„Die SDGs gelten für Frankreich wie auch für Burkina Faso“

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Rémy Rioux, Geschäftsführer der Französischen Entwicklungsagentur. [French Development Agency]

Die Entwicklungsagenturen müssen ihren Ansatz in Afrika an die tatsächlichen Gegebenheiten auf dem Kontinent anpassen, fordert der Vorsitzende der Französischen Entwicklungsagentur im Interview mit EURACTIV Frankreich bei der Pariser Veranstaltung „All Afrika: The Issues of a Continent wide Approach“ am 12. April.

Rémy Rioux ist Geschäftsführer der Französischen Entwicklungsagentur. Davor war er für das französische Außenministerium tätig.

EURACTIV: Ihre Agentur hat eine Veranstaltung ausgerichtet, um die derzeitige Wahrnehmung von Afrika zu ändern. Was stimmt denn im Moment nicht?

Rioux: Als ich die Leitung der Französischen Entwicklungsagentur übernommen habe, ist mir aufgefallen, dass unsere Organisation und unsere Arbeit Afrika in zwei Blöcke einteilt: Nordafrika und Subsahara-Afrika. Aber das widerspricht dem tatsächlichen Leben der Afrikaner. Wenn man diese duale Vision des Kontinents beibehält, werden einige Wirklichkeiten vor Ort meiner Meinung nach schlecht abgebildet.

Wenn ich in Marokko, Tunesien oder Algerien bin, fällt mir immer der politische und strategische Diskurs in diesen Ländern auf. Hier geht es um die Ambitionen ganz Afrikas. Die sollten wir uns anhören. Das wurde nur umso deutlicher, als Marokko wieder in den Schoß der Afrikanischen Union zurückkehrte und seinen Willen bekräftigte, der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft [ECOWAS] beizutreten. Tunesien will Teil des Gemeinsamen Marktes für das Östliche und Südliche Afrika [COMESA] werden.

Vor zwei Jahren noch wären diese beiden Dinge nur schwer vorstellbar gewesen. Heute jedoch sind sie wirtschaftliche und diplomatische Realität in Afrika, die sich auszahlt. Das soll natürlich nicht heißen, dass ganz Afrika gleich ist. Es gibt Unterregionen, doch die Trennlinien bestehen sicherlich nicht nur auf einer Nord-Süd-Basis.

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Kann man Ihrer Ansicht nach die Wirksamkeit der Zusammenarbeit verstärken, indem man das Stigma ändert, das dem afrikanischen Kontinent noch immer anhängt?

Es zeichnet sich gerade der Trend ab, dass gewisse Entwicklungen früher in Afrika ankommen als in Europa – zum Beispiel bei den erneuerbaren Energien oder den Finanzdienstleistungen. So hat [der Mobilfunkanbieter] Orange Mobiles Banking erst in Afrika auf den Weg gebracht, bevor er sich an Frankreich machte. Afrika ist zu einer Art Versuchsfeld geworden.

Dort entwickeln sie neue Geschäftsmodelle, die wir uns zunutze machen können. Die Entwicklung geht in beide Richtungen, aber wir brauchen eine Bestandsaufnahme. Ich möchte, dass auch unsere Agentur in beide Richtungen funktioniert und Innovationen nach Frankreich bringt.

Aus diesem Grund haben wir uns mit der französischen Entwicklungsbank zusammengetan. Sie wird Relais-Personen und französische Partner für Innovationen finden, die in Afrika erdacht wurden. Das ist auch ganz im Sinne der nachhaltigen Entwicklungsziele [SDGs]. Wir alle teilen uns diese eine Erde und entwicklungspolitische Maßnahmen sind dazu da, um ausgetauscht zu werden. Die SDGs gelten ebenso sehr für Frankreich wie auch für Burkina Faso, Mexiko oder Indonesien. Wir stehen zwar an unterschiedlichen Ausgangspunkten, haben jedoch alle die gleichen Ziele. Diese Arbeit reicht so viel tiefer als die frühere Beziehung zwischen Geldgeber und Empfängerstaat.

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Die Kapazitäten der Französischen Entwicklungsagentur werden sich in den kommenden Jahren verzehnfachen. Wie wird Afrika davon profitieren?

2015 hat die Französische Entwicklungsagentur acht Milliarden Euro bereitgestellt, 50 Prozent davon gingen an Afrika. Die eine Hälfte war für den Klimaschutz gedacht und die andere für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Paris hat uns nun gebeten, bis 2020 unsere Zusagen von acht auf 13 Milliarden Euro zu erhöhen. Das hat vor allem mit François Hollandes Aussagen vom COP21-Gipfel und den SDG-Versprechen zu tun. Wir sind auf dem richtigen Weg. Das letzte Jahr haben wir mit etwa 9,5 Milliarden Euro abgeschlossen. Die Regierung hat uns die notwendigen Mittel dafür gegeben, indem sie unser Eigenkapital verdoppelt und ein Gesetz vorangebracht hat, das der Entwicklungszusammenarbeit entgegenkommt.

Die Wachstumsaussichten in Afrika sind noch immer hoch. Es wird also mehr Projekte vor Ort zu fördern geben.

Das ist 2015 in der Tat geschehen. Es gab einen wirklichen politischen Willen, Frankreichs Hilfsgelder aufzustocken. Das lässt sich schon jetzt an den Entwicklungsstatistiken für 2016 ablesen und es kurbelt das Wachstum an. In den nächsten Jahren wird dieser Anstieg noch prägnanter sein.

Die EU hat es sich über ihren Treuhandfonds und den deutschen Marschall-Plan zur Priorität erklärt, Afrikas privaten Sektor zu fördern. Welche Rolle spielt dabei die Französische Entwicklungsagentur?

Schon jetzt fließen 50 Prozent unserer Aktivitäten in den privaten Sektor und nicht an Regierungen. Darüber hinaus verfügt die Französische Entwicklungsagentur über eine Zweigstelle zur Wirtschaftsförderung: Proparco. Sie soll bis 2020 ihre Aktivitäten verdoppeln und ihre Finanzierung von einer Milliarde Euro auf zwei Milliarden erhöhen. Wir sind auch dabei, unsere Instrumente zu stärken und zu modernisieren.

Vor zehn Jahren war niemand daran interessiert, Unternehmen in dieser Gegend zusammenzubringen. Jetzt ist wirkliches Interesse zu sehen. Heutzutage kann eine Entwicklungsagentur den privaten Sektor nicht länger einfach ausklammern – und wir sind nicht die Einzigen, die so denken.

Unsere oberste Aufgabe ist und bleibt jedoch die Entwicklung. Natürlich müssen sich Firmen, die mit uns zusammenarbeiten wollen, an die Regeln der sozialen Unternehmensverantwortung (CSR) halten und dürfen keine abnormalen Gewinne einfahren. Immerhin sollen diese Partnerschaften vor allem den Bedürftigen helfen.