„Afrika braucht einen besseren Deal für seine Infrastruktur“

Afrika-Direktorin von ONE, Nachilala Nkombo, über die Chancen eines Kontinents. [World Economic Forum / Benedikt von Loebell/flickr]

Afrika boomt. Bis 2050 wird der Kontinent so viele Menschen ernähren müssen, wie Indien und China es bereits heute tun. Das heißt auch, in den nächsten dreißig Jahren brauchen die Länder des afrikanischen Kontinentes 18 Millionen neue Jobs – jährlich.

Vor allem in den ländlichen Regionen wächst die Bevölkerung, laut Statistiken leben dort mittlerweile 3,5 Milliarden Menschen. Der Prozess der Urbanisierung und die mangelnden Chancen in ländlichen Gebieten ziehen immer mehr Menschen, vor allem Jugendliche, in die Städte.
Die Landwirtschaft hat nicht nur großes Potenzial, die Bevölkerung nachhaltig zu versorgen, sie könnte auch die notwendigen beruflichen Perspektiven bieten, die so dringend vor allem für Jugendliche und Frauen benötigt werden. Wie so eine nachhaltige Landwirtschaft aussehen kann und wie Fehler der europäischen Agrarpolitik in Afrika verhindert werden können, darüber sprach EURACTIV während der G20-Konferenz des BMZ „Future of the rural world“  mit der Afrika-Direktorin von ONE, Nachilala Nkombo.

Gibt es gute Neuigkeiten, die Sie aus dem Treffen mitnehmen konnten?

Nachilala Nkombo: Nun zumindest eine gemeinsame Erkenntnis darüber, was notwendig ist, um die ländlichen Gemeinden und deren Wirtschaftskraft zu stärken: Der gegenwärtige Status-Quo ist nicht mehr länger akzeptierbar. Afrika liegt mit seinen technologischen und landwirtschaftlichen  Leistungen weit hinter dem eigentlichen Potenzial des Kontinents.

FAO-Bericht: "Die Hungersnot ist zurück"

EXKLUSIV/ 108 Millionen Menschen weltweit stehen kurz vor dem Hunertod, warnt der Global Report on Food Crises 2017 der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO). Daniel Gustafson, Vize-Generaldirektor der FAO, dazu im Gespräch mit EURACTIV Brüssel.

Der deutsche Vorsitz der G20 in diesem Jahr bietet die Chance, nicht nur zu “kleckern”, sondern strategisch zu “klotzen”.

Vor allem für die jungen Afrikaner ist das wichtig. Sie sehnen sich nach einem besseren Leben. Wir brauchen Investitionen in die Infrastruktur, vor allem in die der ländlichen Regionen. Und es ist wichtig, dass diese Investitionen auf Konzepten basieren, welche nachhaltig sind, die dort lebende Landgemeinde einbindet und die ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Die Formel für nachhaltige Investitionen heißt auch in Afrika: Bildung und Beschäftigung und Beteiligung.

Sie plädieren dafür, dass gerade in den ländlichen Regionen die Landwirtschaft das größte Potenzial hat, afrikanischen Jugendlichen und Frauen nachhaltige Zukunftsperspektiven zu bieten. Inwiefern?

Wir wissen, dass Mädchen und Frauen am meisten von extremer Armut betroffen sind, weil sie keinen gleichberechtigten Zugang zur landwirtschaftlichen Produktion haben. Ihre Produktivität liegt zurzeit 23 bis 66 Prozent unter der von Männern. Gleichzeitig aber haben gerade Frauen das größte Potential mithilfe der Landwirtschaft die Armut ein für alle Mal zu beseitigen. Hätten afrikanische Frauen den gleichen Zugang zu Samen, Ausrüstung, Land usw., könnte sich die Zahl der hungernden Menschen um bis zu 100-150 Millionen reduzieren. Stärkt man vor allem Frauen im Landwirtschaftssektor, profitieren davon nämlich auch ihre Familien, ihre Gemeinden und auch ihre Länder. Ein Wachstum im Agrarsektor ist im südlichen Afrika elf Mal effektiver für die Armutsbekämpfung als jeder andere Industriebereich.

Aber um gerade junge Menschen für die Landwirtschaft zu begeistern, brauchen wir eine Ausbildung für den Agrarbereich, die ihrem Namen alle Ehre macht.

EU-Rechnungshof: Europas Hilfe in Subsahara-Afrika mangelhaft

Bei dem Versuch Brüssels, die Steuereinnahmen in Subsahara-Afrika zu erhöhen, hapert es laut EU-Rechnungshof noch an einigen wichtigen Stellen. Euractiv Brüssel berichtet.

Aber in Zeiten mit katastrophalen Auswirkungen durch die Klimaveränderungen, gehört die Landwirtschaft auch zu einem der anfälligsten Bereiche – nicht nur in Afrika. In Europa werden Wachstumszyklen verkürzt, wird Gen-manipuliert, werden Böden übersäuert … wie kann in Afrika verhindert werden, dass für eine Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft nicht die gleichen Wege gegangen werden und die nächste Umweltkatastrophe vorprogrammiert ist?

Die Entwicklung der afrikanischen Agrarindustrie muss die Effekte des Klimawandels von Anfang an mildern. Sie muss also Klima-„smarte“ Produktionsweisen stärken. Nur so kann die große Abhängigkeit Afrikas von der regenbewässerten Landwirtschaft bis 2020 um 50 Prozent gesenkt werden. Wenn die Regierungen gegen die Anfälligkeit der afrikanischen Landwirtschaft gegenüber dem Klimawandel angemessene Mittel zur Verfügung stellen und  Kleinbauern, Fischer und Pastoralisten unterstützen, wäre das ein erster Schritt. Kartierung von Risikogebieten, kohärente Anpassungen der Pläne für Agrarinvestitionen, empirische Forschungen und die Erfassung geschlechtsspezifischer Daten im Agrarsektor können helfen, den Folgen des Klimawandels in Afrika zu begegnen.

Zudem müssen die afrikanischen Regierungen nationale und regionale Nahrungsmittelreserven aufbauen, die Widerstandsfähigkeit der nationalen und regionalen Versorgungsketten von Nahrungsmittel verbessern sowie soziale Schutzprogramme einrichten. Dazu ist aber ein Bottom-up-Ansatz bei der Planung notwendig. Das geht nur gemeinsam mit den Gemeinden, der Zivilgesellschaft und der  Wissenschaft. Deren Bewertungen und Empfehlungen müssen die politischen Entscheidungsträger bei der Entwicklung einer nachhaltigen Agrarpolitik einbinden.

"Afrika darf nicht nur Zuschauer bei globalen Entscheidungen sein"

Die Idee eines Marshall Plans für Afrika sei grundsätzlich gut – doch zu viel werde noch über statt mit Afrika gesprochen, kritisiert der EU-Botschafter der Afrikanischen Union Ajay Bramdeo. Im Interview spricht er über Vertrauen, die Rolle von Gesundheitspolitik in Afrikas Entwicklung und darüber, was er sich von Angela Merkel beim G20-Gipfel wünscht.

Sind G20-Initiativen wie “Compact with Africa” für solche Entscheidungsprozesse ein Schritt in die richtige Richtung?

Diese Initiative ist ein erster Schritt, reicht aber nicht aus, weil sie vornehmlich auf Investitionen mit fünf afrikanischen Staaten ausgerichtet ist. Das hilft zwar und kann ein Katalysator sein, den Erfolg notwendiger Reformen in diesen Ländern zu beschleunigen.  Aber ich finde, es muss viel weitergehen. Zum einen müssen Schlüsselstaaten wie Nigeria eingebunden werden. Zum anderen werden deutsche Unternehmen oder die der G20 durch diese Initiative nicht in jene afrikanischen Länder mit den kleinen Märkten investieren. Diese Initiativen müssten sich vor allem auf afrikanische Regionen konzentrieren. Wir brauchen also ein „Compact with ECOWAS“, ein Compact with EAC und so weiter. Wir brauchen Abkommen, die ganze Regionen entwickeln. Die G20 könnten sich dabei auf bereits funktionierende Lösungen stützen. Dort, wo etwas schon funktioniert, muss es einfach mehr Menschen zur Verfügung gestellt werden.

Welche funktionierenden Lösungen meinen Sie zum Beispiel?

Einigen afrikanischen Staaten ist es schon gelungen, die Arbeitslosenquote, auch die von Jugendlichen, zu senken, indem ihre Investitionen vorrangig in den Anreiz zur Schaffung von Produktionszentren oder zur Spezialisierung in der Landwirtschaft geflossen sind. Länder wie Äthiopien oder Kenia sind gute Beispiele, wie es zu einer höheren Wertschöpfungskette innerhalb dieser Länder kommen kann, wenn man vom reinen Export von Rohstoffen zur Herstellung von hochwertigen Produkten übergeht.

Nehmen wir die Kakaoindustrie. Jeder liebt Schokolade. Aber Afrika dient vorrangig als Kakao-Lieferant. Was wäre das für ein ökonomischer Vorteil, wenn wir stattdessen afrikanische Schokolade produzierten? Das ist eine der Bedingungen, welche die G20 ändern könnten. Das setzt dann voraus, dass Technologien und Wissen ausgetauscht werden und dass es eine Bereitschaft gibt, afrikanische Produkte zu kaufen. So können Jobs geschaffen werden, die nachhaltig sind und vor allem Jugendlichen und Frauen eine Zukunftsperspektive bieten.

Freihandelsabkommen und ihre wichtige Rolle in EU-Agrarexporten

Namen wie CETA, TTIP und TTP dominieren die Diskussionen zum Thema Welthandel. Sie sind unvermeidbare Begriffe in unserer globalisierten Welt. Doch was sind ihre Auswirkungen auf den EU-Agrarsektor? Ein Bericht von EURACTIV-Partner EFEAgro.

Ein vermehrter europäischer Import von Fertigprodukten zu fairen und nachhaltigen Preisen anstatt Rohmaterial scheint gegenwärtig wie eine afrikanische Vision. Zudem versuchen Europa und andere westliche Ökonomien ihre Märkte durch Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA zu schützen und Kontinente wie Afrika lediglich als Absatzmärkte zu halten. Denken Sie, dass die G20 etwas daran ändern können bzw. werden?

Das muss sich ändern, weil es die Ursache für viele Probleme auf dem Kontinent und eng mit Entwicklungszusammenarbeit verknüpft ist. Andernfalls macht es wenig Sinn, wenn sich die G20 mit Fragen wie Stabilität beschäftigen. Wenn Afrika keinen besseren Deal bekommt, werden die Ökonomien nicht in der Lage sein, die anstehenden Probleme zu lösen. Wir müssen befähigt werden, die Produktionskapazitäten – und das gilt auch für die Landwirtschaft – auszubauen. Aber das allein reicht nicht. Selbst wenn die Europäer ihre Märkte für uns öffnen würden, zurzeit haben wir keine entsprechende Infrastruktur. So lange das nicht der Fall ist, sind nutzen auch Handelsabkommen zwischen Europa und Afrika nicht viel. Die Europäer sind bereit, wir Afrikaner sind es nämlich noch nicht. Wir müssen erst eine afrikanische Industrie, ein afrikanisches Entrepreneurship entwickeln.

Das gilt auch im Hinblick auf Afrikas Märkte, die heute noch vorrangig von europäischen oder chinesischen Produkten bedient werden. Wir Afrikaner müssen unsere eigenen Binnenmärkte entdecken und entwickeln. Dafür brauchen wir dringend Investitionen in unsere Infrastruktur und dabei können die G20 unbedingt unterstützen, zum Beispiel mit Technologietransfer. Tun sie das, und wir können unsere Produktionskapazitäten ausbauen, werden wir zukünftig viel weniger Mittel der Entwicklungszusammenarbeit brauchen. Dann können sich die afrikanischen Ökonomien künftig selbst tragen und unterstützen.

Hintergrund

Die „Compact with Africa“-Initiative der G20 Finanzminister und Notenbankgouverneure

Die Initiative zielt darauf ab, private Investitionen und Investitionen in Infrastruktur in Afrika zu stärken. Dazu haben Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Afrikanische Entwicklungsbank haben hierzu gemeinsam einen Bericht erstellt (“The G20 Compact with Africa: A Joint AfDB, IMF, and WBG Report“), der einen Katalog von Instrumenten und Maßnahmen vorsieht, welche die makroökonomischen, wirtschaftspolitischen und finanziellen Rahmenbedingungen für private Investitionen verbessern sollen. Dafür sollen zwischen interessierten afrikanischen Ländern, Internationalen Organisationen und Partnerländern Investitionspartnerschaften entwickelt werden. Darin verpflichten sich die verschiedenen Parteien zu konkreten Schritten, wie sie im Maßnahmenkatalog vorgezeichnet werden. Die G20 leisten politische Unterstützung für umfassende, länderspezifische Maßnahmenpakete, und geben den afrikanischen Ländern eine Plattform, ihre Investitionsbereitschaft und -möglichkeiten darzustellen. (Quelle: BMZ)