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04/12/2016

Kambodscha: „Klein Thailands“ Wunschliste an die EU

EU-Außenpolitik

Kambodscha: „Klein Thailands“ Wunschliste an die EU

Zwischen Kambodscha und Thailand gab es jahrzehntelang Streit über Angkor Wat.

Bjørn Christian Tørrissen

Das Königreich Kambodscha ist im Vergleich zu seinen Nachbarländern Thailand und Laos ein demokratisch regierter Staat, der jetzt seine Fühler in Richtung EU ausstreckt.

Fällt der Name Phnom Penh, der Name der Hauptstadt Kambodschas, so fällt fast im gleichen Atemzug auch immer noch der Name Pol Pot. Dabei handelte es sich um jenes kommunistische Schreckensregime, das von 1975 bis 1979 das Land mit einem Genozid terrorisierte und rund 1,7 Millionen Menschenleben kostete. Die Erinnerung an diese Zeit spürt man noch heute, hat sie doch in fast jeder Familie blutige Spuren hinterlassen. Und obwohl man in diesem Staat Südostasiens mit dieser Vergangenheit noch nicht abgeschlossen hat, sucht man dort den Anschluss an die Zukunft.

Dass Kambodscha eine lange Kulturgeschichte vorzuweisen hat, erkennt man allein an den Ruinen von Angkor mit dem den Tempel Prasat Preah Vihear, dem weltgrößten Sakralbau, der unverzichtbarer Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes ist und jährlich mehr als 1,5 Millionen Besucher anzieht. Heute – ein Sinnbild für den Aufschwung des Tourismus. „Klein Thailand“ wird Kambodscha  auch oft unter Touristen genannt. Aber lange – bis in die 50er Jahre – gab es gerade mit diesem Nachbarn heftige Grenzkonflikte, denn der Zugang zum Tempel wurde sowohl von Kambodscha als auch von Thailand beansprucht. Erst 2013 entschied der Internationale Gerichtshof endgültig, dass  sowohl der Tempel als auch die Umgebung um den Tempel vollständig zu Kambodscha gehören und die Thailänder abziehen müssen.

Thailands Wirtschaft: Freihandel, Fischerei und Obstbranche auf dem Prüfstand

Als die königliche Armee Thailands 2014 die Entmachtung der demokratisch gewählten Regierung plante, war das Land noch die zweitgrößte Volkswirtschaft der ASEAN. Inzwischen hat sich Einiges geändert. EurActiv Brüssel berichtet.

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Tourismus auf der Überholspur

Noch bis vor kurzem machte die Landwirtschaft des bald 16 Millionen Einwohner zählenden Landes mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistungen aus. Mittlerweile dritteln sich diese in Landwirtschaft, Dienstleistungen und dem industriellen Sektor. Für den Wandel sorgt vor allem der Tourismus, der sich in einem gewaltigen Aufholprozess befindet. Neben den Kulturdenkmälern im Norden sind es vor allem die noch erhaltene Tropenlandschaft und die traumhaften Strände im Süden des Landes, die Touristen anlocken. Rund um die Hafenstadt Sihanoukville entwickelt sich zudem eine Glückspielszene, die ein wenig an das chinesische Macao erinnert. Und tatsächlich ist es auch der Plan der Regierung, vor allem chinesische Gäste, die in Kambodscha als besonders spielsüchtig gelten, anzulocken.

Omnipräsenz chinesischer Investoren

Kambodschas Beziehungen zu Frankreich, unter dessen Kolonialherrschaft das Land bis 1953 stand, sind existent, aber nicht mehr dominant. Dafür ist China ein fast omnipräsenter Investor in allen Landesteilen. Überall errichten chinesische Firmen Bürotürme, Business-Parks, Wohn- und Hotelanlagen, bringen aber weitgehend die Bauarbeiter gleich mit, beschäftigen somit relativ wenig lokale Arbeitskräfte und suchen dann nur die Mieter, die entsprechende Rückzahlungen leisten.

Die USA sind zwar aus dem Wirtschaftsgeschehen Kambodschas nicht wegzudenken, aber ihnen hängt der Vietnamkrieg – unter dem auch Kambodscha litt – nach. Mit Vietnam, das Kambodscha vom Pol-Pot-Regime befreit hat, bestehen trotz unterschiedlicher Politik-Modelle gute nachbarschaftliche Beziehungen.
Kambodschas Regierung wird durch die Nationalversammlung und den Senat geführt, während der König im Wesentlichen nur symbolische Bedeutung hat. Ausschlaggebend für den progressiven Wirtschaftskurs des Landes ist die Politik der im Parlament regierenden Kambodschanischen Volkspartei, der FUNCINPEC und der Sam-Rainsy-Partei.

Kambodscha wirft EU Heuchelei vor

Die kambodschanische Regierung wehrt sich gegen Vorwürfe aus Europa, Oppositionelle und missliebige NGOs zu schikanieren. Die EU-Kritik sei „heuchlerisch“ und deute auf eine Unkenntnis über die Gesetzeslage hin.

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Chancen für Europa

Europa ist zwar viele Flugstunden entfernt, aber – nicht zuletzt eine Folge der Kolonialzeit – in Kambodscha durchaus präsent. Kontinuierlich wird in den Zeitungen über das europäische Tagesgeschehen berichtet – über Neuigkeiten zur Politik  des türkischen Premiers Erdogan genauso wie über die Flüchtlingskrise in Europa. Viele Kambodschaner äußern den Wunsch nach mehr Kontakten mit der EU und einem grösseren Interesse an ihrem Land.  Dass Europa ein interessanter Markt ist, weiß man in Kambodscha nicht nur, weil viele europäische Konzerne hier zu Billiglöhnen (Durchschnittsgehalt etwa 150 US Dollar) vor allem Kleidung produzieren lassen.

Auf der Wunschliste vieler Kambodschaner an die EU stehen übrigens so genannte „Soft Loans“, also zinsgünstige Kredite, ganz oben. Diese würden helfen, so heißt es, weniger  von chinesischen Investoren abhängig zu sein. Aber auch die Unterstützung im Bereich des Gesundheitswesens würde dem Land helfen, das sich in den Gesundheitsstandards stark von Europa unterscheidet. Wirtschaftsanalysten halten den den gesamten Infrastruktur- und den Energiebereich für vielversprechend.

Erdölförderung als Hoffnungsträger

Schwer zu tragen hat das Staatsbudget an der totalen Abhängigkeit bei den Erdölimporten. Hoffnungen liegen hier bei den Bohrrechten, die an amerikanische und chinesische Erdölkonzerne für den Golf von Thailand bereits vergeben wurden. Offen ist hingegen noch ein weiteres Projekt, für das man sich in Europa interessieren sollte. Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass im größten asiatischen Süßwasser-Binnensee, dem Tonle Sap,erhebliche Erdölvorkommen existieren. Hier werden die passenden Partner gesucht, die bereit sind, entsprechende Investitionen für noch notwendige Erhebungen zu tätigen, bevor mit dem Schürfen und Fördern begonnen werden kann. Mit dem Geld will man die vor allem im ländlichen Raum vorherrschende Armut bekämpfen und auch ins Bildungssystem investieren. Hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung ein notwendiger Schritt –  zwei Drittel der Kambodschaner sind nämlich jünger als 30 Jahre.

Weniger Trinkgeld – mehr Korruption

Apropos Investitionen. Kambodscha ist ohne Zweifel ein Schwellenland, das intensiv bemüht ist, die Armutsgrenze zu senken und einen Mittelstand zu kreieren. Aufgrund seiner relativ niedrigen Steuersätze lockt es viele Unternehmer und Industrien. Die Rechtssituation ist zudem zufriedenstellend, laut Auswärtigem Amt auch die innere Sicherheitslage. Trinkgeld ist gar nicht so sehr üblich, wird nur in bescheidendem Ausmaß gegeben, dagegen gedeiht die Korruption wie die Lotusblüte. Davon legt auch der Rang 156 (von 175 Ländern) des “Corruption Perceptions Index“ von Transparency International ein beredtes Zeugnis ab.