EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

23/07/2016

Kosovo: Illegale Flucht als letzter Ausweg

EU-Außenpolitik

Kosovo: Illegale Flucht als letzter Ausweg

Szene in Prishtina: Immer mehr Menschen verlassen den Kosovo.

© Marco Fieber (CC BY-NC-ND 2.0)

Politische Unruhen, eine miserable wirtschaftliche Lage, Korruption und Arbeitslosigkeit regieren im Kosovo. Zehntausende Kosovo-Albaner kehren darum ihrer Heimat jährlich den Rücken – und reisen in eine gefährliche und ungewisse Zukunft.

Der Kosovo lehrt sich buchstäblich. Tausende verlassen das Land, es ist die größte Massenauswanderung seit dem Kosovokrieg.

Täglich wird im Kosovo darüber berichtet, dass sich weitere Bürger in Prishtinas Bus-Station versammelt haben, die zusammen mit ihren Familien vorerst den Weg Richtung Serbien nehmen wollen. Ihre Routen führen über Nis, Belgrad und die nordserbische Stadt Subotica an die Grenze zu Ungarn. Nachdem sie aus den Händen der Schlepper freigelassen wurden, sind sie sich selbst überlassen, um die illegale Reise Richtung Westeuropa fortzusetzen. Häufigste Ziele innerhalb der EU sind Deutschland,Österreich, Frankreich, Luxemburg und Schweden. Letztes Jahr reisten nach offiziellen Angaben 20.000 Kosovo-Albaner illegal in die EU ein. Berichten zufolge haben in den letzten zwei Monaten über 30.000 Bürger das Land verlassen. Die Tendenz ist weiterhin steigend.

Zahlreiche Gefahren und miserable Zustände

Da der Kosovo über keine Visa-Liberalisierung verfügt und dementsprechend innerhalb der EU als ein isoliertes Land gilt, müssen die Kosovobürger auf illegalem Weg auswandern. Als letzte Lösung bleibt ihnen eine mit Gefahren verbundene Reise, auf der sie oft verletzt oder verhaftet werden. Manchmal endet die Reise mit dem Tod.

Im Jahr 2009 ertranken fünf albanische Flüchtlinge, die in der Dunkelheit den Fluss Tisa in Vojvodina zu überqueren versuchten. Für großes Aufsehen sorgte zudem der Tod eines Kosovo-Albaners, der kürzlich in Ungarn alleine und schutzlos erfror, als er versuchte, die Grenze zu überqueren. Von weiteren entsetzlichen Bedingungen in den ungarischen Flüchtlingslagern sowie von Festnahmen hunderter Albaner in der Abschiebehaft zeugen Privatvideos sowie Medienaufnahmen. Über notdürftige Unterkünfte wird ebenso von Frankreich und Deutschland berichtet. Viele Flüchtlinge erzählen davon, dass sie unter freiem Himmel schlafen mussten, während andere davon berichteten, sie hätten in Viehställen kampieren müssen.

Bewegründe einer massiven illegalen Auswanderung

Wie es zu dieser raschen und plötzlichen Massenauswanderung kommt, ist bisher nicht erforscht worden. Es gibt Stimmen, die dahinter politische Gründe vermuten. Andere sprechen von einem organisiertem System, bestehend aus Reisebüros, Busunternehmen, Zollbeamten und Schleppern, die einen großen Gewinn aus der Not der Auswanderer ziehen. Die Tendenz der weitersteigenden Massenbwegung jedenfalls ist beunruhigend.

Besorgnisserrregend ist ebenso die auswegslose Situation im Kosovo, die die Bürger aus dem Land vertreibt. Politische Instabilität, die schlechte wirtschaftliche Lage, Korruption, Vetternwirtschaft und mangelnde Rechtstaatlichkeit haben den Menschen Hoffnung und Perspektive geraubt. Die Arbeitslosigkeit hat einen bedrohlichen Stand erreicht. Dazu bietet das schlechte medizinische System keine angemessene Versorgung. Die Selbstmortrate ist insbesondere in der Nachkriegszeit rasant gestiegen.

Hinzu kommen die mit dem Norden Kosovos verbundenen politischen Unruhen, die Ängste um neue Konflikte schüren. Betroffen ist insbesondere die Jugend, die von einer explosiven Mischung aus Machtlosigkeit, Frustration und Wut erfüllt ist. So bleibt ihnen kein anderer Ausweg, als das Land zu verlassen, um nach besseren Lebenswegen zu suchen.

EU-Länder schlagen Alarm

Während das Volk Kosovo verlässt, berichten Deutschlands Politiker über ausgeschöpfte Aufnahmekapazitäten und verlangen, vorrangig Asylanträge der Flüchtlinge aus arabischen Ländern oder Afrikas zu berücksichtigen. Auch die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner berichtete gegenüber den Medien von einem sprunghaften Anstieg der Asylsuchenden aus Kosovo. Ihren Angaben zufolge gab es zuletzt mehr Asylanträge von Flüchtlingen aus dem Kosovo als von solchen aus dem Bürgerkriegsland Syrien.

Damit würden die Auswanderer das System für “echte Kriegsflüchtlinge blockieren”, so Mikl-Leitner. Gerüchte aus dem Kosovo, dass ein Asylantrag in Österreich mit finanziellen Vorteilen verbunden sei, wies das österreichische Innenministerium zurück.

Rein wirtschaftliche Motive

Sowohl die Innenministerin Österreichs als auch Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) plädieren nun dafür, neben Serbien, Bosnien und Herzegovina auch Kosovo und Montenegro als sogenannte sichere Herkunftsländer einzustufen. So würde ihnen zufolge die Anerkennungsquote nahezu auf Null sinken. Denn, so sagte Hermann jüngst gegenüber der “Welt am Sonntag”, diesen Asylanträgen würden “in erster Linie rein wirtschaftliche Motive zugrunde liegen”.

Sowohl Kosovo als auch andere Länder im Westbalkan haben Teil am Rückübernahmeabkommen, demzufolge sie im Falle einer Rückkehr die finanziellen Kosten übernehmen müssen. Zu klären bleibt somit, ob und wie viele Kosovaren den Zuwanderungsweg ins Ausland als qualifizierte Arbeitskräfte finden könnten.