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07/12/2016

Putins Staat im Namen der Kirche

EU-Außenpolitik

Putins Staat im Namen der Kirche

Putin „Retter der christlichen Gesellschaft“?

Foto: dpa

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat nicht nur eine politische Dimension. Er tangiert auch den Vatikan.

Einen Monat bevor US-Präsident Barack Obama mit seinem Staatsbesuch auf Kuba einen historischen Akt setzte, gab es gleichfalls ein Ereignis auf einer Karibikinsel, das in die Geschichte einging. Es war die Begegnung des Oberhaupts der katholischen Kirche, Papst Franziskus, mit jenem der russisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft Patriarch Kyrill. Zum Abschluss des Zusammentreffens wurde ein achtseitiges Dokument verabschiedet, das das Miteinander der beiden Kirchen ebenso beschwört wie zum Schutz der Christen in den Krisengebieten des Nahen Ostens aufruft. Mit etwas Verspätung hat sich nun auch die mit Abstand größte katholische Ostkirche, nämlich die griechisch katholische Kirche der Ukraine zu Wort gemeldet. Großerzbischof, Svjatoslav Shevchuk, lässt dabei mit einigen kritischen Anmerkungen aufhorchen, die insbesondere an die Adresse des Vatikans gerichtet sind.

Im Kern geht es um die nicht unproblematische Verquickung von Staat und Kirche im heutigen Russland, wie Monsignore Franz Schlegl, der die griechisch katholische Kirche in Wien betreut, in einer EurActiv.de vorliegenden Analyse detailliert festhält. Der Traum von Moskau als dem „3. Rom“ (neben dem alten Konstantinopel) reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert und wurde vor allem von den Zaren gepflegt, die sich als „Schutzherr aller Orthodoxen“ betrachteten. Und er lebte auch in der Zeit des Leninismus und Stalinismus immer wieder auf. Es ist der russische Präsident Wladimir Putin, der wieder die Beziehungen zwischen Staat und Kirche besonders pflegt und darauf auch in der öffentlichen Darstellung besonderen Wert legt. Bei nicht wenigen besorgten Katholiken des Westens, hat es Putin in letzter Zeit immer wieder verstanden, sich als „Retter der christlichen Moral und Gesellschaft“ darzustellen. Eine Attitüde, gegen die erhebliche Zweifel angemeldet werden.

Die vergessenen Tragödien der Stalin-Ära

Vor diesem Hintergrund ist die kritische Stellungnahme des Kirchenoberhauptes in der Ukraine zu verstehen, wie Schlegl weiter ausführt. Hingewiesen wird in diesem Zusammenhang unter anderem auf die bewusste Desinformationspolitik des KGB, dem Putin als prominentes Mitglied angehört hat und die keiner Erwähnung Wert fand. Dabei gäbe es viele Verbrechen aus der kommunistischen Ära aufzuarbeiten. So etwa, dass Stalin 1946 bei der Auflösung der ukrainisch griechisch katholischen Kirche 16 Bischöfe in Arbeitslagern ermorden ließ. Oder, dass bis 1989 jeder orthodoxe Priester, der zum Bischof in Russland geweiht werden sollte, dem KGB einen Blankoscheck über Zusammenarbeit unterschreiben musste, worauf der Bischof einen Decknamen erhielt.

Kritik geübt wird aber auch am Verschweigen krasser sozialer Missstände im heutigen Russland: „Über 700.000 Straßenkinder redet man nicht, über 20 Millionen Alkoholabhängige redet man auch nicht und schon gar nicht darüber, dass Über-60-Jährige im Falle einer akuten Erkrankung in den seltensten Fällen Medikamente oder gar einen Rettungswagen erhalten, der sie ins Spital befördert.“

Russlands Eingreifen in Syrien kein „heiliger Krieg“

Wenn das Abschlussdokument des Treffens von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill zu Recht viele Zustände in der Welt kritisiert, so wurden aber von den Autoren des Abschlussdokuments die tatsächlichen Zustände in Russland völlig außer Acht gelassen. Es ist schon ein beachtlicher Vorwurf, wenn es heißt, dass „irgendwie der Eindruck entsteht, man versuche den Papst und die katholische Kirche über den Tisch zu ziehen.“ Dies betrifft auch jene Passage im Dokument, die den Konflikt in der Ukraine als „Bürgerkrieg“ darstellt, gleichzeitig aber bewusst die russische Aggression in der Ostukraine ebenso übersieht wie die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Und schließlich kritisiert Patriarch Svjatoslav auch noch ganz aktuell, dass des Eingreifens Russlands in Syrien als „Heiliger Krieg“ bezeichnet wird. Eine Bezeichnung, die zu Recht Katholiken in leidvoller Erinnerung an die Kirchengeschichte ablehnen.

Es stimmt nachdenklich, wenn Monsignore Schlegl angesichts der leidvollen Geschichte, die bis dato nicht aufgearbeitet wurde,  abschließend kommentiert: „Wir können nur hoffen, dass man in Rom die Stimme der Kirche der Märtyrer der Ukraine hört.“