„Afrika darf nicht nur Zuschauer bei globalen Entscheidungen sein“

Afrika ist ein relevanter Akteur in Hinsicht auf das Weltgeschehen. Aber der Kontinent werde noch zu selten entsprechend behandelt, meint Ajay Bramdeo. [Foto: Istituto Affari Internazionali/Flickr]

Die Idee eines Marshall Plans für Afrika sei grundsätzlich gut – doch zu viel werde noch über statt mit Afrika gesprochen, kritisiert der EU-Botschafter der Afrikanischen Union Ajay Bramdeo. Im Interview spricht er über Vertrauen, die Rolle von Gesundheitspolitik in Afrikas Entwicklung und darüber, was er sich von Angela Merkel beim G20-Gipfel wünscht.

Euractiv.de: Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller will eine Art Marshall Plan für Afrika ins Leben rufen. Was halten Sie von der Idee?

Ajay Bramdeo: Die Idee ist grundsätzlich gut. Aber Afrika ist ein relevanter Akteur in Hinsicht auf das Weltgeschehen, wird jedoch noch zu selten entsprechend behandelt. Afrika darf nicht nur ein Zuschauer bei globalen Entscheidungen sein, sondern will in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden, wie man zusammen für ein größeres Gut arbeiten kann. Aber die Idee zum Marshall Plan für Afrika beispielsweise ist ein Ansatz, der in und von Deutschland entwickelt wurde – ohne Afrika.

Der Plan läuft so Gefahr, schwer umsetzbar zu werden. Die Frage ist auch, warum Deutschland demokratische Standards an die Hilfen aus dem Marshall Plan knüpft, obwohl sein eigener Wohlstand auch nicht vorrangig auf demokratischem Handeln und der strengen Berücksichtigung der Menschenrechte in der Vergangenheit fußt.

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Aber ist es nicht nachvollziehbar, die Hilfen mit bestimmten Bedingungen zu verknüpfen? Worauf sonst kann denn Zusammenarbeit basieren?

Vor allem müssen wir einen echten, dauerhaften Dialog führen – und uns vertrauen. Man kann nur zusammenarbeiten, wenn man einander traut. Auch die EU ist nicht unangreifbar, was Menschenrechte und demokratische Werte betrifft. Die Finanzkrise hat uns diesbezüglich viel gelehrt.

Und die Europäische Union mag das von sich weisen – aber dass die Gemeinschaft in einer existenziellen Krise steckt, ist unübersehbar. Man schaue nur auf den Brexit oder auf die Erfolge bestimmter Parteien in Frankreich und Deutschland vor den Wahlen.

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Für den afrikanischen Kontinent ist diese Initiative hochinteressant, denn sie liegt nahe an der Agenda 2063. Und diese wiederum stimmen mit den 17 SDGs überein. Gesundheit ist sehr zentral in Afrikas Agenda für Wachstum und Entwicklung. Wir haben etliche institutionalisierte Partnerschaften zwischen der Afrikanischen Union und der EU, deren Fokus auf der Umsetzung der SDGs liegt. Aber eine G20-Agenda zur globalen Gesundheit wäre sehr begrüßenswert.

Auch Angela Merkel will das Thema Pandemien bei G20 miteinbeziehen. Wie zuversichtlich sind Sie?

Wenn sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür einsetzt, darauf kann man setzten, dann wären auch die restlichen G20 mit an Bord. Gesundheit ist eine globale Herausforderung. Darum brauchen wir auch globale Lösungen.

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Was ist mit den bereits vorhandenen Ansätzen, funktionieren die gut?

Klar ist, dass Afrika und die G20 zusammenarbeiten müssen. Aber inzwischen gibt es zu viele Initiativen weltweit, auch im Gesundheitsbereich. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, denn oft sind diese Initiativen gar nicht oder kaum in Kontakt untereinander, wissen nicht von den Ansätzen und Fortschritten des jeweils anderen und können keinen positiven Verbundeffekt erreichen. So verpuffen mögliche Fortschritte zum Teil.

Wir brauchen also einen Ansatz, um die vorhandenen Systeme zu harmonisieren. Ein Mechanismus, der sämtliche Anstrengungen rund um den Globus vernetzt und zentralisiert, könnte unsere Arbeit wesentlich effizienter machen.

Beim Thema Gesundheitsversorgung haben viele afrikanische Länder noch großen Nachholbedarf. Welche Themen müssen von allen beteiligten Akteuren beim Thema Wirkstoff-Forschung und Impfversorgung in den Blick genommen werden?

In Hinblick auf Impfungen und Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten sind sowohl die Preisgestaltung als auch die Versorgung davon abhängig, wie gut NGOs, Privatsektor, Forschung, Politik und die Weltgesundheitsorganisation WHO auch mit Produkt­entwicklungspartnerschaften vernetzt sind und zusammenarbeiten.

Und was Afrika dringend braucht, sind verlässliche Liefersysteme für Impfstoffe.

Afrikas Gesundheitsversorgung weist noch große Lücken auf – auch und besonders hinsichtlich Antibiotikaresistenzen, vernachlässigten Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder Lepra. Wo ist der dringendste Bedarf für Änderungen?

Die Überwachung, Notfallmaßnahmen und die Prävention von Infektionskrankheiten muss verbessert werden. Im März hat dazu das Africa Center for Disease Control and Prevention (Africa CDC) einen fünfjährigen strategischen Plan zur Verbesserung der Situation aus der taufe gehoben. CDC ist eine Kooperation von freiwilligen medizinischen Fachleuten in den USA, die zusammen mit lokalen Experten in den schlecht entwickelten Ländern – vor allem in Afrika – daran arbeiten, grundlegende Gesundheitslösungen für die medizinischen Bedürfnisse von Millionen leidenden Menschen in Afrika zu schaffen und auch versuchen, eine Plattform für den Notfall anzubieten.

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2007 nahm die Afrikanische Union zudem in Accra den Pharmaceutical Manufacturing Plan for Africa (PMPA) an, um die lokale Pharmabrache zu unterstützen und so die Gesundheitsversorgung und –Sicherung vor Ort zu stärken. Für den Kontinent hat es einen fatalen Effekt, dass Infektionskrankheiten wie Malaria oder Lepra lange von der pharmazeutischen Forschung vernachlässigt wurden.

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