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31/08/2016

Internationale Energieagentur: Eine “beispiellose” Energiekrise erwartet die Ukraine

EU-Außenpolitik

Internationale Energieagentur: Eine “beispiellose” Energiekrise erwartet die Ukraine

Die ukrainische Kohleindustrie wurde durch den Konflikt in der Donbass-Region verwüstet. [CEE Bankwatch/Flickr]

[CEE Bankwatch/Flickr]

Die Internationale Energieagentur (IEA) schlägt Alarm: Die Ukraine erwarte eine noch nie dagewesene Energiekrise. Zu dem Verlust von Kohlebergwerken und Schiefergas in kriegszerrütteten Gebieten kommt Russlands Strategie, den westlichen Nachbarn als Transitland für Erdgas auf dem Weg nach Europa zu umgehen. EurActiv Brüssel berichtet.

Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt davor, dass verschiedene Faktoren zu einer Senkung der Energieproduktion in der Ukraine führen. Einem gestern veröffentlichten IEA-Bericht zufolge sorgt unter anderem die Krim-Annexion Russlands für diesen Einbruch. Ein führender Gazprom-Vertreter warnte die EU derweil davor, Versuche zur Blockade neuer Pipelines zu unternehmen.

Sein Land werde die Transitverträge mit der Ukraine nicht erneuern, erklärte der russische Energieminister Alexander Nowak ebenfalls am Montag. Auch gibt es Berichte über neue Kämpfe in den von den Separatisten besetzten Gebieten.

“Die Ukraine ist mit beispiellosen Herausforderungen konfrontiert, da sie zur gleichen Zeit geopolitische, wirtschaftliche, finanzielle, humanitäre Krisen sowie eine Energiekrise erwarten”, so der IEA-Bericht zu Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien.

Demnach traf der Ausbruch der Ukraine-Krise im vergangenen Jahr die Energieimporte und die Einnahmen der Ukraine durch Transitgebühren fielen weg.

Zu den neuen Pipelines, die die Ukraine umgehen sollen, gehört die zur Debatte stehende Turkish Stream-Pipeline. Der IEA zufolge könnte dies ein Ende an die „stark alternde“ ukrainische Gasinfrastruktur bringen. Diese Infrastruktur werde große Investitionen benötigen, um in Zukunft geringere Gasumfänge transportieren zu können.

Derzeit ist die Ukraine weltweit das größte Transitland für Erdgas. Ungefähr 40 Prozent des russischen Gases für Europa laufen über die Ukraine.

Die ukrainische Stabilität sei für die Energiesicherheit der EU wichtig, so die IEA. Im vergangenen verschlechterten sich die Beziehungen, nachdem der vom Kreml gestützte Präsident Wiktor Janukowitsch aus dem Amt gejagt wurde. Russland drehte im Anschluss daran den Gashahn zu.

Transit

Gazprom-Chef Alexej Miller warnte die EU am Montag davor, Schritte zur Blockade russischer Pläne, Gas über andere Routen nach Europa zu bringen, zu unternehmen.

Russland und Ukraine unterzeichneten 2009 einen Gasvertrag, der 2019 ausläuft. Russland habe nicht die Absicht, diesen Transitvertrag für Gas mit der Ukraine zu verlängern, sagte der russische Energieminister gestern.

Die Ukraine transportiert momentan pro Jahr 75-85 Milliarden Kubikmeter russischen Gases in die europäischen Märkte. Im vergangenen Jahr lag diese Menge bei nur 60 Milliarden bcm – der niedrigste Wert seit Bestehen der Kooperation.

Das hänge mit der Strategie des russischen Gasmonopolisten Gazprom zusammen, die Exportrouten zu diversifizieren, wie der IEA-Bericht erläutert.

2007 transportierte noch 65 Prozent des für Europa bestimmten Gases über die Ukraine. 2014 waren es unter 50 Prozent. Die Lieferungen an Deutschland, Frankreich und Belgien werden über Nord Stream transportiert. Die weißrussische Yamal-Route könnte in der Zukunft geringere Transportkosten bieten.

Militärische Schäden

Die Ukraine verfügt über große Kohlevorkommen. Aber die meisten der 300 Minen liegen in der vom Krieg erschütterten Donbass-Region. “Der durch Militäraktionen verursachte Schaden an den Kohle- und energieintensiven Industrien in dieser Region ist immens”, so der Bericht.

Die Kohlelieferungen aus dem Donbass an Kraftwerke und in die Zentralukraine fielen Mitte 2014 wegen zerstörter Transportverbindungen beinahe komplett aus. Dies bedeute “ein hohes Maß an unumkehrbaren Schäden für die Kohle- und Industriesektoren dar”.

Vorläufigen Daten des ukrainischen Energieministeriums zufolge brach die Steinkohleproduktion 2014 um 22,4 Prozent ein. Die Produktion verkoksbarer Kohle fiel um 32,1 Prozent. Die Herstellung von Kohle für die Stromerzeugung ging um 18,5 Prozent zurück.

Ironischerweise gehören Kohle- und Stromimporte aus Russland zu den Optionen, die ukrainische Regierung in Betracht zieht, um das Problem zu lindern.

Schiefergas gestoppt

Die Ukraine hat die Möglichkeiten, ihre einheimische Gasproduktion zu entwickeln. Die Schätzungen liegen für das Jahr 2025 zwischen 27-30 bcm, so die IEA.

Doch der Preis für das einheimische Gas wird ansteigen müssen, um die benötigten Investitionen aufbringen zu können. Der ukrainische Staat subventioniert die Gasrechnungen der Haushalte.

Der Preis für die Verbraucher soll beinahe um das Vierfache auf 1.590 ukrainische Hryvnia (rund 64 Euro) für 1.000 Kubikmeter steigen.

Ukraine hat der IEA zufolge beträchtliches, unkonventionelles Gaspotenzial. Doch die Schiefergas-Entwicklung durch Shell im Osten und Chevron im Westen sei jetzt ungewiss.

Aufgrund der Nähe der Konzessionen zum Konfliktgebiet wurden die Projekte 2014 gestoppt.

Importe gehen zurück

Vor 2012 bezog die Ukraine ihre gesamten Erdgasimporte aus Russland. Alle Energieimporte gingen dem IEA-Bericht zufolge 2014 zurück.

Die Erdgasimporte machen 57,2 Prozent aller Energieeinfuhren der Ukraine aus. Im vergangenen Jahr fielen sie um 15 Prozent, im Vergleich zu 2011 gar um 37,6 Prozent.

92 Prozent der Gasimporte kamen aus Russland – der Rest kam vor allem aus Deutschland, Ungarn, Österreich und Polen.

Seit April 2014 erhöht die Importe umgekehrter Gasflüsse aus der EU. Am Ende des Jahres lagen sie bei 0,9 bcm pro Monat. Bei einem umgekehrten Gasfluss verkaufen Kunden russischer Gaslieferungen in der EU das Gas an die Ukraine.

“2014 bedeutete ein grundlegender Wendepunkt beim Handel mit ausländischem Gas der Ukraine”, so der Bericht. “Zum ersten Mal lag der Anteil der Importe beim gesamten Gasverbrauch bei unter 50 Prozent.”

Eine Strategie wird gebraucht

Der IEA-Bericht empfiehlt der ukrainischen Regierung eine wesentliche Überarbeitung ihrer Energiestrategie für 2030, um sie auf den neuesten Stand zu bringen. Er wurde vor der Eskalation des Konflikts geschrieben und führt keine Maßnahmen zur Steigerung der Lieferungssicherheit von Energie und der Energieeffizienz auf.

Effizienz habe viele Vorteile, darunter die Schaffung von Arbeitsplätzen und Gesundheitsvorteile, sagte IEA-Direktorin Maria van der Hoeven bei der Berichtspräsentation in Brüssel.

Eine neue Strategie müsse den erheblichen Anstieg der einheimischen Gasproduktion und anderer einheimischer Energiequellen fördern und Anreize für private Investitionen schaffen, so der Bericht. Man müsse außerdem mehr Lieferanten finden.

Die Ukraine brachte Notfallmaßnahmen ein, um die Defizite während des Winters 2014-2015 zu bewältigen.

Die Kommission wurde gebeten, speziell auf die Situation in der Ukraine einzugehen. Doch über eine Pressemitteilung, die zu dem Bericht gehört, wollte sie nicht hinausgehen.

Mechthild Wörsdörfer, Leiterin Energiepolitik in der Generaldirektion Energie der Kommission teilte in dem Statement mit: “Langfristig können intra- und interregionale Energieverbindungen (Öl, Gas und Elekrizität) dabei helfen, politische Spannungen zu überwinden und Solidarität zu schaffen.”

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