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29/09/2016

„Europa hat sein christliches Erbe verschleudert“

EU-Außenpolitik

„Europa hat sein christliches Erbe verschleudert“

Der Vatikan Foto: dpa

„Es fehlt uns hinten und vorne – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich, religiös und glaubensmäßig“: Die Konfrontation mit dem  Islam führt nun auch zu einer deutlichen Reaktion der katholischen Kirche.

Daheim in Österreich gilt Kardinal Christoph Schönborn eher als ein Kirchenmann, der Konflikten aus dem Weg geht und klare Worte scheut. In der Erzdiözese Wien sorgt er sogar mit einer Reform der kirchlichen Strukturen für viel Unruhe an der Basis in den Pfarrgemeinden, weil er diese einem kleinen Personenkreis überantwortet hat und, so lautet ein Vorwurf, es verabsäumt, einzugreifen und die handelnden Akteure zur Räson zu rufen. Im Vatikan hingegen hat seine Stimme großes Gewicht, gilt er doch als ein anerkannter Theologe und Reformator. Wenn gegen Jahresende eine Reihe von Kardinalsernennungen anstehen,  dann könnte auch Schönborn mit so genannten höheren Weihen rechnen. Soll heißen, dass er eine Spitzenposition in der Kurie erhält.

Wenngleich mit etwas Zeitverzögerung so hat man nun auch in Rom eine Rede Schönborns registriert, die für große Aufmerksamkeit sorgt. Er geißelt in keiner Weise eine offene Flüchtlingspolitik, bezieht aber Stellung beim Umgang der Öffentlichkeit mit dem Islam. Der Kardinal wünscht sich mehr Engagement in der Diskussion mit den Lehren und der Umsetzung des Islam im Alltag der Gesellschaft. Anlässlich seiner Predigt am vergangenen Sonntag im Wiener Stephansdom nahm er Bezug auf den historischen Ursprung des kirchlichen Festes „Maria Namen“. Dabei handelt es sich um eine  Danksagung für die Befreiung Wiens vor den Osmanen im Jahre 1683 also vor 333 Jahren.

Während die rechtspopulistische FPÖ die Türkenbefreiung für eine Propagandaveranstaltung zur Untermauerung ihrer ausländerkritischen Politik nützt, geht Schönborn auf den Verlust von fundamentalen Wertvorstellungen der europäischen Bevölkerung und auch der staatstragenden Parteien in den letzten Jahrzehnten ein. Sein Resümee: Europa habe sein christliches Erbe „verschleudert“. Mehr noch, er stellt die Frage in den Raum, ob es einen erneuten Versuch einer „islamischen Eroberung Europas“ geben werde.

Wörtlich lauten seine zentralen Sätze so: „Wir haben das christliche Erbe durchgebracht und verschleudert. Und jetzt wundern wir uns, wie es in Europa ausschaut. Es geht uns wie dem verlorenen Sohn, der das kostbare Gut des Vaters, das kostbare christliche Erbe durchgebracht hat. Und jetzt stellen wir fest, dass es uns hinten und vorne fehlt, wenn wir in Not geraten. Nicht nur wirtschaftlich, auch das wird kommen, aber vielmehr auch menschlich, religiös und glaubensmäßig. Was wird aus Europa werden?“

Vatiken wünscht sich mehr Zusammenarbeit mit der EU

Europa gilt heute als der sekularisierte aller Kontinente und nennt sich noch immer hin und wieder als das christliche Abendland, wiewohl sich hier das Christentum seit Jahren – im Gegensatz  zur weltweiren Entwicklung – auf einem steten Rückzug befindet.  Es sind daher starke Worte, wenn der Kardinal erklärt: „Vor 333 Jahren ist Wien gerettet worden. Wird es jetzt einen dritten Versuch einer islamischen Eroberung Europas geben? Viele Muslime denken und wünschen sich das und sagen: Dieses Europa ist am Ende. Und ich denke, dass ……. wir heute für Europa erbitten sollen: Herr, gib uns noch einmal eine Chance! Vergiss nicht, dass wir dein Volk sind. Und wenn wir in die Irre gegangen sind und wenn wir das Erbe durchgebracht haben, Herr, verstoß uns nicht! Verstoß nicht dieses Europa, das so viele Heilige hervorgebracht hat. Verstoß uns nicht, weil wir im Glauben lau geworden sind.“

Hinter dieser vom katholischen Glauben bestimmten Botschaft, verbirgt sich Kritik nicht nur an der lahmen, argumentativ schwachen und oftmals resignativen Auseinandersetzung der Bevölkerung mit Glaubensfragen an sich sondern auch an der EU. Im Zuge der seinerzeitigen Verhandlungen über den Vertrag von Lissabon gab es eine Diskussion, ob nicht auch der Gottesbegriff in der Präambel verankert werden sollte. Dass es dazu nicht kam, sieht man im Vatikan nicht als Problem. Ganz im Gegenteil, gäbe es doch im Vertragswerk eine ganze Reihe so genannter christlich-sozialer Positionen, die nicht nur am Papief stehen sondern auch in die Alltagspolitik Eingang finden müssten.

Bemängelt wird, so wurde es EurActiv.de vermittelt, dass es führende europäische Politiker verabsäumen, mit vatikanischen Stellen einen intensiven Kontakt zu pflegen. Das betrifft insbesondere auch die so genannten Volksparteien. Gerade die katholische Kirche mit 1,2 Milliarden Gläubigen verfüge mit ihrem weltweiten Netzwerk über bessere Informationen als die so genannten staatlichen Geheimdienste und internationale Organisationen.

Was offenbar noch kein wirkliches Thema in Brüssel ist, wird innerhalb der Citta Vaticano schon sehr offen ausgesprochen, nämlich dass sich die EU daran machen muss, eine neue Verfassung zu geben. Darin wird sowohl auf den Brexit wie auch auf die spezielle Causa Türkei Bezug genommen werden müssen. Und mit überraschender Offenheit heißt es dazu, dass Ankara zwar wie andere Anrainerstaaten rund ums Mittelmeer Anrecht auf eine starke politisch wirtschaftliche Kooperation mit Brüssel aber auf keinen voll berechtigten Platz in der Europäischen Gemeinschaft hat. Auch vor diesem Hintergrund hat Schönborns Botschaft eine gewisse Signalfunktion.