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27/09/2016

Asylsuchende in Europa: Am liebsten christlich und qualifiziert

EU-Außenpolitik

Asylsuchende in Europa: Am liebsten christlich und qualifiziert

Welche Asylsuchenden will Europa aufnehmen? Bürger aus 15 europäischen Ländern akzeptieren Asylsuchende eher, wenn sie über gute berufliche Qualifikation verfügen und wenn sie Christen anstatt Muslime sind.

Foto: EPA/SEDAT SUNA, dpa

Ungarn hält ein Referendum über die EU-Flüchtlingsquote ab, Polen will nicht mit Menschen aus dem Nahen Osten zusammenzuleben. Dennoch zeigt eine Studie nun: Die Abneigung gegenüber muslimischen Flüchtlingen ist nicht nur ein Problem in Osteuropa.

Am 2. Oktober will Ungarn eine „unausweichliche“ Botschaft an Brüssel senden. Was der ungarische Regierungssprecher mit dieser „Botschaft“ meinte, ist das von der ungarischen Regierung unter Viktor Orbán geplante Referendum über EU-Flüchtlingsquote. Es solle eine „Notbremse gegen den Asyl-Ansturm“ sein, der erschreckend schnell „das auf Nation und Christentum beruhende Europa zu zerstören“ drohe, so die Regierung Orbán.

Referendum in Ungarn über EU-Flüchtlingspolitik kommt

In Ungarn wird am 2. Oktober in einem Referendum über die Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der Europäischen Union abgestimmt. Präsident Janos Ader gab dieses Datum am Dienstag in Budapest bekannt.

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Polen behauptet, sein Volk sei einfach nicht in der Lage, mit Menschen aus dem Nahen Osten zusammenzuleben. Und auch die Slowakei ist eines jener osteuropäischen Länder, die sich gegen die auf EU-Ebene verpflichtende Umverteilung von Flüchtlingen sträuben. Das Land, in dem laut der EU-Statistikbehörde Eurostat im zweiten Quartal 2016 gerade einmal zehn Anträge auf Asyl verzeichnet wurden, hat ebenso wie Ungarn gegen einen entsprechenden Mehrheitsbeschluss der EU-Innenminister vor dem Europäischen Gerichtshof geklagt.

Doch die Abwehrgebärde besonders gegenüber Schutzsuchenden aus vermeintlich zu fremden Kulturen und Religionen ist nicht nur in Osteuropa präsent, zeigt nun eine  großangelegte internationale Umfrage. Die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie verdeutlicht auch, wie verbreitet Vorbehalte gegenüber Muslimen im Rest Europas sind.

Polen: Wir können nicht mit Menschen aus dem Nahen Osten zusammenleben

Die Debatte über die Unterbringung von 160.000 Flüchtlingen in Europa verschärft sich. Denn Polen behauptet nun, sein Volk sei einfach nicht in der Lage, mit Menschen aus dem Nahen Osten zusammenzuleben. EurActiv Griechenland berichtet.

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18.000 Bürger aus 15 europäischen Ländern inklusive der Schweiz wurden von Wissenschaftlern der Universität Zürich (UZH), der London School of Economics and Political Science und der US-amerikanischen Stanford University zu fiktiven Profilen von Asylsuchenden befragt. Diese unterscheiden sich unter anderem nach Alter, Geschlecht, Herkunftsland, beruflichem Hintergrund, Religion, Sprachkenntnissen und Fluchtgründen.

Muslime werden eher abgelehnt als Christen

Das Ergebnis: Die Befragten akzeptieren Asylsuchende eher, wenn sie über gute berufliche Qualifikation verfügen. Ärzte verzeichnen beispielsweise eine um 13 Prozent, Lehrer eine um 9 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, aufgenommen zu werden, als unqualifizierte oder arbeitslose Asylbewerberin. Zudem bevorzugten die Befragten Menschen, die in ihrer Heimat verfolgt oder misshandelt wurden – und Christen statt Muslimen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass in den Augen der europäischen Öffentlichkeit nicht alle Flüchtlinge gleich sind“, kommentiert der Co-Leiter des Immigration Policy Lab, Dominik Hangartner die Ergebnisse.

Geht es um die Religionszugehörigkeit, lehnen die Befragten Muslime mit einer um elf Prozent höheren Wahrscheinlichkeit ab als Christen mit vergleichbarem Hintergrund. „Da Christen gegenüber Agnostikern nur ganz leicht bevorzugt werden, zeigt dieses Resultat eine starke Abneigung gegenüber Muslimen – und nicht etwa eine Bevorzugung von Christen“, so Dominik Hangartner.

Ein Großteil der mehr als 305.000 Menschen, die allein zwischen April und Juni dieses Jahres einen Asylantrag in der EU gestellt haben, dürfte das zu spüren bekommen. Denn die meisten Schutzsuchenden stammen derzeit aus mehrheitlich muslimischen Ländern und sprechen vor der Einreise meist kaum oder gar nicht die Sprache des Gastlandes.

Martin Schulz: „Kein Verständnis für die Einstellung der Visegrad-Länder“

Der Ton zwischen den Gegnern einer Flüchtlings-Verteilungsquote und der EU bleibt indes scharf. „Wenn alle EU-Staaten sich alle an der Verteilung der Flüchtlinge beteiligen würden, wäre das überhaupt keine Belastung für Europa“, hatte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz am heutigen Donnerstag in Berlin abermals in Richtung aller widerspenstigen EU-Staaten gemahnt.

Er werte den beim Gipfel in Bratislava  von den sogenannten Visegrad-Staaten Polen, Tschechien und Ungarn vorgebrachten Vorschlag für eine „flexible Solidarität“ in der Flüchtlingskrise zwar als Vorwärtsschritt, den man sich anhören sollte. „Verständnis für die Einstellung dieser Länder habe ich aber nicht“, so Schulz.

 

 

Weitere Informationen

Studie von Kirk Banksak, Jens Hainmueller and Dominik Hangartner. How Economic, Humanitarian, and Religious Concerns Shape European Attitudes toward Asylum-Seekers. Science. September 22, 2016. doi:10.1126/science.aag2147