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30/07/2016

Die Angst des “Christlichen Abendlandes” vor der Islamisierung

EU-Außenpolitik

Die Angst des “Christlichen Abendlandes” vor der Islamisierung

Christentum und Islam - beides kann nebeneinander existieren.

[ David Evers/Flickr]

Die irrationalen Ängste vorm Untergang des “Christlichen Abendlandes” in der Bevölkerung entfachen eine zunehmend feindliche Stimmung gegenüber dem Islam. Ein prominenter Theologe aber meint: Die Ursache der Befürchtungen vor der “Islamisierung” finden sich an anderer Stelle.

Glaubt man den Umfragen im Herbst des vergangenen Jahres, hatten in Deutschland 49 Prozent und in Österreich 61 Prozent der Befragten Angst vor einer Islamisierung Europas. Eine Tendenz, so sagen Meinungsforscher, die sich seither noch verstärkt hat.

Der Wiener Theologe und Werteforscher Paul M. Zulehner versucht gegen diesen Trend zu argumentieren. Er sieht die Problematik in einer “Glaubensschwäche“ gerade jener Bevölkerungskreise, die einerseits lautstark davor warnen, dass der Islam Europa überrollen und bald vollständig im Griff haben werde, die aber andererseits selbst oft nicht mehr jene Werte argumentieren können und praktizieren, deren Vermittlung sie den Flüchtlingen verordnen wollen.

Sein Rezept lautet: “Entängstigt Euch“. Das aber verlange, sich der Realität zu stellen beziehungsweise daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Denn angesichts der Migrationsströme ginge es heute nicht mehr darum, das “christliche Abendland” zu bewahren. Die kulturelle und religiöse Vielfalt am Kontinent sei unumkehrbar. Vielmehr sei “das Christliche im Abendland zu retten”. Angesichts der Faktenlage sei derzeit mehr “nicht realistisch”.

Das Abendland ist längst “verbuntet“

Dass Europa “fraglos durch das Christentum geprägt” sei, ist für Zulehner unbestreitbar. Kirchen hätten bei Bildung, im Sozial- und Krankenhauswesen, auf dem Gebiet der Kultur sowie vielen anderen gesellschaftlichen Errungenschaften über Jahrhunderte die Vorhut gebildet. Dennoch habe sich nicht erst seit der Ankunft des Islam die weltanschauliche Landschaft Europas “verbuntet”. Die christlichen Kirchen hätten europaweit zwar nach wie vor die meisten Mitglieder, aber es gebe zunehmend mehr Angehörige anderer Religionen, dazu Menschen, die die Kirche verließen oder nie Mitglied waren.

Der Wiener Pastoraltheologe äußert sich in diesem Zusammenhang “erstaunt, dass das christliche Abendland vor dem Islam gerettet werden soll, aber niemand danach ruft, dieses vor dem pragmatischen Atheismus so vieler und dem überzeugten Atheismus weniger zu retten”. 

Nicht Abwehr, Dialog ist gefragt

Wenn Christen in Europa eine “Islamisierung Europas” befürchteten, dann verdeutlichten sie damit, so Zulehner, nur “ihre eigene Glaubensschwäche”. Das Problem Europas sind nach seinen Worten “nicht die gläubigen Muslime und Muslimas, die hierher kommen und hier leben. Das Problem sind die vielen schwach gläubigen Christinnen und Christen”. Und: “Wer schwach ist, bekommt eher Angst.”

Das Christentum in Europa brauche keine Abwehr des Islam, sondern einen fundierten Dialog zwischen den Religionen. Von der Universität über die Schulen bis hin zu den Medien. Für nicht zielführend hält der Theologe eine “Politik, die mit unchristlichen Mitteln das christliche Abendland retten will”. Dieses Programm führe lediglich zu einer weiteren Schwächung, “ja schädlichen Verfälschung des Christentums” in Europa. Eine Forderung, die er an die Regierungen in Europa, nicht zuletzt auch an jene Politiker, die die EU „regieren“, richtet.

Europa wurde ein säkularer Kontinent

Ein Blick in die Statistik macht diese Einschätzung deutlich. Etwa 75 Prozent der Europäer sind derzeit Christen (vor allem katholisch, protestantisch, orthodox). Gut 50 Millionen, also 8 Prozent gehören der islamischen Glaubensgemeinschaft an. Bis 2030 soll deren Anteil auf 10 Prozent steigen. Viele der europäischen Muslime leben hier allerdings schon seit Jahrhunderten. Das gilt etwa für fast 20 Millionen in den europäischen Teilen Russlands sowie 2,2 Millionen in Bosnien-Herzegowina sowie 2,5 Millionen in Albanien. Nicht zu vergessen die Muslime, die im europäischen Gebiet der Türkei leben. Neu hinzugekommen sind bislang rund 16 Millionen muslimische Einwanderer und deren Nachkommen in der Europäischen Union.

Die alleinige Konfessionszugehörigkeit sagt jedoch wenig über den tatsächlichen Grad der Religiosität aus. So bezeichnen sich etwa ein Drittel der Europäer als unreligiös, 17 Prozent sind überhaupt konfessionslos und fünf Prozent überzeugte Atheisten.

Das Evangelische Zentrum für Weltanschauungsfragen diagnostiziert nicht selten eine zunehmende Religionsdistanz vieler Menschen und konstatiert, dass für Europa die Entwicklung hin zu einer forcierten Säkularität charakteristisch und unübersehbar geworden. Keineswegs gilt dies für Afrika, für Asien und wohl auch nicht für Südamerika.

So wird wahrscheinlich schon 2025 China das Land mit den meisten Christen sein und die geografische Verschiebung des Christentums in die südliche Hemisphäre immer offenkundiger. 2050 werden voraussichtlich nur noch 14 Prozent der Christen in Europa leben. Und die werden sich etwas einfallen lassen müssen.