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28/09/2016

Menschenhandel: Ein lukratives Verbrechen

EU-Außenpolitik

Menschenhandel: Ein lukratives Verbrechen

70 Prozent der Opfer des globalen Menschenhandels sind Frauen und Mädchen.

Foto: Screenshot/Youtube

Das EU-Parlament will im Kampf gegen den globalen Menschenhandel aufrüsten. Ermittler sollen die Verflechtungen mit der Finanzindustrie ins Visier nehmen, um die mächtigen Netzwerke des organisierten Verbrechens zu zerschlagen.

Wäre Menschenhandel eine Krankheit, würde man längst von einer Pandemie sprechen: Knapp 46 Millionen Menschen weltweit leben unter sklavenähnlichen Bedingungen, schätzt der Global Slavery Index, das entspricht ungefähr dem aktuellen Verbreitungsgrad des Aids-Virus oder der asiatischen Pest im 20. Jahrhundert. Kein Land und kaum ein Wirtschaftszweig, das nicht von den mächtigen Netzwerken des Organisierten Verbrechens unterwandert ist.

Menschenhandel ist jedoch keine Krankheit, sondern ein gesellschaftliches Ausbeutungsverhältnis, das Menschen unterdrückt, bedroht und auspresst, manchmal über Jahre hinweg. Menschenhandel breitet sich vor alllem dort aus, wo eine Gemengelage aus Korruption, staatlichem Versagen und gesellschaftlicher Ignoranz herrscht; die häufigsten Formen sind Zwangsarbeit, Organhandel und Zwangsprostitution. Auch eine erstaunliche Resistenz – und hier endet die Analogie zur Pandemie – gegenüber Versuchen, Menschenhandel wirksam zu bekämpfen, lässt sich beobachten: Strafverfolgungsbehörden sind häufig machtlos oder unzureichend geschult, alleine in den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Opfer um ein knappes Drittel gestiegen.

Menschen als Waren – ein profitabler Geschäftszweig

Dieser beunruhigenden Entwicklung will das Europäische Parlament nun einen Riegel vorschieben: Nach monatelangen Beratungen und unter Beteiligung zahlreicher Expertenausschüsse verabschiedeten die Parlamentarier gestern einen Bericht, der den Kampf gegen Menschenhandel auf die Prioritätenliste der europäischen Außenpolitik setzen will.

Barbara Lochbihler, die Vizechefin des Menschenrechtsausschusses und Verfasserin des Reports, betont vor allem die wirtschaftliche Seite des Menschenhandels: Menschen zu einer Ware zu degradieren sei ein einträgliches Geschäft, es gehöre sogar zu den einträglichsten illegalen Branchen überhaupt: „Menschenhandel ist eines der profitabelsten Aktivitäten des globalen Organisierten Verbrechens, neben dem illegalen Waffen- und Drogenhandel“, konstatiert Lochbihler in ihrem Bericht.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) beziffert den jährlichen Umsatz allein durch Zwangsarbeit und Geldwäsche auf 150 Milliarden US-Dollar. 90 Prozent der Opfer werden laut ILO-Schätzungen von Privatunternehmen ausgebeutet, zwei Drittel aller Profite werden in der Sexindustrie erwirtschaftet. Zwangsprostitution ist nach wie vor die lukrativste Form der Ausbeutung.

Um diesem „abscheulichen Geschäft“ die Grundlagen zu entziehen, so Lochbihler gegenüber EurActiv, müsse die EU künftig stärker die Geldflüsse des Organisierten Verbrechens verfolgen, insbesondere dort, wo die illegale in die legale Wirtschaft fließt: Ohne Banken und Finanzinstitute könnten die Menschenhändler ihre Gewinne nicht waschen, und damit nicht abschöpfen. Lochbihler fordert daher die Strafverfolgungsbehörden der Mitgliedsstaaten sowie Europol auf, die Finanzinstitute stärker zu überwachen, um „den Fluss des illegalen Geldes zu unterbrechen“.

Unternehmen müssen „gebrandmarkt“ werden

Auch Unternehmen will die grüne Abgeordnete stärker in die Pflicht nehmen. Viele europäische Firmen profitieren indirekt von Menschenhandel, da ihre Produktionsketten bis in Regionen hineinragen, in denen Kinderarbeit oder andere Formen moderner Slaverei gesellschaftlich kaum geächtet sind.

Wie dringlich es ist, das Thema ganz vorne auf die außenpolitische Agenda zu setzen, zeige sich am Beispiel der thailändischen Fischereiindustrie, so Lochbihler gegenüber EurActiv: Zwangsarbeiter würden dort auf riesigen Fisch-Trawlern über Jahre hinweg festgehalten, ohne Bezahlung schuften und Fischabfälle essen. Das EU-Fischereiabkommen mit Thailand könne sicherlich als „Hebel“ eingesetzt werden, um Verbesserungen vor Ort zu erwirken, glaubt die ehemalige Amnesty-Direktorin. Doch sei es im gleichen Moment entscheidend, die europäischen Profiteure aus der Wirtschaft „zu brandmarken und zur Verantwortung zu ziehen“.

2016 soll die gesamte EU-Politik hinsichtlich der Bekämpfung des Menschenhandels überarbeitet werden. Ihr Bericht habe die Unterstützung der EU-Kommission, glaubt Lochbihler: Handelskommissarin Cecilia Malmström begrüßte in der gestrigen Parlamentsdebatte ihre Forderungen nach stärkerer Regulierung mit den Worten: „Der Bericht kommt zum richtigen Zeitpunkt.“

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