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01/10/2016

Ökonom: China und USA bergen größeres Handelspotenzial für UK als Commonwealth

EU-Außenpolitik

Ökonom: China und USA bergen größeres Handelspotenzial für UK als Commonwealth

Das ehemalige British Empire im Jahr 1900.

[Shankaronline CC BY 2.0/Flickr]

Theresa Mays neues Handelsminister-Gespann sollte den ehemaligen Commonwealth abschreiben, rät ein Ex-Ökonom der Bank of England. EurActiv Brüssel berichtet.

Im Vorfeld des Brexit-Referendums verwies die Leave-Kampagne immer wieder gern auf das Wiederbeleben der alten British-Empire-Bande mit Indien, Australien, Neuseeland und Kanada. Der EU-Austritt ist inzwischen beschlossene Sache. Doch die einst gepriesene Strategie der Brexit-Befürworter erscheint nun weitaus weniger attraktiv, da die Ergebnisse einer aktuellen Studie vorliegen, die sich fünf verschiedenen Datenindizes zum Handelspotenzial widmete. Durchgeführt wurden die Analysen im Auftrag der Global Counsel Strategy Group von Gregor Irwin, einem ehemaligen Ökonom der Bank of England und des britischen Außenministeriums.

Neuer britischer Außenhandelsminister im Kabinett der frisch gebackenen Staatschefin Theresa May ist Dr. Liam Fox, ein proamerikanischer Konservativer. Er soll neue globale Handelsabkommen ausloten und umsetzen, während Großbritannien von den gemeinsamen Handelsverträgen der EU zurücktritt. David Davis, ebenfalls ein konservativer des rechten Flügels, ist als neuer Brexit-Minister für den EU-Austritt verantwortlich. Gemeinsam hatten diese beiden Erz-Euroskeptiker für den Brexit geworben, während sich May für den EU-Verbleib stark gemacht hatte.

Fox werde seine weltweite Jagd nach Wirtschaftsabkommen schonungslos über alles andere stellen und dabei den ehemaligen Commonwealth – anders als von der Leave-Kampagne versprochen – weitgehend ignorieren, warnt Irwin. „Die britische Handelspolitik wird rücksichtslos Prioritäten setzen müssen, wenn die wenigen diplomatischen Ressourcen mit optimaler Wirksamkeit eingesetzt werden sollen. […] Die USA und China sollten aus unterschiedlichen Gründen oberste Priorität genießen. Die Regierung darf nicht zu viel Zeit auf Indien oder Australien verwenden und sollte Kanada größtenteils vergessen.“

„Darüber hinaus würde es sich lohnen, den Handel auch mit anderen asiatischen Nationen auszubauen, vor allem mit Japan, Korea und den ASEAN-Ländern“, so der Wirtschaftsexperte. „Die Regierung täte gut daran, sich nicht zu sehr um die Golfstaaten zu bemühen. Letztendlich sollte sie aber auch die Nicht-EU-Länder Europas berücksichtigen wie Russland, die Türkei und die Schweiz. In all diesen drei Ländern werden sich wahrscheinlich erhebliche Chancen auftun, auch wenn die Fortschritte in Richtung Russland natürlich durch die politischen Beziehungen erschwert werden“, warnt Irwin.

 

Die Studie bietet auf der Grundlage von fünf verschiedenen Datensätzen Rankings der jeweils 15 bestplatzierten potenziellen Handelspartner. Das erste Ranking beschäftigt sich mit dem Anstieg der Importmengen von 2010 bis 2015. Hier liegen die USA und China mit Abstand in Führung vor Mexiko, Hongkong und Vietnam.

Den zweiten Parameter bilden Zollabgaben, die britische Exporteure zu entrichten haben. Nicht mit hinein zählen dabei die Regulierung oder andere Dienste. In dieser Kategorie liegen China, Indien und die USA vorn, da hier großes Potenzial für einen Exportaufschwung durch Zollabbau besteht. Obwohl Indien und China über ähnlich hohe Zolltarife verfügen, liege das Handelsvolumen mit der ehemaligen britischen Kolonie weitaus niedriger, so Irwin.

Der dritte Datensatz bezieht sich auf den Faktor „Underperformance“, also auf das durchschnittliche Exportdefizit Großbritanniens von 2010 bis 2015 im Vergleich zu anderen EU-Ländern. Diesen Aspekt auszuwerten sei jedoch nicht einfach, gesteht Irwin. China, Russland und die Türkei belegen in diesem Ranking die ersten drei Plätze.

Der vierte Index zeigt den Anstieg britischer Vermögenswerte im Ausland von 2009 bis 2015. Diesem Parameter liegt der Gedanke zugrunde, dass Auslands-Direktinvestitionen meist auf eine nach Großbritannien zurückreichende Lieferkette schließen lassen. Die Studie erklärt jedoch, dass nicht alle Auslands-Direktinvestitionen auf diese Weise funktionieren, dass die Werte von den Wechselkursen abhängen und die Daten hierzu begrenzt sind. Als attraktivste Investitionsstandorte erwiesen sich laut Studie die USA, Japan, Hongkong und Singapur.

Zu guter Letzt konzentriert sich der Bericht auf die Stärke Großbritanniens, nämlich den Anstieg von britischen Finanz- und Unternehmens-Exportwerten im Ausland. Auch hier erweist sich Japan als aussichtsreicher Handelspartner, gefolgt von den USA, Singapur, China und der Schweiz.

„Kein Parameter ist perfekt“, schlussfolgert Irwin. Ihm zufolge heben sich die jeweiligen Ungenauigkeiten jedoch womöglich gegenseitig auf. Nicht anzufechten sei außerdem, dass China, die USA, Japan, Russland (je nach politischer Lage), Brasilien und Singapur als vielversprechendste Vertragspartner gelten. Daher also der kontroverse Vorschlag, den  ehemaligen Commonwealth nicht zu stark in den Mittelpunkt zu rücken.

Indien komme laut Studie nur deshalb im Ranking vor, „weil die bestehenden hohen Exportschranken viel Spielraum zur Reduktion bieten. Das heißt jedoch nicht, dass es leicht wird, sie wegzuverhandeln. Insbesondere weil Indien vom vereinigten Königreich vor allem Zugeständnisse bei den Themen Visum und Migration fordern wird.“

„Für Australien spricht vor allem der beachtliche Anstieg von Investitionen von Einrichtungen mit Sitz in Großbritannien. Abgesehen davon schneidet das Land eher schwach ab“, heißt es in der Studie.

„Kanada taucht kaum in den Rankings auf. Das stärkste Argument zu Kanadas Gunsten ist wahrscheinlich, dass das Land kurz davor steht, ein Handelsabkommen mit der EU zu unterzeichnen und es von Nachteil für britische Exporteure wäre, aufgrund des Brexits davon ausgeschlossen zu werden. Gleiches gilt jedoch auch für alle anderen zukünftigen Handelsdeals der EU.“

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