Der Kreml verfolgt die Griechenlandkrise mit Interesse und Sorge

Mitte Juni besuchte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras demonstrativ Russland. Rund einen Monat später ist der Argwohn in manchen europäischen Hauptstädten angesichts des Flirts zwischen Athen und Moskau zwar nicht verflogen. Zugleich wird aber auch deutlich, was Griechenland aus Moskau an direkter Hilfe erwarten kann: erst einmal nichts. Doch eine mögliche geopolitische Schwächung ist für die EU damit nicht vom Tisch.

Moskau werde „jede Form der Schwäche ausbeuten“, sagt James Nixey vom Institut Chatham House in London. „Pflücke die Knospe so lange es geht“, sei die Devise des Kreml. Zwar verfolge Moskau offenbar keine langfristige Strategie in der Griechenland-Krise. Nixey sieht aber die Haltung eines „übel wollenden Opportunismus“ auf russischer Seite.

Aus politischer Perspektive sei die Griechen-Krise „positiv“ für Russland, sagt auch Experte Alexander Baunow vom Carnegie Center in Moskau. Europas Unvermögen, eine Lösung im Schuldenstreit herbeizuführen, erlaube es dem Kreml, Zweifel an der Handlungsfähigkeit des Staatenbundes der 28 zu nähren. Moskau könne dies insbesondere im Ukraine-Konflikt nutzen.

Auch Zweifel an der Einheit des europäischen Kontinents als Ganzes ließen sich so schüren, sagt Baunow. Das griechische Nein im Referendum über die Gläubigerpläne habe aus Sicht Moskaus eine neue „Verwerfungslinie“ in Europa sichtbar gemacht.

Tsipras hatte nach dem Referendum am Sonntag, das mit gut 61 Prozent für das von seiner Regierung massiv unterstützte Nein-Lager überraschend deutlich ausgefallen war, Russlands Präsidenten Wladimir Putin als einen der ersten politischen Führer angerufen, um die Lage zu erörtern. Die beiden Politiker waren sich zuletzt näher gekommen.

Im Juni hatte Tsipras Putin am Rande des Wirtschaftsforums in St. Petersburg getroffen – anders als viele andere westliche Politiker, die sich angesichts der Ukraine-Krise und der Einverleibung der Krim durch Russland überlegten, ob eine Reise in die einstige Zarenstadt angezeigt ist. Putin nutzte die Gelegenheit, die griechisch-russische Wirtschaftskooperation, die „auf Initiative Griechenlands“ zustanden gekommen sei, zu würdigen.

Vereinbart wurde der Bau einer russischen Gaspipeline durch Griechenland. Von direkten Finanzhilfen Russlands für das schuldengebeutelte Griechenland, die sich Tsipras erhofft haben mag, war jedoch keine Rede. Es war bereits Tsipras‘ zweite Reise nach Moskau seit April.

Zwar verfolge der Kreml die Krise der EU mit Interesse, angesichts der durch die westlichen Sanktionen angefachten eigenen Wirtschaftskrise sind nach Expertenmeinung direkte Hilfen aber unwahrscheinlich. So wünschte auch Putins Sprecher Dmitri Peskow am Montag, dass „unsere griechischen Partner den notwendigen Kompromiss mit den Gläubigern sobald wie möglich erzielen“. Denn aus wirtschaftlichem Eigeninteresse käme Russland ein Grexit nicht gelegen.

Trotz der Sanktionen ist die EU Russlands wichtigster Handelspartner. Anhaltende Ungewissheit über das Schicksal Athens, die sich beim Ölpreis, an den Börsen und beim Rubelkurs niederschlagen, wären daher auch weiteres Gift für Russlands schwächelnde Ökonomie. „Indirekt“ sei sein Land bereits von den Auswirkungen des Neins der Griechen beim Referendum betroffen, räumt Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew ein. Ökonomisch sei das „keine gute Nachricht“ für Moskau gewesen, sagt auch Experte Baunow.

Ungeachtet der Zurückhaltung Moskaus bei direkten Hilfen ist das Unbehagen über die Anbändlungsversuche Athens dennoch in vielen europäischen Hauptstädten spürbar – vor allem in den osteuropäischen EU-Ländern. Russland könne Griechenland als „Trojanisches Pferd“ nutzen, ist die Sorge. EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte denn auch am Mittwoch vor dem EU-Parlament in Straßburg: Ohne Einigung in der Griechenlandfrage gebe es in vier Tagen ein Erwachen „in einem anderen Europa“. Er habe keine Zweifel, dass ein Scheitern „ganz Europa auch in geopolitischer Hinsicht betreffen wird“.