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02/12/2016

EU-Parlamentarier und NGOs uneins über Nutzung von Gen-Saatgut in Entwicklungsländern

Entwicklungspolitik

EU-Parlamentarier und NGOs uneins über Nutzung von Gen-Saatgut in Entwicklungsländern

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Mitglieder des Europäischen Parlaments und von NGOs sind uneins über die Folgen des europäischen Standpunkts zum Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen (GVOs) in Entwicklungsländern.

Drei Jahre hatte es gedauert, um Europa aus der Sackgasse für gentechnisch veränderte Organismen zu holen. Das Europäische Parlament ermöglichte es im vergangenen Monat den Mitgliedstaaten, selbst über das Verbot oder die Erlaubnis für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu entscheiden.

Obwohl GVOs in den USA und Asien bereits weit verbreitet sind, ist der Widerstand in Europa nach wie vor groß.

„Ich glaube, es war der aktuell beste Kompromiss. Wir wissen, dass über GVOs sehr emotional diskutiert wird und viele Bürgerinnen und Bürger sehr dagegen sind, also müssen wir diese Meinung respektieren“, sagte die EVP-Europaabgeordnete Elisabeth Koestinger.

Die Entscheidung des Parlaments steigert Bedenken über den Verbraucherschutz, die Sicherheit für die Landwirte und den Binnenmarkt zwischen Ländern mit gegensätzlichen Positionen.

Auch außerhalb Europas gibt es Bedenken. Es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Entscheidung der EU auf die Entwicklungsländer haben wird?

In jenen Teilen Afrikas südlich der Sahara sind sieben von zehn Menschen Bauern. Dennoch ist der Kontinent immer noch auf Importe und Nahrungsmittelhilfe angewiesen, um sich zu ernähren, die Ausgaben für Lebensmittel aus den Industrieländern belaufen sich dort insgesamt auf rund 50 Milliarden Dollar pro Jahr.

Bei einem Besuch in Brüssel, weisen Bill Gates und Melinda Gates kürzlich auf Innovationen in der Landwirtschaft hin, um Lebensmittelabhängigkeit und Unterernährung loszuwerden.

„Mit einer dürreresistenten Maissorte, die genetisch verändert ist, könnte ein afrikanischer Bauer, männlich oder weiblich, 20 bis 30 Prozent mehr Ertrag aus der Farm holen. Wir denken, es ist an Kenia und Tansania und Südafrika zu entscheiden, ob das richtig für die Wirtschaft ist“, sagte Melinda Gates, Co-Vorsitzende der Bill and Melinda Gates Foundation.

Die konservative Europaabgeordnete Julie Girling ging sogar noch weiter und sagte, dass ein Ende der Forschung in Europa „Afrikas Ausbau der Fähigkeit, sich selbst zu ernähren, verlangsamen würde“. Europa, sagte sie, sei selbstsüchtig.

„Europa spielt eine wichtige Rolle im technologischen Fortschritt für die Entwicklungsländer, die über Gewinn hinausgeht. Es geht um unsere Pflicht“, sagte Girling.

„Ich kann Ihnen die Haltung der Menschen, die gegen genetisch veränderte Lebensmittel sind, nicht erklären, weil ich sich einfach nicht verstehe. Ich glaube nicht, dass die Ablehnung durch wissenschaftliche Beweise gestützt werden kann. Für mich ist der Standpunkt eher emotional, aber ich möchte, dass wir alle genauer auf Teile der Welt schauen, wo diese Produkte wirklich nützlich sind und uns fragen, ob es das Richtige für Europa zu sagen: Wir sind viel zu skeptisch, um selbst diese Produkte zu konsumieren, also könnt ihr sie auch nicht haben. Ich denke, das ist völlig falsch. Es ist nicht nur egoistisch, es grenzt an Kriminalität „, sagte Girling.

Im Gegensatz zu der Gates-Stiftung behaupten andere Organisationen wie Greenpeace , dass GVOs nicht die richtige Lösung für die Entwicklungsländer sein können. Sie sehen die Lösung nicht im erhöhten Ernteertrag, sondern in der Verbesserung der sozioökonomischen Bedingungen in den Ländern.

„Die Landwirte im Süden haben spezifische Probleme, die nicht auf die Samen zurückzuführen sind. Also würde ihnen eher eine sehr einfache Veränderung der Anbaumethoden, der Lagerung und der Transportkapazitäten helfen, die Landwirte heute brauchen. Was hilft es, wenn ein Bauer in einem kleinen Subsistenzbetriebs im Süden patentiertes teures GV-Saatgut kauft, wenn er dann die Chemikalie dafür auch kaufen muss, um die Ernte zu behandeln. Es macht keinen Sinn,“ sagte Greenpeace EU-Lebensmittelexpertin Franziska Achterbeg.

Die Debatte ist noch lange nicht vorbei. Denn die Landwirtschaft ist einer der umstrittensten Punkte in den laufenden EU-USA-Freihandelsgesprächen zu TTIP. Das bedeutet, dass der Widerstand gegen GVO in Europa sich wahrscheinlich noch für einige Zeit fortsetzen wird.