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27/08/2016

Land in Sicht: Den Wert unseres Bodens erkennen

Entwicklungspolitik

Land in Sicht: Den Wert unseres Bodens erkennen

Global gesehen kosten die Produktivitäts- und Ertragsrückgänge durch den jährlichen Verlust von rund 24 Milliarden Tonnen fruchtbarem Boden rund 40 Milliarden Euro pro Jahr.

[Oxfam International/Flickr]

Während sich die Welt um Klimawandel und Finanzkrisen kümmert, bleiben Fragen von Land und Boden meist auf der Strecke. Ein neuer Bericht zu den wirtschaftlichen Folgen unserer rücksichtlosen Boden-Zerstörung könnte das nun ändern, meint Steffen Bauer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Am 15. September stellt die Economics of Land Degradation (ELD) Initiative ihren Bericht “The Value of Land” bei der EU-Kommission in Brüssel vor. Dieser verdient Beachtung. Land und Böden sind Ressourcen, die wir meist stillschweigend voraussetzen. Sie geben uns Nahrung und Energie, speichern Wasser, beherbergen Millionen von Arten, regulieren das Klima, schützen uns gegen Auswirkungen von Überschwemmungen und sind sozioökonomisch, ökologisch und nicht zuletzt kulturell bedeutsam.

Doch die Menschheit zerstört Land und Böden mit alarmierender Geschwindigkeit. Die aggregierten Wirkungen lokaler Landnutzungsänderungen drohen eine weitere planetarische Grenze zu überschreiten. Trotz unermüdlicher Aktivitäten zahlreicher NGOs, die sich für nachhaltige Landnutzung einsetzen, und der Koordinierung der entsprechenden internationalen Bemühungen, etwa durch die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD), die Welternährungsorganisation (FAO) oder den Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), gibt es kaum Fortschritte in Richtung einer achtsameren Landnutznutzungspolitik. Während sich die Welt um Klimawandel und Finanzkrisen kümmert, bleiben Fragen von Land und Boden meist auf der Strecke. Dies könnte sich nun ändern. In der zweiten Jahreshälfte 2015 ist “Land in Sicht”:  das Thema gewinnt auf der politischen Agenda an Boden!

Die Kosten der Landdegradation

Der ELD-Bericht liefert die lang erwartete Grundlage, um nicht-nachhaltige Landnutzung zu stoppen und den Trend umzukehren. Wie der Stern Review on the Economics of Climate Change und The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB) versieht er Landdegradation mit einem Preisschild und belegt den Nutzen vermiedener Degradation. Er schafft also eine Grundlage, den sozioökonomischen Wert von Land und Böden zu erkennen. Im Kern zeigt er auf, was wir für einen Wandel in Richtung nachhaltiger Landnutzung zahlen müssen und warnt, dass uns bei Untätigkeit in Zukunft eine viel höhere Rechnung präsentiert werden wird.

Politische Entscheidungsträger können und werden auf der Basis ökonomischer Evidenz besser informierte Entscheidungen treffen. Wenn Regierungen abschätzen können, wieviel der Stopp von Landdegradation im Verhältnis zu langfristiger Untätigkeit kostet, sind sie eher zu nachhaltigen Landnutzungspolitiken bereit. Hierzu präsentiert der ELD-Bericht aktuelle und künftige Szenarien, liefert Erkenntnisse über Kosten und Nutzen und neue Belege dafür, dass sich nachhaltiges Bodenmanagement lohnt. Darüber hinaus bietet er Instrumente und Methoden zur Identifizierung von Gebieten, bei denen Sanierung oder Rekultivierung sinnvoll ist. Dies wird umso bedeutsamer im Kontext der neuen Ziele nachhaltiger Entwicklung (SDGs).

Dies gilt insbesondere für SDG 15 zu terrestrischen Ökosystemen und das einschlägige Unterziel 15.3, das dazu aufruft, bis 2030 eine degradationsneutrale Welt zu schaffen. Landdegradationsneutralität besteht dann, wenn die Gesamtmenge gesunder und produktiver Landressourcen stabil bleibt oder zunimmt. Natürlich birgt die praktische Umsetzung des Konzepts eine Reihe von Fragen, die letztlich politisch sind, zum Beispiel wann sollte Land überhaupt als degradiert gelten? Auf welcher Basis und mit welchen Indikatoren sollte die Erreichung von Landdegradationsneutralität gemessen werden? Dennoch, die eindeutige Berücksichtigung von Landfragen im SDG-Katalog unterstreicht den Eindruck, dass Land in Sicht ist. Die Welt ist sich des Problems der Landdegradation bewusst geworden. Wir erkennen endlich die Notwendigkeit an, die Schädigung unseres verbleibenden Grund und Bodens zu stoppen und die Bemühungen zu intensivieren, bereits degradiertes Land zu sanieren.

Eine Initiative zur rechten Zeit

Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung des ELD-Berichts könnte kaum passender sein. Unmittelbar vor Verabschiedung der SDGs auf dem Gipfel der UN-Generalversammlung zu nachhaltiger Entwicklung am 25.-27. September sendet er ein starkes Signal nicht nur über die Eignung der neuen Ziele, sondern auch zur Umsetzbarkeit der daraus folgenden Entwicklungsagenda. Seine Botschaft wirkt auch im Kontext des für 2015 ausgerufenen International Year of Soils, das gleichzeitig die Halbzeit der UN Decade for Deserts and the Fight Against Desertification (2010-2020) markiert.

Mehr noch wird er der UNCCD-Vertragsstaatenkonferenz einen wertvollen Impuls geben, die nur 14 Tage nach dem UN-Gipfel in Ankara beginnt. Dort wird es darum gehen, wie Landdegradationsneutralität erreicht werden kann, welche Ressourcen dafür notwendig sind und welche Rolle die Wissenschaft bei der Bewertung des Fortschritts von SDG-Maßnahmen mit Landbezug spielen könnte. Nicht zuletzt ist er auch im Kontext des neuen Klimaabkommens relevant, das von der UNFCCC-Vertragsstaatenkonferenz im Dezember in Paris angenommen werden soll. All dies unterstreicht die Notwendigkeit, die nachhaltige Bewirtschaftung landbasierter Systeme zu stärken. Diese dient der Anpassung an den Klimawandel ebenso wie dem Klimaschutz.

Selten war die Gelegenheit günstiger, den Argumenten für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Land- und Bodenressourcen nachdrücklich Gehör zu verschaffen. Die Vorstellung des ELD-Berichts erfolgt zur rechten Zeit und könnte endlich dazu führen, den Wert des Bodens unter unseren Füßen zu erkennen.

Der Autor

Steffen Bauer ist Politikwissenschaftler am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE mit Sitz in Bonn zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Think Tanks zur internationalen Entwicklungspolitik. Der folgende Beitrag erschien in der Reihe “Die aktuelle Kolumne”.