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09/12/2016

Gewinner der Herzen: Das Flüchtlings-Team der Olympischen Spiele in Rio

EU-Außenpolitik

Gewinner der Herzen: Das Flüchtlings-Team der Olympischen Spiele in Rio

Die in Deutschland lebende Syrerin Yusra Mardini war Mitglied des Flüchtlings-Teams in Rio.

[ l3o_/Flickr]

Kampfgeist und Streben nach Anerkennung von der Staatengemeinschaft: Zehn Athleten aus vier Ländern schreiben bei den Olympischen Spielen in Rio als erstes internationales Flüchtlings-Team Geschichte.

Sie kommen aus Syrien, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien und dem Südsudan – Ländern, deren Bevölkerung tagtäglich einen hohen Preis für Kriege und Konflikte zahlen muss. Bei den nun offiziell beendeten Sportwettkämpfen in Rio traten zehn Flüchtlinge gemeinsam unter einer Flagge und Hymne an. Wie Helden empfing sie das Publikum auf der Eröffnungsveranstaltung, bei der sie noch unter der olympischen Flagge einmarschierten. Es gab Standing Ovations als Zeichen der Solidarität.

Die später schwarz-orangefarbene Flagge des Teams erinnert an die Rettungswesten, die sie trugen, als sie auf der Suche nach einem besseren Leben die gefährliche Reise über das Meer antraten. Konzipiert wurde die Flagge von Yara Said, einer Künstlerin und Geflüchteten, die nach ihrem Abschluss an der Universität Damaskus vor dem syrischen Assad-Regime floh. „Schwarz und Orange sind durch Rettungswesten zum Symbol der Solidarität für alle geworden, die auf der Suche nach einer neuen Heimat Gefahren wie die Flucht über das Meer auf sich nehmen mussten“, erklärt sie im Gespräch mit Journalisten.

Die Hymne des Flüchtlings-Teams stammt von Moutaz Arian, ebenfalls einem Absolventen der Universität Damaskus. Er sah sich gezwungen, Syrien zu verlassen, weil er in die Regierungsarmee eintreten sollte. Jetzt lebt er in Istanbul. Die Hymne zeugt von der Entschlossenheit, ein besseres Leben zu finden – jener Eigenschaft, die es den zehn Sportlern ermöglichte, dem Krieg zu entkommen.

Ein außergewöhnliches Team

Yusra Mardini, eine geflüchtete Jugendliche und Schwimmsportlerin aus Syrien, wurde über Nacht zum Internetstar, als ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen bekannt wurde. In einem kleinen Boot, zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen, hatte sie die Reise nach Europa angetreten. Als das Boot kenterte, rettete sie mehr als 20 Menschen mit ihrer Schwimmbegabung das Leben. Sie brachte ihre Leidensgenossen sicher an Land und half ihnen so, Zuflucht in Deutschland zu finden. Bei den diesjährigen Olympischen Spielen trat Mardini in mehreren Schwimmwettkämpfen an.

Ebenfalls Mitglied des Flüchtlings-Teams war James Chiengjiek. Er verließ sein Zuhause im Südsudan, um nicht als Kindersoldat dienen zu müssen. Über Hunderte Meilen hinweg rannte er – immer weiter und weiter, obwohl er sich aufgrund seines schlechten Schuhwerks Verletzungen zuzog. Schließlich erreichte er das Kakuma-Flüchtlingslager in Kenia.

Zum Flüchtlings-Team zählten außerdem Ramis Anis, ein Schwimmer aus Syrien, die Läufer Yiech Pur Biel, Anjelina Nada Lohalith, Rose Nathike Lokonyen und Paulo Amotun Lokoro aus dem Südsudan, der äthiopische Marathonläufer Yonas Kinde sowie die kongolesischen Judoka Yolande Bukasa Mabika und Popole Misenga.

Die fünf Läufer erhielten Training im Kakuma-Flüchtlingslager nahe der Grenze zwischen Kenia und Somalia. Bereitgestellt wurde das Training von der Tegla Loroupe Peace Fundation. Tegla Loroupe ist eine bekannte, kenianische Langstreckenläuferin, die als erste Frau den New York City Marathon gewann und zahlreiche Weltrekorde hält.

„Diese Athleten habe keine Nationalmannschaft, zu der sie gehören, keine Flagge, hinter der sie hinterherlaufen können, keine Hymne, die gespielt werden kann. Diese Flüchtlinge werden bei den Olympischen Spielen mit der Olympischen Flagge und der olympischen Hymne auftreten. Sie werden ein Haus im olympischen Dorf haben, zusammen mit allen anderen 11.000 Athleten aus 206 NOKs [Nationalen Olympischen Komitees]“, so IOC-Präsident Thomas Bach im März, als er die Teilnahme des Flüchtlings-Teams verkündete.

Die Welt rückt zusammen

Obwohl keiner der zehn Athleten eine Medaille davontrug, hat ihr Kampfgeist die Not der Flüchtlinge noch einmal vor Augen geführt und verdeutlicht, wie wichtig es ist, eine global abgestimmte Lösung auf diese größte Krise der Nachkriegszeit zu finden. Zur Zeit sind etwa 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Kriegen und Konflikten, schätzt das Hohe
Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR). Seit letztem Jahr ist diese Zahl um fast sechs Millionen gestiegen.

Um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Flüchtlinge weltweit zu stärken, stellten die Organisatoren der Spiele in Zusammenarbeit mit Amnesty International und FilmAid, einer gemeinnützigen Organisation in der Filmbranche, Bildschirme im Kakuma-Flüchtlingscamp auf. So konnten die fast 200.000 Menschen im größten Flüchtlingslager der Welt die Olympischen Spiele live im Fernsehen mitverfolgen.

Die Teilnahme der Flüchtlinge in Rio und das Public Viewing in Flüchtlingslagern hätten etwas bewirkt, was kein anderer Krisenmanagement-Mechanismus je hätte schaffen können, meint Dr. Julius Tembo, ein Consulting-Experte für internationale Studien und Konfliktprävention im kenianischen Nairobi. „Für die Flüchtlinge in den Lagern ist es ein Gefühl der Ermächtigung, ein so prestigeträchtiges Event zu schauen und das eigene Team anfeuern zu können. Zusammen mit dem leidenschaftlichen Einsatz der Athleten, die in Rio Millionen Herzen gewannen, kann sich so ein neuer Ansatz im weltweiten Umgang mit der Flüchtlingskrise ergeben. Diese Sportler haben der Welt gezeigt: Wir sind wie ihr. Wir wollen nur ein besseres Leben. Das reicht aus, um die Welt zum Handeln zu bewegen“, betont Tembo.