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24/09/2016

WWF-Studie: Ernährung befeuert Klimawandel und Umweltzerstörungen

Entwicklungspolitik

WWF-Studie: Ernährung befeuert Klimawandel und Umweltzerstörungen

Statistisch verbraucht jeder Bundesbürger 679 Kilogramm Lebensmittel im Jahr, darunter 52,6 Kilogramm Schweinefleisch, knapp 19 Kilo Geflügel und 26 Kilo Rind.

[Greg Bolton/Flickr]

Deutschlands Essgewohnheiten sind laut der Umweltorganisation WWF „Brandbeschleuniger“ für die globalen Klimaveränderungen – mit verheerenden Folgen für die Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern. Eine aktuelle Studie zeigt Alternativen auf.

Die Weltbevölkerung wächst, bis 2050 werden etwa 70 Prozent mehr Lebensmittel benötigt als heute – und damit auch mehr fruchtbare Ackerfläche. Deutsche konsumieren jedoch im Überdruss. Laut einer aktuellen Studie des WWF beansprucht ein Deutscher allein für seine Ernährung jährlich durchschnittlich 1.562 m2 Land, Tendenz steigend.

Unter anderem weil in Deutschland nicht genügend nutzbarer Boden zur Verfügung steht, muss rund ein Viertel der Landfläche „virtuell importiert“ werden – das heißt, Soja als Futtermittel für die Fleischproduktion wird häufig in Südamerika angebaut, Palmöl-Plantagen für Schokolade und Kakao liegen in Asien und Afrika.

„Wir sind dabei, unseren Planeten leer zu fressen“, warnt WWF-Expertin Tanja Dräger de Teran. „Wir müssen uns fragen, für welche Lebensmittel wir diesen Boden verwenden wollen. Wenn verfügbare Flächen immer mehr schwinden, können wir uns den derzeitigen Lebensstil künftig nicht mehr leisten.“

Statistisch verbraucht jeder Bundesbürger 679 Kilogramm Lebensmittel im Jahr, darunter 52,6 Kilogramm Schweinefleisch, knapp 19 Kilo Geflügel und 26 Kilo Rind. Hinzu kommen je 95,5 Kilo Gemüse und Getreideprodukte, knapp 71 Kilo Kartoffeln, 48 Kilo Zucker, 110,5 Kilo Obst und 119 Kilo Milcherzeugnisse.

Vor allem der enorme Konsum tierischer Lebensmittel wie Fleisch, Milch und Eier ist laut WWF sowohl ökologisch als auch gesundheitlich kritisch: So verursacht deren Erzeugung viele Millionen Tonnen Treibhausgase. Der Kohlendioxid-Ausstoß, der für die in Deutschland verbrauchten Lebensmittel entsteht, liegt laut WWF bei 161 Millionen Tonnen pro Jahr. Das sind 17 Prozent der gesamten Co2-Emissionen der Bundesrepublik.

Hinzu kommen Methan-Emissionen, insbesondere in der Rindermast, sowie Belastungen von Flüssen und des Grundwasser die Überdüngung von Böden. Um 1.000 Kalorien Geflügelfleisch zu erhalten, müssen zudem 1.500 Kalorien pflanzlicher Produkte eingesetzt werden – Produkte, die für die Ernährung in anderen Teilen der Welt bitter nötig wären.

Deutschland ist in Sachen Fleischkonsum unter den Top-EU-Ländern – lediglich Spanien, Österreich und Dänemark verbrauchen laut Zahlen der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft noch mehr.

Mehr als 30 Prozent der importierten Lebens- und Futtermittel stehen laut WWF mit Waldzerstörung – etwa in Südamerika – im Zusammenhang. Und auch in Deutschland verschwinden Bestände einst typischer Arten, wie etwa die Feldlerche. Der Druck wird sich allerdings noch verschärfen. Prognosen zufolge wird sich die weltweit verfügbare Ackerfläche auf 1.155 m2 pro Person und Jahr verringern.

In Abstimmung mit Ernährungswissenschaftlern hat der WWF ein Zukunftsszenario 2050 mit einer Ernährungspyramide entwickelt, die abwechslungsreiche Ernährung mit den ökologischen Grenzen der Erde in Einklang bringt. „Unsere Ernährung soll gesund, umwelt- und klimafreundlich sein. Zugleich muss jeder satt werden und essen soll auch Spaß machen. Was sich zunächst wie ein Widerspruch anhört, geht tatsächlich Hand in Hand“, erklärt Dräger de Teran.

Laut Studie muss vor allem der hohe Fleischkonsum auf 350 Gramm pro Woche halbiert werden. Konsumenten sollten dabei tiergerecht erzeugtem Bio- und Widefleisch oder Wildfleisch den Vorzug zu geben. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht wäre dies unproblematisch, würden genügend Mineralstoffe wie Eisen und Zink aus Hülsenfrüchten und Getreideprodukten aufgenommen. Insbesondere sollten auf den Tellern vermehrt Leguminosen, wie etwa Lupine oder Linsen, landen, so die WWF-Studie. Solche Produkte fänden sich derzeit bei den durchschnittlichen Ernährungsgewohnheiten kaum wieder.

Deutschland müsse in Zukunft Vorbild sein für andere europäische Länder, aber auch für solche Länder, die den westlichen Lebensstil kopieren, fordert de Teran. „Wir müssen zeigen, dass es bei der Ernährung auch anders geht.“

Weitere Informationen

World Wide Nature Fund (WWF): "Studie: Das Große Fressen" (04.01.2015)