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25/09/2016

Albanien feiert 100 Jahre Unabhängigkeit

Erweiterung und Nachbarn

Albanien feiert 100 Jahre Unabhängigkeit

Albaner aus allen Ecken der Welt feiern das Jubiläum der Staatsgründung. Foto: dpa

Standpunkt von Vjollca HajdariHeute feiert Albanien seinen hundertsten Geburtstag. Bald könnte der Balkanstaat den Status eines EU-Beitrittskandidaten erhalten. Die EU muss die Tür für die europäische Integration des Landes offen halten, schreibt die Journalistin und Politologin Vjollca Hajdari.

Die Autorin

" /Vjollca Hajdari, in Kosovo geboren, ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Berlin und hat für den Berliner Senat sowie für albanische Medien gearbeitet.
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Am 28. November 1912 erklärte Albanien seine Unabhängigkeit. Vorangegangen waren 500 Jahre osmanische Herrschaft, die das Schicksal des gesamten Balkans sowie Albaniens prägten und große historische, kulturelle sowie traditionelle Spuren hinterließen. Die damals christlichen Albaner wurden islamisiert, obgleich sie innerfamiliär nach wie vor "Kryptochristentum" betrieben. Viele Familienmitglieder behielten christliche Namen sowie christliche Riten. In vielen Familien werden auch heute beide Konfessionen praktiziert. Das gemeinsame Feiern des Zucker-Festes und Weihnachten gehören zum Alltag der Albaner.

Die von dem albanischen Schriftsteller und Politiker Pashko Vasa (1825 – 1892) geprägten Verse "schaut nicht auf Moscheen und Kirchentum, die Religion des Albaners ist das Albanertum" wurden zum Inbegriff  religiöser Toleranz. Dieser Appell wurde allerdings in Zeiten des Diktators Enver Hoxha (1908 – 1985) für totalitäre Zwecke missbraucht, indem Albanien für rund 50 Jahre zum "ersten atheistischen Staat der Welt" erklärt wurde.

Heute ist Albanien von einer Vielfalt der Religionen gekennzeichnet, wo Muslime, Katholiken und Orthodoxe in einzigartiger, friedlicher Koexistenz miteinander leben. Albanien dient somit als ein Vorbild religiöser Toleranz.

Der Weg Richtung Europa

Doch nicht in allen Bereichen zeigt sich der albanische Staat vorbildlich. Das von Brüssel als EU-Kandidat vorgeschlagene Land hat mit vielen Problemen zu kämpfen, bevor es Mitglied der EU wird. Ein wesentliches Hindernis stellt die innenpolitische Situation dar, die im Gegensatz zur konstruktiven Außenpolitik, den Fortschritt des Landes behindert.

Da ist die starke Polarisierung zwischen den größten politischen Parteien: Die Demokratische Partei (PD) mit ihrem Parteivorsitzenden Sali Berisha, zugleich Premierminister Albaniens, und die Sozialistische Partei (PS) mit Edi Rama als Parteiführer. Die Fehde zwischen den beiden Parteivorsitzenden beobachtet die EU mit Sorge. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz plädiert in einem Interview mit EurActiv für einen kontinuierlichen Dialog und für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen allen politischen Kräften, die, wie er betont, "äußerst wichtig" für das Land sind.

Dass staatliche Interessen über persönliche Belange stehen sollten, zeigte sich auch unlängst beim Albanien-Besuch der US-Außenministerin Hillary Clinton. Die amerikanische Chefdiplomatin rief alle politischen Kräfte dazu auf, Parteienkonflikte zu vermeiden, die Zusammenarbeit zwischen den politischen Strukturen zu stärken und sich ernsthaft für den EU-Beitritt einzusetzen.

Medien, Parteien, Politik

Die 50-jährige Isolation hat dem Land einen spezifischen Charakter verliehen. Die Enver Hoxha unterworfene Presse diente einzig und allein der kommunistischen Partei der Arbeit. Kritischer Journalismus wurde mit langjährigen Inhaftierungen oder sogar dem Tode bestraft. Presse-, Meinungs- und Bewegungsfreiheit gehörten zu einem fernen Traum der Bevölkerung.

20 Jahre nach dem Sturz des kommunistischen Regimes ist die Medienlandschaft vielfältiger geworden. Repressive, totalitäre und gewalttätige Vorgehensweisen gehören nunmehr der traurigen Vergangenheit an. Zwar ist die Pressefreiheit nun gesetzlich verankert, allerdings gibt es nach wie vor politischen Einfluss auf die Medien seitens der Politik. Fast alle etablierten "Größen" der elektronischen und Printmedien verteilen sich auf zwei Lager. Die eine Seite steht der oppositionellen sozialistischen Partei nahe, während die andere als Sprachrohr der regierenden Demokratischen Partei agiert.

Die auf zwei Personen konzentrierte Berichterstattung überschattet den gesamten Medienalltag. Die aggressive Rhetorik der verfeindeten Parteien dominiert die Nachrichten und lenkt von den tagtäglichen Problemen im Land ab. Eine kritische und unabhängige Berichterstattung ist nur in geringem Maße zu erkennen. Die damit einhergehende Spaltung in der Bevölkerung verhindert zudem eine aktive Beteiligung der Bürger am öffentlichen Leben. Diese würde jedoch als ein wichtiger Motor bei den Reformen in politischen und sozialen Prozessen dienen.    

Generation Jugend

Albanien gehört neben Kosovo zu den Ländern mit dem größten Jugendpotenzial auf dem Balkan. Das Durchschnittsalter beträgt etwa 30 Jahre. Die in Albanien lebenden Jugendlichen sind für ihre Mehrsprachigkeit bekannt. Zudem zeigen sie sich wissenshungrig, bildungsbereit und weltoffen. Doch die Perspektivlosigkeit der neunziger Jahre ließ gut ausgebildete und intellektuelle Kräfte massenhaft ins Ausland abwandern, darunter ein großer Teil der talentierten Jugend. Die enorme Zahl der nun im Ausland lebenden Experten und Wissenschaftler könnte einen entscheidenden Beitrag zur Konsolidierung demokratischer Institutionen leisten.

Das immense Potenzial der jungen Generation im Land wird gleichzeitig von der politischen Elite des Landes vernachlässigt, die an ihrer Machtposition festhält und die Tagesordnung beherrscht. Dabei ist das zivilgesellschaftliche Engagement der Jugend im Hinblick auf Albaniens Reformen essenziell.

"Die Albaner sind einen weiten Weg gegangen"

Dem Europäischen Rat zufolge wird voraussichtlich im Dezember dieses Jahres über die EU-Perspektive Albaniens entschieden. Wie die EU-Kommission berichtet, hat Albanien vier von zwölf Schlüsselprioritäten erfüllt. Dazu zählen funktionierende Parlamentswahlen, eine Wahlrechtsreform sowie die Ernennung eines Ombudsmannes. Brüssel zeigte sich mit Albanien zufrieden und empfahl, dem Land offiziell den Kandidatenstatus zu gewähren.

Die Erfolge der Albaner müssten mit Respekt und Bewunderung betrachtet werden, sagt Martin Schulz. Sie seien in den letzten 100 Jahren einen weiten Weg gegangen.

Neben dem Humankapital kann Albanien mit einer äußerst günstigen geografischen Lage zusammen mit einer wunderschönen Küsten- und Berglandschaft aufwarten und hat nicht nur wegen seiner facettenreichen Geschichte sehr großes Potenzial für den Tourismus. Zudem ist Albanien sehr reich an Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten, die dem internationalen Markt zur Verfügung gestellt werden könnten.

Eine größere politische Entschlossenheit des Landes gepaart mit einem gut funktionierenden Rechtssystem würde große Investoren ins Land holen können. Gleichzeitig würde dies das Vertrauen der eigenen Bürger darin bestärken, sich für eine gesunde, konkurrenzfähige Gesellschaft im globalen Kontext einzusetzen. So könnte die europäische Integration Albaniens erfolgreich vonstatten gehen. Europa sollte dafür bereit sein und die Tür offen halten.

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