„Die EU-Blase in Brüssel ist nicht sehr multikulturell“

Yentyl Williams, Gründerin des ACP Young Professionals Network [Matthew Tempest/ Flickr]

Die Gründerin des Nachwuchskräfte-Verbandes der afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (AKP) warnt, dass nicht-reformierte Wirtschaftspartnerschaftsabkommen der EU mit den ärmsten Staaten der Welt einen negativen Effekt haben und „eine neue Art der wirtschaftlichen Abhängigkeit” schaffen könnten.

Yentyl Williams, 28, ist Gründerin des ACP Young Professionals Network, und die erste Studentin mit karbibischer Herkunft am renommierten College of Europe.

Sie sprach am Rande eines zweitägigen Treffens zwischen EU- und AKP-Vertretern in Brüssel mit EURACTIV.com.

Zuallererst: Was ist das ACP Young Professionals Network?

Das ist eine Jugend-Plattform, die im Dezember 2014 gegründet wurde und das Ziel hat, junge Leute mehr in politische Entscheidungsfindungen einzubinden. Es ist inspiriert von der EU-AKP-Partnerschaft, insbesondere von Artikel 26 des Cotonou Abkommens, der besagt, dass die EU und die AKP-Staaten ihre Aktivitäten in Jugendfragen koordinieren sollen. Es folgt auch dem Prinzip des globalen Ziels für nachhaltige Entwicklung Nummer 16: „friedliche und inklusive Gesellschaften im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung fördern.“

Und ihr persönlicher Background…?

Ich wurde in Trinidad und Tobago geboren und wuchs in London auf – einem sehr multikulturellen und vielfältigen London. Als ich in die „EU-Blase“ in Brüssel kam, habe ich festgetellt, dass so eine Multikulturalität hier nicht unbedingt vorherrscht – trotz der weitreichenden Beziehungen der EU mit vielen Ländern der Welt.

Ich arbeite zum Thema EU-AKP-Beziehungen und habe festgestellt, dass es Netzwerke für britische und für europäische Jugendliche gibt, aber keine für junge Menschen aus AKP-Ländern. Deswegen war es mir wichtig, eine Plattform zu schaffen, über die Nachwuchskräfte aus der EU und aus AKP-Staaten zusammenkommen, ihre Ideen und Meinungen austauschen, und politische Debatten beeinflussen können.

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Sie sagten während des Treffens heute, dass Sie die erste Studentin mit AKP-Herkunft  in der 50-jährigen Geschichte des College of Europe sind.

Die erste aus der Karibik, ja. Als ich graduierte, habe ich mal nachgeforscht, wieviele Studenten ebenfalls eine nicht rein europäische Herkunft haben. Ich habe nur zwei Menschen mit afrikanischen Wurzeln gefunden und dachte mir, dass diese Unterrepräsentation an so einem renommierten Institut auch ein Hindernis in der Politik sein könnte.

Es sollte mehr Austausche unter Graduierten geben. Wenn man bedenkt, wie weit die Entwicklungs-Beziehungen der EU reichen, sollten mehr junge Nachwuchskräfte von außerhalb in EU-Beziehungen und Diplomatie geschult werden – so wie ich es wurde.

Eine der Fragen in der Debatte heute war, ob die AKP-Gruppe, die in den 1970er Jahren gegründet wurde, heute noch eine Einheit ist. Wieviel hat ein Fischer aus Fidschi im Jahr 2017 mit einem Bauer aus der Zentralafrikanischen Republik gemein?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Bisher gibt es auch kein offizielles Statement des AKP-Sekretariats darüber, was für eine Art Institution wir sein wollen. Es heißt, man wolle eine internationale, interkontinentale politische Organisation sein.

Natürlich gibt es aber Gruppierungen, insbesondere wenn man es mit internationalen Gremien wie der WTO zu tun hat. Es ist jedoch wichtig, gegenüber Organisationen wie der EU mit ähnlich denkenden Akteuren zu kooperieren und als geschlossene Gruppe aufzutreten.

Meiner Ansicht nach hat es Vorteile, wenn die AKP als Gruppe beisammenbleibt. Wir müssen aber die Beziehungen zwischen der Gruppe und der EU hinterfragen. Da hat es nicht immer die Vorteile gegeben, die die Partnerschaften eigentlich erzielen sollen.

Sprechen die AKP-Staaten hier in Brüssel denn mit “einer Stimme“ – oder eher über andere Organisationen wie die Afrikanische Union oder als Einzelstaaten?

Aus institutioneller Sicht sprechen die AKP-Länder über den Generalsekretär mit einer Stimme. Es stimmt aber, dass es in Zukunft mehr Kohärenz und ein gemeinsames Bewusstsein dafür geben muss, was die AKP-Gruppe sein soll und wie sie sich positioniert. Dabei muss man auch bedenken, dass es innerhalb dieser Gruppe ja noch viele multinationale Gruppierungen wie die Afrikanische Union, das Pacific Council, und darüber hinaus auch noch die einzelnen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen gibt.

Wie sehen die EU-AKP-Beziehungen in Bezug auf neue Initiativen aus – beispielsweise dem neuen Europäischen Konsens über die Entwicklungspolitik?

Nun, die Politik muss aus der alten Dialektik von Entwicklungsland/Industrienaion oder globaer Norden/Süden ausbrechen. Das ist keine neue Erkenntnis. Wenn wir nicht die Generation sind, die in dieser Sache einen Wechsel bringt, mache ich mir Sorgen für die Zukunft.

Wurden die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen, die heute Nachmittag ja sehr kritisiert wurden, mit einer anderen EU geschlossen, als wir sie heute haben?

Es ist wichtig, zu hinterfragen, ob diese Abkommen in der Wirklichkeit funktionieren. Sie sind in einer Zeit vor der Formulierung der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) geschlossen worden. Sie haben nicht den gleichen „universalen“ Anspruch, auf dem die SDGs basieren.

Was wir brauchen, ist eine sehr genaue Überwachung und weitere Planung der Wirtschaftsabkommen – derjenigen, die unterzeichnet wurden und derjenigen, die provisorisch implementiert worden sind. Viele sind ja noch nicht ratifiziert. Ein Beispiel: das Enddatum des CariForum-Abkommens überschneidet sich zufällig mit dem Ende der SDGs, und wir sollten jetzt darüber diskutieren, was wir nach 2030 wollen. Wenn die Abkommen nach 2030 weiter ökonomische Schwäche hervorrufen, riskieren wir einen weiteren Schritt zurück in wirtschaftliche Abhängigkeiten.

Wie optimistisch sind Sie bezüglich der Verhandlungen über die Zeit nach Cotonou, die ab 2020 Auswirkungen haben werden?

[LANGE PAUSE] Wir haben zwar erst 2017, aber wir befinden uns kurz vor diesen Verhandlungen. Rechtlich gesehen müssen sie 18 Monate vor Ende des Abkommens beginnen, also Mitte 2018. Nach dem Sommer 2017 sollte die Kommission ein Verhandlungsmandat vom Rat erhalten. In gewisser Weise wird also genau jetzt über die Zukunft entschieden. Wir sind fast schon zu spät, aber wir müssen weiteren Input in der Debatte bieten.

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Eine letzte Frage an Sie als sowohl britische als auch trinidadische Bürgerin, die AKP-Nachwuchskräfte vertritt: wie schätzen Sie den Effekt des Brexit auf die Entwicklungszusammenarbeit ein?

Ich persönlich war gegen den Brexit, aber wir müssen uns mit den Gegebenheiten arrangieren und realistisch sein. Wenn man sich ansieht, wie Großbritannien und die EU ihre Anstrengungen in der Entwicklungshilfe in den ärmsten Staaten der Welt koordinieren, wird sich nicht allzu viel ändern. Großbritannien, beziehungsweise das DfID (Department for International Development), wird sicherlich immer am EU-Tisch willkommen sein.

Aus Handelssicht werden sich aber fundamentale Fragen auftun. Viele AKP-Länder sind stark vom Handel mit Großbritannien abhängig. Papua-Neuguinea lässt beispielsweise 100% Prozent seines Palmöls in Großbritannien zertifizieren, bevor es in andere Länder exportiert wird. Guyana exportiert 100 Prozent seines Zuckerrohrs ins Königreich, bevor es in die EU und den Rest der Welt weiterverkauft wird.

Es wird in der Zukunft also große Fragen im Handel geben. Das Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge besagt, dass im Falle von Abkommensänderungen die Parteien das Recht haben, aus dem besagten Abkommen auszusteigen. Das ist etwas, das sowohl die EU als auch die AKP-Staaten während der Verhandlungen im Hinterkopf behalten sollten. Das mag für einige kontrovers klingen, ist es aber nicht. Eine Reihe von Abkommen, die bereits unterzeichnet wurden, sind umstritten. Tansania ratifiziert beispielsweise das EU-Ostafrika-Wirtschaftsabkommen nicht.

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