Türkei: EU-Beitrittsgegner legen zu

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdo?an. Foto: dpa

Immer weniger Türken wollen, dass ihr Land der EU beitritt, zeigt eine aktuelle Studie. Der Grund: Wirtschaftlich wie politisch gewinnt die Türkei an Bedeutung, während die kriselnde EU in den Augen der Menschen an Attraktivität verliert.

In der Türkei sinkt die Unterstützung für einen EU-Beitritt: Nur noch 44 Prozent der Türken sprechen sich dafür aus, das sind 4 Prozent weniger als im letzten Jahr. 34 Prozent sind dagegen der Meinung, ein Beitritt zur EU wäre schlecht für die Türkei – ein Jahr zuvor teilten lediglich 29 Prozent diese Ansicht.

Die Zahlen stammen aus der aktuellen Studie "Transatlantic Trends" (2013) der US-Stiftung German Marshall Fund und bestätigen erneut den seit zehn Jahren anhaltenden Vertrauensschwund der Türken in die EU. 2004 sprach sich noch eine überwältigende Mehrheit von 73 Prozent für einen EU-Beitritt aus, gerade mal 9 Prozent lehnten ihn damals ab.

Trotz der nachlassenden "EU-phorie" sind die Türken nach wie vor deutlich pro-europäischer eingestellt als die Europäer ihrerseits hinsichtlich eines Türkei-Beitritts: Nur jeder fünfte Europäer befürwortet einen EU-Beitritt der Türkei, jeder Dritte lehnt ihn ab, 37 Prozent sind weder dafür noch dagegen.

Wachsendes wirtschaftliches und politisches Selbstvertrauen

Warum schwindet die EU-Begeisterung der Türken? Die anhaltende Wirtschaftskrise in Europa dürfte ein Grund sein – die wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung der Türkei ein anderer. Die Studie belegt dies: 2013 fühlt sich jeder Dritte in der Türkei von der Krise nicht betroffen. 2012 traf dies nur auf 27 Prozent zu, 2009 auf 18 Prozent.

Während die Türken also zunehmend optimistisch in die Zukunft blicken, geht es den Europäern genau andersherum: Heute glauben nur noch 34 Prozent in der EU, von der Krise nicht betroffen zu sein, 2009 waren es noch 44 Prozent.

Das wachsende Selbstvertrauen der Türken beschränkt sich nicht auf die eigene Wirtschaftskraft. Auch auf der internationalen politischen Bühne bewegt sich die Türkei zunehmend souverän. Gut die Hälfte (51 Prozent) der Bürger goutiert den internationalen Kurs ihrer Regierung – ein leichter Zuwachs von 6 Prozent gegenüber 2011. Mehr als ein Drittel (38 Prozent) der Türken spricht sich für ein unabhängiges Vorgehen ihres Landes in internationalen Angelegenheiten aus. Dagegen wünschen sich nur 21 Prozent eine engere Kooperation mit der EU. Und nur gerade noch 8 Prozent wollen die Zusammenarbeit mit ihren nahöstlichen Nachbarn intensivieren – ein Rückgang um 12 Prozentpunkte gegenüber 2012.

Geteilte Meinungen zur NATO

Die Meinung der Türken zur NATO ist gegenüber dem letzten Jahr praktisch unverändert geteilt. Je 39 Prozent halten die Organisation für bedeutend beziehungsweise unbedeutend. Aufschlussreich sind die Motive der NATO-Befürworter und –Gegner: 30 Prozent der NATO-Sympathisanten sehen den wichtigsten Grund für eine NATO-Mitgliedschaft in der Zugehörigkeit zu einer "Gemeinschaft von Demokratien", gefolgt von den Vorzügen durch die militärische Lastenverteilung (27 Prozent).

Die NATO-Gegner  sind sich in ihrer Ablehnung dagegen weitgehend einig: 70 Prozent pochen auf die militärische Eigenständigkeit der Republik.

Patrick Timmann

Links

German Marshall Fund-Studie: Transatlantic Trends (2013)

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