Europäische Zentrums zur Terrorismusbekämpfung“ (ECTC) wurde vor rund einem Jahr von der EU-Polizeiagentur Europol gestartet. EMSC verfügt über „mobile Ermittlungsunterstützungsteams“ (EU Mobile Investigation Support Team, die in den Hotspots in Italien und Griechenland zum Einsatz kommen.

Zur „Koordinierung des Hotspot-Ansatzes“ ist Europol Teil einer von griechischen und italienischen Behörden eingerichteten „EU Regional Task Force“ (EURTF). In „Migration Support Teams“ arbeiten in Catania und Piräus auch die Frontex, Eurojust und EASO mit. Um Personendaten austauschen zu können, hat Europol im Dezember ein erweitertes Abkommen mit Frontex geschlossen.

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